Benedikt XVI. in Deutschland Papa kommt nach Hause

Benedikt XVI. besucht seine Heimat. Viele sehen seine Deutschland-Visite kritisch - doch das stört die Katholiken nicht, Zehntausende wollen ihn live erleben. In Berlin wird der oberste Glaubenshüter von den Papst-Fans bereits mächtig gefeiert, obwohl er noch gar nicht da ist.

Von , Berlin


Benedikt XVI. stapelt sich auf den Kirchenbänken, lächelnd, die rechte Hand zum Gruß erhoben. Die Bildchen sind älteren Datums, sie ähneln dem Mann nur noch entfernt, der mit wächsernem Gesicht, in einer Position verharrend, vergangene Woche das "Wort zum Sonntag" vom Teleprompter ablas. Auf dem Flyer trägt er weiße Soutane mit weißer Mozzetta, auf dem schneeweißen Haupt einen Pileolus, so wie er auch am Donnerstag in Berlin vor Zehntausenden im Olympiastadion erscheinen wird.

In der St.-Bonifatius-Kirche in Kreuzberg wird der Papst wenige Stunden zuvor so gefeiert, als sei er längst da, und zwar von denen, die ohne ihn nicht da wären. Astrid zum Beispiel, die in Schwerin lebt, seit Tagen aufgeregt ist, und es kaum erwarten kann, den Pontifex endlich live zu erleben.

An diesem Abend nimmt die 39-Jährige all ihren Mut zusammen und stellt sich vor den Altar ans Mikrofon. Als sie 2005 gehört habe, dass Papst Johannes Paul II. gestorben sei, habe sie gerufen: "Ey, darauf müssen wir einen trinken!" In Dresden geboren habe sie sich damals für Kirche nicht interessiert. Neugierig sei sie erst geworden, als Joseph Ratzinger zum Nachfolger gewählt worden sei."Der kam auf den Balkon, ich war perplex", erinnert sie sich, "dieser kleine Mann mit so großer Ausstrahlung, da dachte ich, der muss von Gott gesandt sein".

T-Shirt mit dem Konterfei des Heiligen Vaters

Die Erleuchtung allerdings sei ihr in der winterlichen Kälte des Kölner Doms während einer Predigt Kardinal Meisners gekommen. "Mir war trotz eisiger Temperaturen wohlig warm, ich dachte: Du musst katholisch werden." Astrid ließ sich taufen, dieses Jahr firmen. "Ich freue mich richtig auf Donnerstag, wenn der Papst endlich da ist!", juchzt die Neu-Katholikin ins Mikrofon, beim Gedanken an die Begegnung bekomme sie eine Gänsehaut.

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Berlin-Besuch: Benedikt XVI. kommt nach Deutschland
So wie Astrid geht es vielen Katholiken. Deutschland erwartet Papst Benedikt XVI. Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche beginnt am Vormittag in Berlin seinen viertägigen Besuch. Am Nachmittag hält der Pontifex eine Rede im Bundestag - die zahlreiche Abgeordnete boykottieren wollen. Am Abend feiert Benedikt einen Gottesdienst im Berliner Olympiastadion. Weitere Stationen des Besuchs sind Erfurt, Etzelsbach im thüringischen Eichsfeld und Freiburg. Kritiker des Papstes haben Protestaktionen und Demonstrationen angekündigt. Für alle Besuchsziele gilt die höchste Sicherheitsstufe.

Astrid trägt ein "D pro Papa"-T-Shirt mit dem Konterfei des Heiligen Vaters. Ein Aufdruck, der sie in die Ecke rückwärtsgewandter, konservativer Gruppen rückt, denn "Deutschland pro Papa" zeigte sich erst kürzlich in Karlsruhe mit dem Salzburger Weihbischof Andreas Laun, der sich für seine Thesen gegen eine angebliche "Homosexualisierung der Gesellschaft" feiern lässt. Astrid will sich dazu nicht äußern, viel lieber will sie über ihren Übertritt sprechen.

Denn damit liegt sie alles andere als im Trend: Allein 2010 kehrten 181.000 Katholiken der Kirche den Rücken - erstmals mehr, als getauft wurden. Seit 1990 sind insgesamt 2,6 Millionen Menschen ausgetreten, mehr als 87 Prozent der Katholiken meiden sonntags den Gottesdienst. Die dritte Reise des Kirchenoberhaupts in seine Heimat gilt auch deshalb schon jetzt als die schwierigste.

Für Papst-Begeisterung belächelt

Sie empfinde "tiefe Verehrung und Bewunderung" für Benedikt XVI., allein schon für das Mammutprogramm, das er sich in Deutschland antue, sagt Astrid. Auf den apathischen Auftritt beim "Wort zum Sonntag" angesprochen, wiegelt sie ab: Inzwischen soll es ihm wieder besser gehen. Es sind hohe Anforderungen an den Nachfolger des Apostels Petrus, der vier Tage lang vom Papamobil aus seinen Segen verteilen und der Menge zuwinken soll: Gesund sein, vital dreinblicken.

Der Auftritt vor der Gemeinde in Kreuzberg hat Astrid Überwindung gekostet. Nicht nur einmal wurde sie für ihre Papst-Begeisterung belächelt, bei der Arbeit, aber auch innerhalb der eigenen Familie. Manche bewundern sie auch, sagt sie, dass sie so fest im Glauben stehe und sich nicht davon abbringen lasse. Ihr Glaubensbekenntnis zwischen meditativen Klängen auf der Konzertgitarre und am Klavier wird von den anderen Besuchern mit Applaus quittiert.

Auch Stefan, Astrids Ehemann, ist konvertiert. "Je mehr Ratzinger ich las, desto näher kam ich an Jesus ran", sagt er ins Mikrofon, Beifall brandet auf. "Ich war totaler Atheist", gesteht auch Stefan Ahrens aus Kiel, über fernöstliche Religionen sei er vor knapp zehn Jahren bei Ratzingers Theorien gelandet, dessen katholische Lesart des christlichen Glaubens habe ihn überzeugt. Inzwischen promoviert er über den Heiligen Vater, durfte ihn persönlich treffen, gar mit ihm sprechen - auch er erntet tosenden Applaus.

"Dieser Mann liebt uns und ich liebe ihn"

Ebenso Judith, 22, aus Bonn, deren größtes Erlebnis die erste Beichte war. Gott sei nun ihr wichtigster Freund, sagt sie und fügt einen Nachsatz über den Papst hinzu: "Dieser Mann liebt uns und ich liebe ihn." Die Bekundungen vor Publikum erinnern ein bisschen an einen Stuhlkreis der Anonymen Alkoholiker. Astrid lacht über den Vergleich und nickt zustimmend. "Ja, erst ein Geständnis, dann der Zuspruch: Es tut gut, endlich mal rauszutragen, wie wichtig der Papst für uns ist."

Über die Missbrauchsfälle, Austrittszahlen, das verlorengegangene Vertrauen, das ramponierte Image und die tiefe Identitätskrise der katholischen Kirche will an diesem Abend keiner sprechen. Manche wenden sich wortlos ab, andere rollen die Augen. Traditionalisten unter sich. Sie sind in guter Gesellschaft, denn nach der zweistündigen Einstimmung auf den Papstbesuch hält Bischof Rainer Maria Woelki, neues Oberhaupt des Berliner Bistums, eine feierliche Messe und macht auf heile katholische Kirchenwelt.

Woelki gilt als Ziehsohn von Kardinal Meisner, will sich aber weder in die konservative noch in die liberale Schublade zwängen lassen. Die Priesterweihe für Frauen, die Abschaffung des Zölibats oder andere geforderte Reformen sind nicht seine Themen, er schweigt dazu und genießt vielmehr durch Weihrauchschwaden den minutenlangen Beifall nach der Begrüßung. Die Katholiken aus Kreuzberg sind in Applaudierlaune.

Der Bischof freut sich über die vielen jungen Christen an diesem Abend, denn der Heilige Vater habe besonders für sie ein Herz. Aber, der Ordinarius erhebt die Stimme und bedient sich der Jugendsprache, der Papst wolle der Jugend nicht nur "Spaß und Fun" mitgeben und so mahnt Woelki am Ende seiner Predigt: "Wir wollen weder Christus noch den Papst enttäuschen!"

Bis nach Mitternacht standen die Tore der St.-Bonifatius-Kirche offen für die Pilger, die nach Berlin gekommen sind, um Benedikt XVI. zu sehen. Organisiert haben die Veranstaltung junge Gläubige von "Nightfever", einer Gruppe, die beim Weltjugendtag in Köln entstanden ist. Sie trinken Kaffee aus Thermoskannen oder Cola, große Rucksäcke stapelten sich an den Kirchenmauern. "An Schlaf ist heute Nacht eh nicht zu denken", sagt Astrid.

insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
Bernd Dahlenburg 22.09.2011
1. "Andere Welt"
Zitat von sysopPapst Benedikt XVI. ist im Anmarsch. Zehntausende wollen ihn in Deutschland live erleben. In einer Kirche in Berlin-Kreuzberg wurde*der oberste*katholische Glaubenshüter*bereits mächtig gefeiert, obwohl er noch gar nicht da ist. Besuch in einer anderen Welt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,787696,00.html
@ die Autorin dieses Artikels: Ich bin zwar Protestant und fühle mich nicht in allen Punkten angsprochen, aber ich kann Ihnen sagen - um Ihre Worte aufzugreifen: "In *Ihrer Welt* lebe ich nicht und würde darin auch niemals leben wollen" Schönen Tag noch bei der SPIEGELung deutscher Befindlichkeiten!
zyzzleflyx 22.09.2011
2. Öhm...
Ich warte eher darauf, dass er wieder geht. Und am besten leise und unauffällig mit ein paar Anklagen am Hals.
Polikvera. 22.09.2011
3. furchtbar schrecklich
Zitat von sysopPapst Benedikt XVI. ist im Anmarsch. Zehntausende wollen ihn in Deutschland live erleben. In einer Kirche in Berlin-Kreuzberg wurde*der oberste*katholische Glaubenshüter*bereits mächtig gefeiert, obwohl er noch gar nicht da ist. Besuch in einer anderen Welt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,787696,00.html
da kommt der reichste mann der welt und wir müssen millionen von steuergeldern aufbringen um seine EGO-PARADE,abzusichern.tausende von polizisten können in unserem land nicht nach verbrechern fahnden. in europa haben einige länder erhebliche finanzprobleme und hier wird das geld zum fenster rausgeworfen. wenn alle die den papst sehen wollen dann sollen sie für diese veranstalltungen eintritt bezahlen.ich muß für ein konzert oder fußballspiel auch tief in die tasche greifen. ich halte solch ein verhalten des papstes als äußerst dekadent.
Pollowitzer 22.09.2011
4. Riesen Rummel um verhältnismäßig wenig Interesse
Mir unverständlich das sich die Deutsche Presse um den Besuch den Hals dermaßen heiser kreischt - kommt doch nur der Oberguru einer Kirche/Sekte - Ineressanter finde ich die Frage warum der selbsternannte Stellvertreter Gottes auf Erden soviel Schutz braucht und ein gepanzertes Tantemobil fährt? - Man sollte doch annehmen wenn Gott mit diesem Alleinvertretungsanspruch einverstanden wäre, dann würde der Allmächtige/Allanwesende seinen Knecht auf Erden doch selber entsprechend schützen - scheint aber nicht der Fall zu sein - ist dann wohl ein Schwindel ...und wir Bürger müssen für diesen völlig überflüßigen Besuch ne Menge Ungemach in Kauf nehmen - Ratze bleib doch in Rom!!
dasgibtesdochnicht, 22.09.2011
5. "Bedenke, daß Du sterblich bist"
Zitat von sysopPapst Benedikt XVI. ist im Anmarsch. Zehntausende wollen ihn in Deutschland live erleben. In einer Kirche in Berlin-Kreuzberg wurde*der oberste*katholische Glaubenshüter*bereits mächtig gefeiert, obwohl er noch gar nicht da ist. Besuch in einer anderen Welt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,787696,00.html
Die größten Atheisten werden im Angesicht des Todes katholisch. Ein bischen mehr Respekt wäre angetan.
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