Streitbare Thesen Benedikt XVI. gibt Achtundsechzigern Mitschuld am Missbrauchsskandal

In einem Aufsatz macht der emeritierte Papst die Achtundsechziger für Übergriffe katholischer Priester auf Kinder mitverantwortlich. Die Kirche, behauptet Benedikt der XVI., sei "wehrlos" gewesen.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (im Juni 2018 im Vatikan)
Daniel Karmann/DPA

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (im Juni 2018 im Vatikan)


Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat die sexuelle Revolution der Zeit um 1968 und die Säkularisierung der westlichen Gesellschaft für den sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche mitverantwortlich gemacht. Benedikt führt diese Taten in einem jetzt veröffentlichten Aufsatz vor allem auf außerkirchliche Entwicklungen zurück.

Als Gründe benennt er etwa die Liberalisierung der Sexualität und die schwindende Bedeutung des Glaubens in der heutigen Gesellschaft: "Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen? Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes." Eine Welt ohne Gott sei eine Welt ohne Moral: "Es gibt dann keine Maßstäbe des Guten oder des Bösen." Von Machtstrukturen in der Kirche ist in dem Papier nicht die Rede.

"Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde", schrieb Benedikt in dem Aufsatz, den unter anderen das katholische Nachrichtennetzwerk CNA veröffentlichte.

Unabhängig davon hätte sich zeitgleich "ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte". Erst jetzt erkenne man mit "Erschütterung, dass an unseren Kindern und Jugendlichen Dinge geschehen, die sie zu zerstören drohen".

Nach Rücksprache mit seinem Nachfolger Franziskus habe er den Text für das bayerische "Klerusblatt" verfasst, schrieb der ehemalige Papst, der kommende Woche 92 Jahre alt wird. In dem Text heißt es: Zwischen 1960 bis 1980 seien "die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen" und eine "Normlosigkeit entstanden, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat".

Katholische Theologen übten scharfe Kritik an diesen Thesen. Es sei "verblüffend", teilte Julie Hanlon Rubio, Professorin an der kalifornischen Privatuniversität Santa Clara, auf Twitter mit, "eine freizügige Kultur und progressive Theologie für ein internes und strukturelles Problem verantwortlich zu machen". Sie bezeichnete Benedikts Analyse als "zutiefst fehlerhaft" und "zutiefst beunruhigend".

Brian Flanagan, Dozent an der Marymount University im US-amerikanischen Virginia, twitterte: "Das ist ein beschämendes Schreiben." Die Annahme, der Missbrauch von Kindern durch Geistliche sei ein Ergebnis der Sechzigerjahre und eines angeblichen Zusammenbruchs der Moraltheologie, sei eine "peinliche, falsche Erklärung für den systematischen Missbrauch von Kindern und dessen Verschleierung".

Benedikt war von 2005 bis zu seinem überraschenden Rücktritt 2013 Oberhaupt der katholischen Kirche - damals hatte er versprochen, künftig "für die Welt verborgen" zu bleiben. In seiner Amtszeit kam ans Licht, dass weltweit massenweise Kinder von Geistlichen missbraucht wurden.

"Geduldet, vertuscht und geleugnet"

Angesichts dieser schweren Krise hatte Papst Franziskus erst vor einigen Wochen zu einem Anti-Missbrauchs-Gipfel in den Vatikan eingeladen. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Grund für Missbrauch auch die Machtstrukturen der Kirche sind (mehr über das Thema erfahren Sie hier).

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung hatte zuletzt hervorgehoben, die Wurzeln des Problems seien Jahrhunderte alt und auch in den Machtstrukturen begründet. Missbrauch werde so begünstigt - unter anderem durch den Zölibat, eine "schwierige Sexualmoral", ausgeprägte Hierarchien, die moralische Machtposition der Kirchen und die Rolle von Frauen in der Kirche.

"Es gibt keine Institution, die eine konservativere Sexualmoral vertritt und gleichzeitig über Jahrzehnte den sexuellen Missbrauch in ihren Reihen geduldet, vertuscht und geleugnet hat", sagte Rörig im Februar. "Es ist unumgänglich, dass die Kirche sich alle Bausteine ihrer Struktur ernsthaft kritisch vor Augen führt"

Zuletzt hatte sich Benedikt im vergangenen Jahr über direkte Vergleiche zwischen ihm und seinem Amtsnachfolger empört. Es sei ein "törichtes Vorurteil, wonach Papst Franziskus bloß ein praktisch veranlagter Mann ohne besondere theologische und philosophische Bildung sei, während ich selbst nur ein Theoretiker der Theologie gewesen wäre, der wenig vom konkreten Leben eines heutigen Christenmenschen verstanden hätte", schrieb Benedikt XVI. in einem Brief an den Präfekten des vatikanischen Kommunikationssekretariats.

mxw/dpa

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