Reaktionen nach Stellungnahme »Ratzinger verstrickt sich immer mehr in seine Lügengebilde«

»Peinlich«, »Sünder«, »Unwahrheit«: Nach seiner korrigierten Aussage zum Münchner Missbrauchsgutachten reißt die Kritik an Papst Benedikt XVI. nicht ab. Ein alter Weggefährte fordert eine Entschuldigung bei den Opfern.
Benedikt XVI. (Archivbild): Heftige Kritik am emeritierten Papst

Benedikt XVI. (Archivbild): Heftige Kritik am emeritierten Papst

Foto: VINCENZO PINTO/ AFP

Nachdem der emeritierte Papst Benedikt XVI. eine Falschaussage für das Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising eingeräumt hat, gibt es massive Kritik an seiner Stellungnahme.

Der Sprecher der Opferinitiative »Eckiger Tisch«, Matthias Katsch, hat sich enttäuscht geäußert. Benedikt – bürgerlich Joseph Ratzinger – habe sich nur dafür entschuldigt, dass er eine falsche Angabe zu seiner Teilnahme an einer Sitzung im Jahr 1980 gemacht habe. »Entschuldigen müsste er sich eigentlich für den ganzen Vorgang, denn er ist mit dafür verantwortlich, dass dieser Priestertäter anschließend jahrzehntelang Kinder im Bistum gefährden konnte«, sagte Katsch am Montag der Nachrichtenagentur dpa. »Das ist ja der eigentliche Skandal.«

Benedikt spricht von »Fehler«

Es sei ein Muster in der katholischen Kirche, immer nur das zuzugeben, was sich nicht mehr bestreiten lasse, sagte Katsch. »Damit trägt er dazu bei, dass man wirklich das Gefühl hat, man kann ihnen nichts glauben.« Viel besser wäre es, die Größe zu haben, den Fehler zuzugeben und dafür um Verzeihung zu bitten.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hatte eingeräumt, anders als zunächst angegeben doch im Januar 1980 als Erzbischof von München und Freising an einer Sitzung teilgenommen zu haben, bei der über den Priester Peter H. gesprochen wurde. Dieser war zuvor mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern auffällig geworden. Auf Bitte des Bistums Essen übernahm das Erzbistum München und Freising den Priester, der dort eine Therapie absolvierte. Er wurde in München schnell wieder in der Seelsorge eingesetzt und missbrauchte erneut Kinder.

Auf Nachfrage der Gutachter hatte Benedikt bestritten, an jener Sitzung im Januar 1980 teilgenommen zu haben. Nun sprach er von einem »Fehler« und einem »Versehen bei der redaktionellen Bearbeitung« seiner Stellungnahme für die Gutachter.

Kritik an fehlendem Schuldeingeständnis

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller warf Benedikt vor, weiterhin die Unwahrheit zu sagen. Zwar habe der emeritierte Papst zugegeben, an einer entscheidenden Sitzung in München im Jahr 1980 teilgenommen zu haben. Er bestreite aber weiterhin wahrheitswidrig, etwas über die Vorgeschichte H.s gewusst zu haben. »Dies ist erneut eine Unwahrheit, wie das in der vergangenen Woche vorgestellte Gutachten von Westpfahl Spilker Wastl beweisen konnte«, sagte Schüller der dpa. »Joseph Ratzinger verstrickt sich immer mehr in seine Lügengebilde und wird auch durch die angekündigte ausführliche Stellungnahme den irreparablen persönlichen Schaden für sich und sein Lebenswerk nicht mehr beseitigen können. Er beschädigt damit dauerhaft das Papstamt und damit die katholische Kirche.«

Die katholische Reformbewegung »Wir sind Kirche« bezeichnete die Stellungnahme als »peinlich«. »Was immer noch fehlt, ist sein persönliches Schuldeingeständnis«, sagte Sprecher Christian Weisner. Durch falsche Entscheidungen im Fall dieses Priesters sei »vielen Betroffenen großes Leid zugestoßen. Das hätte durch ihn verhindert werden können. Dieser Gesamtverantwortung muss er sich stellen«, sagte Weisner. »Es ist höchst peinlich und unglaubwürdig, dass Joseph Ratzinger seine erste Stellungnahme zum Münchner Gutachten in einem so entscheidenden und leicht nachprüfbaren Punkt korrigieren muss«.

Wolfgang Beinert: »Alle Menschen sind Sünder, Päpste auch«

Der Theologe und langjährige Weggefährte Benedikts, Wolfgang Beinert, fordert eine öffentliche Entschuldigung bei Opfern sexuellen Missbrauchs. »Das ist unbedingt notwendig«, sagte der emeritierte Theologieprofessor der »Augsburger Allgemeinen« . »Es bleibt ihm also nur übrig zu sagen: Ja, ich habe einen Fehler begangen und bereue ihn bitterlich«, sagte er. »Anschließend müsste er ein Zeichen setzen – so er das noch kann.«

»Auch Päpste sind vor Lügen nicht gefeit«, sagte der Ratzinger-Schüler Beinert. »Alle Menschen sind Sünder, Päpste auch. Und auch Päpste sind Menschen, die in der Not zum rettenden Strohhalm greifen«, sagte er. »Mich hat das erschüttert«, sagte der 88-Jährige über Äußerungen Ratzingers, einer der beschuldigten Priester habe als Privatmann gehandelt. »Ich glaube, Ratzinger hat die Dimension dessen, was da geschehen ist, überhaupt noch nicht begriffen.«

Benedikt hatte das Erzbistum München und Freising von 1977 bis 1982 geführt. Das vom Erzbistum selbst in Auftrag gegebene und in der vergangenen Woche veröffentlichte Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt worden seien. Benedikt werden vier Fälle von Fehlverhalten angelastet, darunter auch die Aufnahme des Priesters Peter H.

bbr/dpa