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24. Mai 2012, 13:58 Uhr

Wirbel um Kuttner-Lesung

Im Auge des Shitstorms

Von Jochen Brenner

Bei der Vorstellung ihres Buches in Hamburg erzählte Sarah Kuttner von einem Spielzeug ihrer Kindheit. Aus Wut über ihre Erinnerungen an die "Negerpuppe" rief ein Besucher die Polizei und zeigte die Autorin an. Der Skandal, der keiner ist, lässt sich jetzt nicht mehr stoppen.

Hamburg - Die "Negerpuppe" und Sarah Kuttner sind jetzt zwei, die es ohne einander nicht mehr gibt. Auf der Facebook-Seite der Autorin nähert sich die Zahl der Hasskommentare der Tausendermarke, Hunderte Tweets tragen den Namen der Künstlerin wütend in die Welt. Sie gehen zurück auf eine Titelgeschichte der "Hamburger Morgenpost", die Anfang der Woche über Kuttner erschien. Seitdem gibt es in der Öffentlichkeit eine direkte Linie, die Kuttner, die Puppe und einen Hamburger mit äthiopischen Wurzeln verbindet. Er wirft Kuttner vor, eine Rassistin zu sein.

Was die Autorin in diesen Tagen erlebt, ist die Entfesselung eines Skandals, dessen Anlass für die, die darüber urteilen, keine Rolle mehr spielt, gar nicht spielen kann. Denn einiges spricht dafür, dass es einen Anlass überhaupt nicht gibt. "Ich habe mich nicht vergaloppiert, mich nicht verplappert. Meine Worte waren nicht einmal missverständlich", sagt Kuttner.

Am vergangenen Freitag hatte die Autorin, 33 Jahre alt, im Hamburger Club Uebel & Gefährlich ihr Buch "Wachstumsschmerzen" vorgestellt, es war der 15. Abend einer Lesereise quer durch Deutschland. Das Buch liegt schon seit November vergangenen Jahres in den Läden, es handelt vom Erwachsenwerden zweier Anfangdreißiger in einer Großstadt. "Gegen Ende meiner Auftritte lese ich aus dem Kapitel, um das es jetzt geht", sagt Kuttner, "manchmal erzähle ich etwas dazu, wenn das Publikum nett ist oder ich einfach Lust drauf habe, in Hamburg war das so."

Das Wort, das an Kuttner klebt

In dem Kapitel beschreibt Kuttner, wie die Protagonistin Luise ihre Wohnung durchstreift und ihre Habseligkeiten kritisch in Augenschein nimmt. Es endet mit einem kurzen Absatz, der das Wort enthält, das nun an Kuttner klebt.

"Nichts zu sagen ist allerdings gegen meine Negerpuppe. Ein riesiges Stoffungetüm, ganze achtzig Zentimeter purer, unschuldiger Rassismus mit einem obszön großen Kopf, der so schwer ist, dass er der Puppe immer wieder auf die schmalen Schultern fällt und ihr so permanent einen ergreifend niedergeschlagenen Eindruck verleiht. Als wäre das nicht schon entsetzlich genug, wird das Ganze noch von einem furchterregenden Paar praller, aufgenähter Wurstlippen getoppt. Vollkommen undenkbar, dass so etwas heute noch verkauft würde (...)."

Im Uebel & Gefährlich liest Kuttner nicht nur vor, sie redet auch über die Stelle, gibt sie als autobiografisches Mosaik des Romans zu erkennen. "Ich habe, wie in der Passage im Buch beschrieben, erzählt, dass die Lippen der Puppe furchtbar und unnatürlich riesig gewesen seien, mit dem ganz klaren und für alle Anwesenden eindeutigen Verweis darauf, wie unrealistisch und rassistisch diese Puppe sei. Ich sagte, dass so eine Puppe heutzutage zu Recht gar nicht mehr hergestellt werden würde", sagt Kuttner.

Unter den rund 250 Besuchern am Abend ist der 37-jährige Hamburger Benjamin B., der äthiopische Wurzeln hat. "Sie zog über diese 'Negerpuppe' her, ließ sich über deren 30 Zentimeter große 'Schlauchbootlippen' aus und wiederholte, wie ekelhaft sie diese Lippen fand. Sie habe die Puppe wegschmeißen müssen, weil es kein Sinn gehabt habe, sie zu behalten", ließ sich B. von der "Hamburger Morgenpost" am Montag nach der Lesung zitieren. Er fühle sich in seiner Ehre beleidigt. "Das war einfach nur rassistisch." Für eine Stellungnahme war B. nicht zu erreichen.

"Alltagsrassismus thematisiert"

War es gerade nicht der Buchtext, der B. erregte, sondern fühlte er sich von den Anekdoten getroffen, mit denen Kuttner die Stelle im Buch begleitete? "Sie erzählte, dass sie die Puppe als stereotyp wahrgenommen hat und sich wunderte, warum ihre aufgeklärten Eltern ihr in den Achtzigern eine solche Puppe geschenkt haben", sagt Frank Spilker, Sänger der Band Die Sterne, der als Zuhörer bei Kuttners Lesung war. "Sie hat den Altagsrassismus thematisiert, der ihr jetzt vorgeworfen wird." Die Veranstalterin des Abends erinnert sich, dass während der Lesung im Publikum keine besondere Reaktion auf Kuttners Kindheitserinnerungen zu spüren war. "Bevor sie die Stelle aus ihrem Buch vorlas, in der der Begriff 'Negerpuppe' vorkommt, erzählte sie, dass in ihrer Kindheit der Begriff üblich war, ein Umstand, der sie heute seltsam berührt, damals aber als normal galt."

Nach der Lesung verschafft sich der aufgebrachte B. Zutritt zum Backstage-Bereich des Uebel & Gefährlich, Kuttner raucht dort eine Zigarette. Es entspinnt sich ein Dialog, den B. in der "Morgenpost" später so wiedergibt: "Sie sagte: 'Ich muss gar nicht reden, ich rauche gerade.'" Daraufhin habe sie "sehr laut" zu ihren Managern gesagt: "Gib ihm das Eintrittsgeld wieder, damit er verschwindet."

In Kuttners Version der Ereignisse beginnt B. während der Rauchpause, auf sie einzureden. "Er hat behauptet, von mir rassistisch beleidigt worden zu sein. Ich erklärte ihm, weshalb das Unsinn sei und sagte im Laufe des Gespräches: 'Wenn Du die Lesung so furchtbar fandest, gebe ich dir gern persönlich das Eintrittsgeld zurück.'" Zeugen des Gesprächs werden nur Kuttners Tourbegleiterin und eine Freundin.

"Eklat um Negerpuppe"

Während der Signierstunde nach der Lesung erscheinen zwei Polizisten im Uebel & Gefährlich", B. hat sie in der Zwischenzeit verständigt, sie nehmen seine Anzeige gegen Kuttner auf. Ab dem Moment hat die Angelegenheit ein Aktenzeichen bei der Polizei. Es ist auch der Moment, in dem der Vorfall Fahrt aufnimmt und eine Geschwindigkeit erreicht, die niemand mehr abbremsen kann.

Die Redakteure der "Hamburger Morgenpost" konfrontieren Kuttners Manager mit der Anzeige, setzen eine Frist von drei Stunden. Weil er sich nicht äußert, erscheint am Montag nach der Lesung die Titelgeschichte ohne Stellungnahme. "Eklat um 'Negerpuppe': Hamburger zeigt TV-Moderatorin Sarah Kuttner an", steht auf der Titelseite der Zeitung, die in der Stadt mit einer Auflage von mehr als 100.000 Exemplaren erscheint. Der "Berliner Kurier" bringt die Geschichte, die "Bild" berichtet in ihrer Online-Ausgabe über den Vorfall und beruft sich auf die "Morgenpost". Die "Welt" schreibt: "'Minderbemittelte' Kuttner faselt über Negerpuppe." Das Wort "minderbemittelt" haben die Zeitungsmacher in Anführungszeichen gesetzt. Es ist ein Zitat eines ehemaligen Moderatoren-Kollegen und stammt aus der Folge-Geschichte der "Hamburger Morgenpost" über Kuttner. Unter der Überschrift "Sarah ist minderbemittelt" äußert sich Mola Adebisi auf Seite 10 ausführlich über seine Zeit mit Kuttner.

"Sie hat häufiger rassistische Witze bei 'Viva' gemacht und ist damit durchgekommen", sagt er dort. "Ich würde mich freuen, wenn sie mal Juden-Witze machen würde, dann wäre ihre Karriere nämlich beendet. Aber Türken und Afro-Deutsche leisten nicht den Widerstand. Juden lassen sich keine Beleidigung gefallen."

Nach der Lesung im Uebel & Gefährlich fasst Kuttner auf ihrer offiziellen Facebook-Seite den letzten Abend ihrer Lesetour zusammen, "Achduliebeslieschen Hamburg!" schreibt sie. "Habe eine professionelle Aussage gemacht und werde jetzt wohl Ehrenmitglied der Hamburger Polizei. Danke für einen irren Abend!"

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