Bedürftige und der verpatzte Oster-Lockdown »Die Politik hat vergessen, dass diese Menschen zum Monatsbeginn einkaufen gehen müssen«

Karsten Böhm verteilt als Sozialarbeiter Lebensmittel für die Berliner Tafel. Er freut sich über die Rücknahme der Lockdown-Beschlüsse – Bedürftige hätten in der Pandemie schon genug gelitten.
Ein Interview von Lisa Duhm
Eine Freiwillige der Berliner Tafel bereitet die Lebensmittelausgabe vor

Eine Freiwillige der Berliner Tafel bereitet die Lebensmittelausgabe vor

Foto: Britta Pedersen / picture alliance / dpa

SPIEGEL: Herr Böhm, Anfang der Woche haben sich die Ministerpräsidenten erst auf eine neue Regelung zur Eindämmung des Coronavirus geeinigt – und sie dann gleich wieder einkassiert. Es ging dabei auch um einen Lockdown über die Osterfeiertage mit zusätzlichen Supermarktschließungen. Hat die Politik dabei an die Menschen gedacht, die Sie regelmäßig bei der Tafel treffen?

Karsten Böhm: Ich glaube, diese Menschen wurden dabei schlicht vergessen. Das Thema Armut ist im Alltag der Pandemie für die Politikerinnen und Politiker offenbar ganz weit weg. Für meine Kunden bei der Tafel ist es eine große Erleichterung, dass die Regelung des Oster-Lockdowns zurückgenommen wurde. Denn die Politik hat schlicht vergessen, dass diese Menschen zum Monatsbeginn einkaufen gehen müssen, wenn sie neues Geld erhalten. Der Gründonnerstag ist der 1. April – gerade da die Supermärkte zu schließen mit anschließenden Feiertagen, wäre für viele eine Katastrophe gewesen. Unsere Kunden hier bei der Tafel haben eine hohe Kompetenz, ihr Leben mit ganz wenig Geld zu gestalten. Die meisten erhalten Sozialhilfe oder die sogenannte Grundsicherung. Das sind bis zu 446 Euro für eine alleinstehende Person. Oder bis zu 1413 Euro für eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Am Ende des Monats ist das Geld einfach alle, diese Familien hätten sich nicht vorab mit Lebensmitteln eindecken können.

SPIEGEL: Wie sind arme Menschen bisher durch die Krise gekommen?

Böhm: Diese Menschen wurden von der Politik komplett vernachlässigt. Der Oster-Lockdown wäre nur ein weiterer Punkt in diesem Drama gewesen. Zum Beispiel wurde überhaupt nicht bedacht, was passiert, wenn arme Menschen in Quarantäne müssen. Als Angehöriger der Mittelschicht kann ich in diesem Fall einfach bei Lieferando bestellen. Ich habe wahrscheinlich auch Freunde, die genug Geld haben, um für mich mit einzukaufen. Wenn dieses Netzwerk nicht existiert, wird es ganz schwierig. Unsere Kunden können nicht darauf zurückgreifen. Sie müssen Glück haben, dass ein Bekannter ihnen ihren Anteil von der Tafel mitbringt. Oder jemand vom Pflegedienst, der regelmäßig vorbeikommt und den Aufwand auf sich nimmt.

»Wir versorgen 180 Familien. Pro Woche kommen zwei bis drei neue hinzu«

Karsten Böhm

SPIEGEL: Wie hat sich Ihre Kundschaft in der Coronakrise verändert?

Böhm: Es kommen immer mehr Menschen. Insgesamt versorgen wir rund 180 Familien. Zurzeit kommen pro Woche zwei bis drei neue hinzu. An der Zusammensetzung der Kunden hat sich kaum etwas verändert, es nehmen weiterhin vor allem die alleinerziehende Mutter und der Rentner unsere Hilfe in Anspruch. Vor Kurzem hatte ich einen alleinerziehenden Vater hier, er kam gemeinsam mit seiner achtjährigen Tochter. Sein Kühlschrank sei leer und er habe kein Geld, sagte er. Wir hatten zu der Zeit nicht geöffnet, aber zum Glück kann ich Menschen in so einem Notfall trotzdem mit dem Nötigsten versorgen. Das kommt zurzeit mindestens einmal im Monat vor.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: Im ersten Lockdown im vergangenen Frühling mussten viele Tafeln schließen, aus Sorge vor einer Weiterverbreitung des Virus. Wie haben Sie Ihr System seitdem umgestellt, um auch in der Pandemie für Bedürftige verfügbar zu sein?

Böhm: Im ersten Lockdown vor einem Jahr sind wir wie alle anderen erst einmal voll in die Eisen gegangen. Wir haben ein Team aus 50 Ehrenamtlichen, die die Ausgabe organisieren, der Großteil ist über 70 Jahre alt. Die mussten wir ja auch schützen. Wir haben dann ziemlich schnell angefangen, die Lebensmittel vorab in Tüten zu packen. Die ersten Wochen habe ich die Ausgabe an der Tür quasi allein gemacht. Auf den aktuellen Lockdown waren wir besser vorbereitet. Wir haben kleine Teams gebildet, die die Tüten vorbereiten und auch verteilen. Früher mussten unsere Kunden schon mal drei bis vier Stunden bei uns warten, bis sie ihre Lebensmittel bekamen. Heute sind es im Schnitt 30 Minuten. Dafür können sie sich nichts mehr selbst aussuchen.

SPIEGEL: Was wünschen Sie sich in Hinblick auf bedürftige Menschen von der Politik?

Böhm: Die meisten Menschen wissen nicht, wie knapp das Geld ist, wenn man von Grundsicherung leben muss. Ich wünsche mir mehr Unterstützung und vor allem höhere Regelsätze für Bedürftige. Ich denke auch an die Familie mit den acht Kindern, die seit Wochen in Quarantäne sitzt, weil immer eins der Kinder einen infizierten Klassenkameraden hat. Vielleicht haben die großes Glück, und ihre Nachbarn versorgen sie mit Lebensmitteln von der Tafel mit. Aber was, wenn nicht? Und nur, weil die Kinder satt sind, sind sie ja noch nicht gut unterhalten. Es gab in der Vergangenheit tolle Initiativen, da haben zum Beispiel die Pfadfinder Tüten mit Bastelutensilien für die Kinder gepackt und verteilt. So etwas ist eine echte Hilfe für Familien in dieser schwierigen Situation. Viele Familien schlagen sich gerade fantastisch in dieser schwierigen Situation, und zwar nicht nur unsere Kunden. Ich finde, das sollte die Politik endlich lautstark anerkennen.