Münchner Missbrauchsgutachten Was Benedikt XVI. vorgeworfen wird – und wie er darauf reagierte

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. steht seit der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens im Zentrum der Kritik. Was wird ihm zur Last gelegt? Der Überblick.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (Archivbild): Oft keine Erinnerung

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (Archivbild): Oft keine Erinnerung

Foto: Tony Gentile / Reuters

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. steht nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens im Zentrum der öffentlichen Kritik. Joseph Ratzinger, wie Benedikt mit bürgerlichem Namen heißt, wird Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch während seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising vorgeworfen. Zwischen 1977 und 1982 soll er auf vier Fälle nicht adäquat reagiert haben. 

Nicht nur die Vorwürfe lösten scharfe Kritik am ehemaligen Oberhaupt der katholischen Kirche aus, sondern auch die Art und Weise, wie Benedikt XVI. damit umgeht. Zwar antwortete er auf 82 Seiten ausführlich auf die Fragen der Gutachter, was grundsätzlich zunächst positiv zu bewerten ist. Der Inhalt enttäuscht jedoch viele Betroffene. So argumentierte er zum Beispiel in einer Stellungnahme an die Gutachter, ein verurteilter Priester habe seine Straftaten als »Privatmann« begangen (Fall 37). In einem anderen, zentralen Fall räumte er nach der Veröffentlichung ein, zunächst falsche Angaben gemacht zu haben und berief sich auf ein Versehen »bei der redaktionellen Bearbeitung« seiner Stellungnahme.

Im Zeitraum von Benedikts Amtszeit gab es laut Missbrauchsgutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW)  Fälle von elf Klerikern, die für ihn relevant waren. Mit fünf Fällen steht Ratzinger demnach in Verbindung. »Davon betreffen zwei Fälle während der Amtszeit des Erzbischofs Kardinal Ratzinger verübte Taten und drei Fälle solche, die vor dessen Amtszeit und teilweise außerhalb des Gebiets der Erzdiözese verübt wurden«, heißt es in dem Bericht. In einem Fall sehen die Gutachter die Vorwürfe gegen den damaligen Erzbischof als nicht bestätigt an (Fall 22).

Die Vorwürfe und Reaktionen im Überblick:

Fall X – die Falschaussage

Der Vorwurf: Peter H., ein Geistlicher aus Nordrhein-Westfalen, soll vielfach Jungen missbraucht haben. Zur Amtszeit Ratzingers wurde H. in dessen Erzbistum versetzt, wo er wieder als Seelsorger arbeitete. Jahre später wurde H. rechtskräftig wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Er soll immer wieder Taten begangen haben. Über die Aufnahme des Priesters in München war in einer Sitzung im Januar 1980 entschieden worden, an der auch Ratzinger teilnahm.

Benedikts Reaktion: In einer Stellungnahme an die Gutachter hatte Benedikt XVI. zunächst bestritten, bei dieser Sitzung anwesend gewesen zu sein. Tatsächlich berichtete der SPIEGEL schon 2010, als der Fall des Priesters H. erstmals großes Aufsehen erregte, unter Berufung auf ein Sitzungsprotokoll von Benedikts Anwesenheit. Aufgrund des Protokolls zweifelten auch die Gutachter die Angaben Ratzingers an. Mittlerweile hat er eine Falschaussage eingestanden. Er habe doch an der Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980 teilgenommen. Der Fehler sei aber »nicht aus böser Absicht heraus geschehen«, sondern »Folge eines Versehens bei der redaktionellen Bearbeitung seiner Stellungnahme«. Dies tue ihm »sehr leid«, und er bitte, dies zu entschuldigen.

In der damaligen Sitzung sei jedoch nicht über einen »seelsorgerlichen Einsatz« des Priesters entschieden worden. Man habe aber der Bitte entsprochen, dem Mann »während seiner therapeutischen Behandlung in München Unterkunft zu ermöglichen«.

Das sagen die Kritiker: Der Sprecher der Opferinitiative »Eckiger Tisch«, Matthias Katsch, äußerte sich enttäuscht. »Entschuldigen müsste er sich eigentlich für den ganzen Vorgang, denn er ist mit dafür verantwortlich, dass dieser Priestertäter anschließend jahrzehntelang Kinder im Bistum gefährden konnte«, sagte Katsch der Nachrichtenagentur dpa. »Das ist ja der eigentliche Skandal.« Die katholische Reformbewegung »Wir sind Kirche« bezeichnete die Stellungnahme als »peinlich«. »Was immer noch fehlt, ist sein persönliches Schuldeingeständnis«, sagte Sprecher Christian Weisner.

Fall 37 – Verurteilter Priester arbeitete weiter im Schuldienst

Der Vorwurf: Ein Priester, der in der Erzdiözese München und Freising Religionslehrer war, wurde Anfang der 1970er-Jahre wegen »zweifacher versuchter Unzucht mit Kindern und (sexueller) Beleidigung« vom Landgericht verurteilt. Fünf Jahre später wurde gegen ihn wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und exhibitionistischer Handlungen eine Geldstrafe verhängt. Im folgenden Jahr wurde der Priester zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, in diesem Fall wegen versuchten sexuellen Missbrauchs von Kindern und Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Ratzinger soll vom damaligen Generalvikar über die Geldstrafe gegen den Mann informiert worden sein. Der Kardinal soll einverstanden gewesen sein, dass der Priester auf seiner Stelle bleiben könne, weil kein Skandal zu befürchten sei. Die Gutachter schreiben, Ratzinger habe möglicherweise auch von der ersten und einer späteren Verurteilung gewusst. Dennoch sei der Mann weiter in der Seelsorge und im Schuldienst eingesetzt worden. Es seien keine adäquaten Maßnahmen ergriffen worden, um weitere Sexualdelikte zu verhindern. Ratzinger trage deswegen eine Mitverantwortung dafür, dass weitere Personen sexuellen Übergriffen ausgesetzt worden seien.

Benedikts Reaktion: In seiner Stellungnahme an die Gutachter schreibt Benedikt, er könne sich an den Priester erinnern, an das Gespräch mit dem Generalvikar aber nicht. Er gehe davon aus, dass ihm die Gründe für den Strafbefehl nicht mitgeteilt worden seien. Von der ersten Verurteilung des Priesters habe er nicht gewusst. Der Ende der 1970er-Jahre ergangene Strafbefehl, sei erst nach Ratzingers Amtszeit an das Erzbischöfliche Ordinariat übermittelt worden. Darüber sei er auch nicht mehr informiert worden. Da er also keine Kenntnis über die Vergehen des Priesters gehabt habe, habe er auch keine Veranlassung gesehen, Maßnahmen gegen ihn zu verhängen.

Benedikt argumentiert zudem, dass der Priester bei den Taten, die zu seiner ersten Verurteilung und zum Strafbefehl geführt hatten als »anonymer Privatmann« gehandelt habe, er sei nicht als Priester zu erkennen gewesen. Zudem sei er als Exhibitionist und nicht als Missbrauchstäter im eigentlichen Sinn aufgefallen, er habe seine Opfer nicht angefasst. In der Seelsorge und im Religionsunterricht habe der Mann sich nichts zuschulden kommen lassen. Er sei im Gegenteil sehr beliebt gewesen.

Das sagen die Kritiker: Die Gutachter sehen ihre Vorwürfe durch die Stellungnahme Benedikts XVI. nicht entkräftet, sie gehen weiter davon aus, dass der damalige Erzbischof von den Vergehen des Priesters wusste. Es sei nahezu ausgeschlossen, dass Ratzinger Informationen über derartige Straftaten vorenthalten worden sein sollen. Benedikts Argumentation vom »Privatmann« steht derweil in der öffentlichen Kritik. »Mich hat das erschüttert«, sagte der Theologe und langjährige Weggefährte Benedikts, Wolfgang Beinert, der »Augsburger Allgemeinen« : »Ich glaube, Ratzinger hat die Dimension dessen, was da geschehen ist, überhaupt noch nicht begriffen.«

Fall 40 – Verurteilung eines Priesters ignoriert

Der Vorwurf: Ein Priester einer Diözese im Ausland wurde Mitte der 1970er-Jahre wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt, die Strafe wurde auf Bewährung ausgesetzt. Der Priester wurde zum Studium in die Erzdiözese München und Freising versetzt. Dafür sei auch mit Ratzinger gesprochen worden, der zudem ein Schreiben mit der Information über die Verurteilung erhalten habe. An verschiedenen Orten Bayerns wurde der Mann als Kaplan in der Seelsorge eingesetzt. Schulunterricht sollte er nicht geben. Anfang der 1980er-Jahre kam heraus, dass der Mann beim Nacktbaden erwischt wurde und er sich intensiv um private Kontakte zu Ministranten bemühte. Die Ordinariatssitzung beschloss daraufhin, dem Mann zu kündigen.

Die Gutachter argumentieren, Ratzinger habe den Priester ohne Berücksichtigung der Verurteilung übernommen, obwohl ihm die Hintergründe bewusst gewesen seien. Es seien keine Maßnahmen bekannt, die weitere Übergriffe verhindern hätten sollten. Der Priester habe im Gegenteil weiter Kontakt mit Kindern und Jugendlichen gehabt. Bei Beschwerden sei der Priester innerhalb der Münchner Diözese öfter versetzt worden.

Benedikts Reaktion: Der emeritierte Papst kann sich angeblich weder an den Priester noch an Gespräche über dessen Übernahme erinnern. Er habe auch nicht von den Missbrauchsvorwürfen und der Verurteilung gewusst. Es habe zwar Konflikte zwischen dem Priester und Pfarrern gegeben, es seien aber keine Fälle bekannt geworden, die auf sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen hingedeutet hätten. Vom Nacktbade-Vorfall und dem Kontakt zu den Ministranten habe er erst erfahren, als der Abschied des Priesters bereits festgestanden habe. Außerdem schrieb Benedikt, dass »nach damals herrschender Meinung in der Psychiatrie, die Pädophilie als therapier- und heilbar galt.«

Das sagen die Kritiker: Die Gutachter des Missbrauchsberichts halten an ihren Vorwürfen fest. Die Aktenlage zeige, dass Ratzinger selbst mit dem verurteilten Priester sprach. Zudem halten sie es nicht für glaubhaft, dass Ratzinger das Schreiben mit der Information über die Verurteilung des Priesters vorenthalten worden sein könnte. Weiter heißt es: »Dass Unkenntnis selbst dann noch behauptet wird, wenn dies, wie insbesondere im Fall 40, mit den im Rahmen der Akteneinsicht zur Verfügung gestellten Unterlagen aus Sicht der Gutachter nur schwerlich in Einklang zu bringen ist, ist für die Gutachter gleichermaßen erstaunlich und aufschlussreich.«

Die Aktivistinnen der katholischen Reformbewegung Maria 2.0 forderten Benedikt XVI. wegen seines Umgangs mit Missbrauchsfällen auf, seinen päpstlichen Namen abzulegen. In einem Statement der Bewegung heißt es, er habe den sexuellen Missbrauch Minderjähriger »auf geradezu dreiste Weise verharmlost«.

Joseph Ratzinger bei seiner Bischofsweihe 1977

Joseph Ratzinger bei seiner Bischofsweihe 1977

Foto:

Hartmut Reeh / dpa

Fall 42 – Priester machte anzügliche Fotos von Kindern

Der Vorwurf: Ein Priester machte Anfang der 1980er-Jahre anzügliche Fotos von Kindern. Das Erzbischöfliche Ordinariat entschied daraufhin, Ratzinger zu empfehlen, den Amtsverzicht des Priesters anzunehmen. Außerdem sollen Ratzinger die Presseberichte zum Fall weitergeleitet worden sein. Dem Beschuldigten wurde später die seelsorgerische Betreuung eines Altenheims und eines Krankenhauses übertragen. Ein halbes Jahr nach Bekanntwerden des Vorfalls wurde gegen den Priester eine Geldstrafe verhängt »wegen dreier Vergehen des sexuellen Missbrauchs von Kindern«, darunter auch ein »Vergehen des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen«. Gegen den Priester konnten keine disziplinarischen Maßnahmen seitens der Kirche festgestellt werden.

Laut den Gutachtern legt ein zeitlich nicht näher bestimmter Aktenvermerk nahe, dass Ratzinger erst nach der Versetzung des Priesters von Vorfällen erfahren haben soll. Das halten die Gutachter jedoch für unrealistisch. Sie werfen Ratzinger vor, keine Maßnahmen ergriffen zu haben, um weitere Übergriffe zu verhindern. Den Opfern sei mit Gleichgültigkeit begegnet worden.

Benedikts Reaktion: Der emeritierte Papst schreibt, er habe den Priester aus dem Studium gekannt. An den Sitzungen, in denen über den Priester gesprochen worden sei, habe er nicht teilgenommen. Und er habe nicht gewusst, warum der Priester seinen Amtsverzicht beantragt habe. Darum hätten sich der Generalvikar und der Personalreferent gekümmert. Er könne sich nicht daran erinnern, dass ihm der Pressebericht zum Fall weitergeleitet worden sei.

Benedikt argumentiert, dass selbst bei Kenntnis des Presseberichts keine kirchenstrafrechtliche Relevanz erkennbar gewesen wäre – weil nicht von Handlungen berichtet worden sei, die auf »Erregung der Geschlechtslust schließen ließen, insbesondere keine Berührungen von Geschlechtsorganen«.

Fazit der Gutachter: Die Stellungnahme Benedikts überzeugt sie nicht. So sei eine Kopie eines Zeitungsartikels, in dem berichtet wird, dass der Priester ein zwölf Jahre altes Mädchen im Intimbereich berührt habe, in den Amtsakten des ehemaligen Erzbischofs Kardinal Ratzinger gefunden worden. Dass Ratzinger nicht von dem Strafbefehl gegen den Priester gewusst haben will, sei lebensfremd.

Fall 22 – Verurteilter Priester zum Pfarrer ernannt (entkräftet)

Der Vorwurf: Ein Priester war in den 1960er-Jahren wegen »schwerer Unzucht zwischen Männern« zu einem Jahr und vier Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die Opfer waren zwischen 15 und 16 Jahren alt. Nach seiner verkürzten Haftzeit wurde der Mann im Ausland mit seelsorgerischen Aufgaben betraut, drängte aber wieder in die Erzdiözese München und Freising, Anfang der 1970er-Jahre gelang ihm die Rückkehr. Hier wurde ihm durch Ratzinger Mitte oder Ende der 1970er-Jahre der Titel »Pfarrer« verliehen. Einige Zeit später wurde der Mann in den Ruhestand versetzt, im Namen des Erzbischofs wurde ihm ein aufrichtiger Dank für seine Arbeit als Priester und Seelsorger ausgesprochen. Später war der Mann selten noch als Priester tätig.

Die Gutachter sahen Hinweise darauf, dass Ratzinger von der Verurteilung des Priesters gewusst hatte. Dennoch habe er ihm mit der Verleihung des Titels »Pfarrer« Wertschätzung entgegengebracht. Außerdem seien erneute Kontakte mit Kindern und Jugendlichen nicht angemessen verhindert worden.

Benedikts Reaktion: Der emeritierte Papst weist die Vorwürfe in seiner Stellungnahme an die Gutachter vehement zurück. Er könne sich nicht an den Priester erinnern. Er sei sich sicher, ihm nie begegnet zu sein. Entsprechend habe er auch nicht von der Verurteilung des Mannes gewusst. Für die Diözesanleitung sei keine von dem Priester ausgehende Gefahr für Kinder und Jugendliche erkennbar gewesen, deswegen habe es auch keine Tätigkeitsbeschränkungen gegeben. Die Verleihung des Titels »Pfarrer« sei ein Routinevorgang in Unkenntnis der Verurteilung gewesen. Den Dank habe er nicht ausrichten lassen.

Fazit der Gutachter: Aufgrund von Indizien waren die Gutachter davon ausgegangen, dass Ratzinger von der Verurteilung des Priesters gewusst hatte. Der emeritierte Papst sei den Vorwürfen aber so dezidiert begegnet, dass es keine Grundlage gebe, an den Vorwürfen festzuhalten. In dem Fall sehen die Gutachter Benedikt XVI. als entlastet an.