Benedikt XVI. Papstbesuch spaltet Großbritannien

Die Briten wappnen sich für einen historischen Tag: Zum ersten Mal seit der Kirchenspaltung 1534 kommt ein Papst zu einem offiziellen Besuch. Die Begeisterung auf der Insel hält sich in Grenzen, Atheisten wollen Benedikt XVI. einen heißen Empfang bereiten.

REUTERS

London - Pathos liegt Lord Patten fern. Der frühere Gouverneur von Hongkong betrachtet die Welt gern leicht amüsiert, meist hat er eine lakonische Bemerkung parat. Der Katholik wird allerdings ernst, wenn er über den bevorstehenden Papstbesuch in Großbritannien redet, den er im Namen der Regierung organisiert. Dann rutscht ihm auch schon mal das Wort "historisch" über die Lippen.

Am Donnerstag landet Benedikt XVI. im schottischen Edinburgh. Es ist der erste offizielle Besuch eines Vatikan-Oberhaupts, seit England sich 1534 von der katholischen Kirche losgesagt hat. Zwar war Vielflieger Johannes Paul II. 1982 auch schon mal da, aber das war als reine Seelsorgervisite klassifiziert. Diesmal hingegen wird der Papst in Edinburgh von der Queen empfangen, und in London warten alle fünf lebenden britischen Premierminister auf ihn, darunter der bekannteste Katholik des Landes, Tony Blair.

Auf seiner viertägigen Rundreise über die Insel wird Benedikt für Menschenaufläufe sorgen, wohin er auch kommt. Das gehört bei Papstreisen dazu. Zwei große Freiluft-Gottesdienste in Glasgow und Birmingham sind geplant sowie ein Abendgebet im Londoner Hyde Park. Mit dem Papamobil wird Ratzinger durch Edinburgh, London und Birmingham rollen, Zehntausende Schaulustige am Straßenrand sollen ihm zujubeln.

Es würden "vier sehr besondere Tage" werden, versprach der britische Premier David Cameron. "Nicht nur für die sechs Millionen Katholiken, sondern für viele Gläubige in ganz Großbritannien."

Doch im Vorfeld des Papstbesuchs hatte es zahlreiche Irritationen gegeben. Die jüngste kam am Mittwoch, als die britischen Medien auf ein "Focus"-Interview aufmerksam wurden, in dem Kurienkardinal Walter Kasper Großbritannien als "Dritte Welt" bezeichnete. "Wenn Sie am Flughafen Heathrow landen, denken Sie manchmal, Sie wären in einem Land der Dritten Welt gelandet", wurde Kasper da zitiert. Und weiter: Christen würden in Großbritannien benachteiligt. "Vor allem in England ist ein aggressiver Neu-Atheismus verbreitet. Wenn Sie etwa bei British Airways ein Kreuz tragen, werden Sie benachteiligt."

Der Vatikan, um Schadensbegrenzung vor dem heiklen Besuch bemüht, reagierte sofort und distanzierte sich von den Äußerungen, und Kasper sagte seine Teilnahme an der Reise ab - offiziell aus gesundheitlichen Gründen.

Von Popemania keine Spur

Beim Besuch Johannes Paul II. vor 28 Jahren waren Hunderttausende zu den Gottesdiensten gepilgert, das Land war in "Popemania" verfallen. Dieses Mal werden es wohl nur Zehntausende, die Veranstalter mussten ihre Erwartungen bereits mehrfach herunterschrauben.

Der Kartenverkauf läuft schleppend, die Messen sind vielleicht nicht einmal ausverkauft. Das hat mit der umständlichen Anmeldeprozedur zu tun - und mit einer gewissen Bequemlichkeit der Gläubigen: Wer etwa am Sonntagmorgen in Birmingham dabei sein will, muss bereits mitten in der Nacht in den Bus steigen und dann stundenlang unter offenem Himmel warten - ohne Regenschirm.

Zwei Drittel der Briten gaben in einer Umfrage an, den Besuch weder gut noch schlecht zu finden. Drei Viertel sagen, der Staat solle kein Geld dafür ausgeben. In einem Land, in dem die Katholiken in der klaren Minderheit sind, sollte das niemanden überraschen.

Katholische Beobachter erklären sich die Gleichgültigkeit auch mit der Person Benedikts, dem das Charisma seines Vorgängers fehlt. "Johannes Paul der Zweite war ein Rockstar", sagte Catherine Pepinster, Chefredakteurin der katholischen Wochenzeitung "The Tablet", der BBC. "Dieser Papst ist nicht so ein extrovertierter Typ."

Für Patten, den Papstbeauftragten der Regierung, war die Vorbereitung der Visite daher eine undankbare Aufgabe.

Seit Monaten preist er den hohen Besuch der Öffentlichkeit an, doch es hagelt fast ausschließlich negative Schlagzeilen. Der Papst erscheint in der säkularen Gesellschaft als schwer verkäuflich. Benedikt komme in "die Höhle des Löwen", unkte die "Times".

Vor allem die Kosten, sonst bei keiner Staatsvisite ein Thema, werden von Kritikern immer wieder angeführt. Rund zwölf Millionen Pfund wird der britische Staat tragen, plus Polizeikosten von einigen Millionen Pfund. Die Kirche weist darauf hin, dass der Besuch nicht die Idee des Vatikans war, sondern auf jahrelanges Drängen der früheren britischen Premierminister Blair und Brown zurückgehe. Blair besuchte den Vatikan während seiner Amtszeit dreimal, Brown überbrachte schließlich die Einladung der Queen. Doch in Zeiten leerer Staatskassen war die Kritik wohl unvermeidlich.

"Auf wessen Seite stünde der Tischler aus Nazareth?"

Auch die jüngsten Kirchenskandale haben die alte Skepsis der Engländer gegenüber dem Vatikan wieder verstärkt. Die aufrüttelnden Untersuchungsberichte über den Kindesmissbrauch im benachbarten Irland sind nicht vergessen, und erst vergangene Woche wurde der jüngste Vertuschungsskandal in Belgien bekannt. Auch Benedikts kompromisslose Haltung zu Schwulen, weiblichen Priestern und Kondomen gilt weiten Teilen der britischen Bevölkerung als hoffnungslos antiquiert. Benedikt sei ein "umstrittener Papst", räumt selbst die Katholikenzeitung "The Tablet" ein.

Der "Independent"-Kolumnist Johann Hari rief die britischen Katholiken dazu auf, ihren Oberhirten zu boykottieren, weil er den Kindesmissbrauch jahrzehntelang an höchster Stelle vertuscht habe. "Ihr habt die Wahl bei diesem Staatsbesuch", schrieb Hari. "Ihr könnt zu Ratzinger stehen oder zu seinen katholischen Opfern. Auf wessen Seite stünde der Tischler aus Nazareth?"

Die Atheistenbewegung, die in Großbritannien dank Leitfiguren wie Richard Dawkins besonders stark aufgestellt ist, plant allerlei Gegenveranstaltungen. Die Idee, die Anfang des Jahres kurz für Schlagzeilen sorgte, nämlich, den Papst bei seinem Besuch festzunehmen, wurde zwar wieder fallengelassen. Sie war wohl doch nicht durchführbar. Aber die Dachorganisation "Protest the Pope" ruht nicht.

Am Montag gab es in London bereits eine dem Papst gewidmete Comedy-Nacht. Am Freitag steigt die "Official Nope Pope Party". Der Flyer verspricht "großartige Musik des göttlichen DJ" und die Möglichkeit, sich von "Papst Steve" verheiraten zu lassen. Am Samstag, wenn der Papst in London ist, wird eine Demonstration vom Hyde Park zur Downing Street ziehen.

"Soho Masses" für homosexuelle Katholiken

In der Masse der Gläubigen werden die paar Demonstranten wahrscheinlich untergehen, aber die Kritiker dominieren die öffentliche Debatte vor dem Besuch. Der öffentlich-rechtliche Sender Channel 4 strahlte am Montag eine vernichtende Dokumentation "The Trouble with the Pope" aus, die vom Schwulenrechtsaktivisten Peter Tatchell gedreht wurde.

Mit einiger Genugtuung wurde auch berichtet, dass der Papst in Westminster Abbey die Hand der Priesterin Jane Hedges schütteln wird. Die anglikanische Kirche erlaubt auch Frauen, das Priestergewand zu tragen - für Kommentatoren ein weiteres Zeichen, dass man auf der Insel in religiösen Fragen bereits weiter ist.

Selbst in katholischen Gemeinden geht es in Großbritannien häufig liberaler zu als anderswo. Die "Soho Masses", die seit elf Jahren jeden zweiten Sonntag in einer Londoner Kirche stattfinden, richten sich explizit an homosexuelle Katholiken. Die Veranstalter sind nun Teil der Protestbewegung gegen den Reaktionär aus Rom.

Anhänger des Papstes hegen die Hoffnung, dass die Stimmung kippt, sobald er gelandet ist. Die Erfahrung mit Auslandsreisen zeige, dass die Medien nach der Ankunft des Papstes ganz anders berichten würden als vorher, sagt Austen Ivereigh von der Lobbygruppe "Catholic Voices". Die These ist nicht abwegig. Allein die BBC hat laut "Sunday Times" 400 Mitarbeiter im Einsatz - angeblich mehr als für die Fußball-WM in Südafrika.

insgesamt 252 Beiträge
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Thakla 16.09.2010
1. Lammfleisch mit Minzsauce und der heilige Stuhl
Kartenverkauf läuft schleppend in Glasgow? Ein Ticket sollte als Sühneleistung für die englische Kochkunst vermarktet werden. Mahlzeit Benedikt!
herbert 16.09.2010
2. Grausam dieser Papst !
Er sollte an England vorbeifliegen und sich um die vielen Missbrauchsopfer in Irland kümmern, die durch die katholische Kirche so erniedrigt wurden.
derpolokolop 16.09.2010
3. Papstbesuch spaltet Briten
Zitat von sysopDie Briten wappnen sich für einen historischen Tag: Zum ersten Mal seit der Kirchenspaltung 1534 kommt ein Papst zu einem offiziellen Besuch. Die Begeisterung auf der Insel hält sich in Grenzen, Atheisten wollen Benedikt XVI. einen heißen Empfang bereiten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,717601,00.html
Mit so eine Schlagzeile könnte man meinen es steht 50:50. Das stimmt nicht, eine große mehrheit ist dagegen. Das muss doch auch selbstverständlich sein!
hermesgolf 16.09.2010
4. freies geleit
Zitat von sysopDie Briten wappnen sich für einen historischen Tag: Zum ersten Mal seit der Kirchenspaltung 1534 kommt ein Papst zu einem offiziellen Besuch. Die Begeisterung auf der Insel hält sich in Grenzen, Atheisten wollen Benedikt XVI. einen heißen Empfang bereiten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,717601,00.html
schade, dass die brit. regierung b16 "freies geleit" gewährt hat. sonst hätte man viel geld für einen überflüssigen besuch sparen können.
Ylex 16.09.2010
5. Nur der Allmächtige...
Im Jahr 1987 besuchte Papst Johannes Paul II. die Stadt Münster. Vor Reise in den Norden Deutschlands hatte er sogar den Wunsch geäußert, bis nach Bremen und Hamburg vorzustoßen, doch die Hanseaten lehnten ebenso höflich wie entschieden ab. Benedikt XVI. zieht es nun in den Nordwesten Europas, in das Land von Stonehenge, in das Land der Kelten und der spröden Anglikaner - nur der Allmächtige, dem der Papst ja beruflich sehr nahe steht, weiß, was er dort verloren hat außer sechs Millionen Katholiken, die sich noch nie nach ihm gesehnt haben.
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