Benedikt XVI. wird 90 Vor der Welt verborgen

Am Ostersonntag feiert der emeritierte Papst Benedikt seinen 90. Geburtstag. Wie lebt der greise Geistliche, seit er vor vier Jahren auf sein Amt verzichtete?

AFP

"Guten Morgen, Heiliger Vater!" - "Oh, guten Morgen, Heiliger Vater, ich wünsche, wohl geruht zu haben!" So könnte man es sich vorstellen, wenn Papst Franziskus und sein Vorgänger Benedikt XVI. sich beim frühen Spaziergang in den vatikanischen Gärten zufällig treffen. Aber das tun sie wohl nicht, allenfalls sehr selten.

Denn der eine hat den Tag voller Termine, hält Messen auf dem Petersplatz, reist zu sozialen und politischen Brennpunkten in aller Welt oder betreut Obdachlose in Rom. Der andere sitzt im kleinen Kloster Mater Ecclesiae ("Mutter der Kirche") im Vatikan. Allein, mit ein paar Nonnen aus dem Laienorden Memores Domini, die ihm den Haushalt führen, den Obst- und Gemüsegarten in Schuss halten und ansonsten, so wie ihr Chef, viel beten und meditieren. Ab und zu erfreuen sie ihn mit selbst gemachter Orangenmarmelade oder mit Keksen aus eigener Herstellung. Ansonsten hört Joseph Ratzinger viel Musik. Klassik, vor allem Kirchenmusik.

"Wir sind Papst", hatte die Bild-Zeitung getitelt, als der deutsche Kardinal am 19. April 2005 zum Oberhaupt der Katholiken gewählt wurde. Knapp acht Jahre später ging er in Rente, nun feiert er am Ostersonntag seinen 90. Geburtstag.

Die Gratulanten: Franziskus, Horst Seehofer, Gebirgsschützen

Papst Franziskus wird vermutlich vorbeischauen, Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein und Bruder Georg Ratzinger ganz sicher. Der 93-jährige ehemalige Regensburger Domkapellmeister freut sich schon, denn "natürlich gehört am Mittag ein gutes Essen dazu".

Für Ostermontag hat sich neben einer Schar bayerischer Gebirgsschützen auch Horst Seehofer nebst Gattin angesagt, um dem Landsmann zu gratulieren. Aber vielleicht auch, um von Benedikt ein Wort zu der schwierigen Entscheidung zu hören, die Seehofer in Bälde "verkündigen" will: Ob er weiter Bayern regieren oder auch in Rente gehen soll. Bei solchen Fragen ist dieser Papst ja nun einmal Experte. Denn sein Rückzug aufs Altenteil hatte eine wahrhaft historische Dimension.

Gelegentlich sind Päpste verjagt worden, manche sind unter merkwürdigen Umständen gestorben. Aber freiwillig zurückgetreten ist kein Papst mehr, seit 1294 Coelestin V. lieber wieder Einsiedler als weiterhin Kirchenchef sein wollte. Entsprechend riesig war die Aufregung, als Benedikt XVI. bekannt ab, dass ihm "die Kraft" fehle, um weiterhin den schweren Job zu machen.

31 Reisen in Italien, 24 Touren in ferne Länder und viel, viel Ärger im Vatikan hatten an den Kräften des zart gebauten Intellektuellen gezehrt - immerhin war er bei seinem Amtsantritt schon 78 Jahre alt. Er habe "sehr gelitten unter manchen Dingen, die dieses Amt mit sich bringt", sagte der Theologe Max Seckler, Ratzingers langjähriger Kollege und Freund. Man könne sich gar nicht vorstellen, welche Intrigen es in Rom rund um den Papst gebe.

Gegen Abtreibung, Sterbehilfe, Homo-Sex

Doch, kann man. Manches konnte man ja sogar lesen. Über die Machtkämpfe und Eifersüchteleien in der Katholiken-Zentrale, zum Beispiel, die durch gezielte Enthüllungen unter dem Begriff "Vatileaks" monatelang Stoff für die Medien lieferten. Andere Konflikte hatte Benedikt selbst ausgelöst - zum Beispiel, indem er die Exkommunikation von vier Bischöfen der Piusbruderschaft aufhob und damit auch den Holocaust-Leugner Richard Williamson wieder in den Schoß der Kirche bettete. Oder durch seine, ausgerechnet in Brasilien verkündete kühne These, die Christianisierung Lateinamerikas sei keine Oktroyierung einer fremden Kultur gewesen, sondern von den Ureinwohnern unbewusst herbeigesehnt worden.

Wie schon zuvor als Chef der Glaubenskongregation war Ratzinger auch als Papst Benedikt ein Traditionalist, ein Bewahrer dessen, was in der Kirche schon immer galt: gegen Abtreibung, Sterbehilfe, Homo-Sex und all die anderen Abweichungen vom rechten Weg der Bibel. Ein Hardliner, der stets umstrittene Anführer des konservativen Lagers im katholischen Weltreich. Natürlich kostet das Kraft.

Zu seinem 75. Geburtstag wollte er, damals noch Präfekt der Glaubenskongregation, schon einmal abtreten. Aber der damalige Papst Johannes Paul II. winkte ab. Er müsse sein Rücktrittsgesuch gar nicht erst schreiben, sagte er Ratzinger, "denn ich will Sie bis zum Ende haben".

So wurde Ratzinger drei Jahre später Nachfolger des polnischen Papstes und musste sich und die auf Reformen hoffenden Katholiken noch weitere acht Jahre quälen, ehe er verkündete: Ich kann nicht mehr.

"Genug gearbeitet"

Benedikt wohnte ein Weilchen in der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo, weil seine neue, klösterliche Bleibe im Vatikan noch umgebaut werden musste. Nachfolger Franziskus kam am 23. März auf einen Plausch vorbei - auch das ein historisches Ereignis: das erste Treffen eines Papstes mit seinem Nachfolger seit mehr als 700 Jahren. Beide beteten zusammen, nannten sich "Brüder" und der Papst im Ruhestand schwor dem aktiven bedingungslosen Gehorsam.

Danach wurde es still um Benedikt. Ab und zu zeigt er sich noch öffentlich, bei Heiligsprechungen auf dem Petersplatz beispielsweise, hier und da hält er eine Rede, noch seltener gibt er Interviews. Er bleibt weitgehend, wie er es selbst angekündigt hatte, "vor der Welt verborgen".

Einer der wenigen, die den Ruheständler in seinem Alterssitz besuchen konnten, ist sein langjähriger Lektor Burkhard Menke. Bücher lesen und schreiben, das hatte Joseph Ratzinger stets am liebsten getan. Als Papst hatte er nur an seinem "freien Dienstag" Zeit dafür. Da füllte er noch fleißig und beharrlich mit dem Bleistift in seiner winzigen Schrift Zeile um Zeile, auf der Vorder- wie auf der Rückseite.

Ratzingers Schrift ist mit vielen selbst erfundenen stenografischen Zeichen versetzt, deshalb "nur für wenige geübte Leser dechiffrierbar", wie Menke kürzlich in einem "Zeit"-Aufsatz zum 90. Geburtstag seines berühmtesten Autoren geschrieben hat. Bei seinem Besuch 2015 hatte er ihm Bücher mitgebracht. "Benedikt sah sie freundlich an und sagte, er werde sie nicht mehr lesen. Er habe in seinem Leben genug gearbeitet."

insgesamt 26 Beiträge
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Der Schweers 15.04.2017
1. Oberflächlich
Es dürfte mittlerweile allgemein bekannt sein, dass Ratzinger von den Ansichten des unsäglichen Herrn Williamson nichts wusste, als er dessen Exkommunkation und die weiterer Piusbrüder aufhob. Er selbst hat dies unwidersprochen mehrfach dargelegt. Ratzinger wollte Williamsons Ansichten nicht hoffähig machen.
Spiegelleserin57 15.04.2017
2. Politik bis ins hohe Alter!
nur als Gratulant wird Herr Seehofer wohl kaum nur aus diesem Grund dort erscheinen. Der Vatikan hat schon immer Politik betrieben und viele Politiker gehen auch heute dort ein und aus. Wer kommt denn noch zu diesem Geburtstag...darüber scheigt man sich aus, verständlich...ja, ja die Gespräche am Rande der Festtage und Begräbnisse von Staatsleuten bringen doch gute Kontakte und so manche Lage wird auch dort besprochen und entschieden. Dem Hochbetagten wünsche ich noch eine gute Zeit in der Stille und Entspannung.
zuperzoom 15.04.2017
3.
"Guten Morgen, Heiliger Vater!" - "Oh, guten Morgen, Heiliger Vater, ich wünsche, wohl geruht zu haben!" - Genau so wird es sein...
MissMorgan 15.04.2017
4. #1
Er wusste nichts davon??? Ob das an sich glaubhaft ist oder nicht. So etwas darf nicht passieren, bzw. es wird einem dann eben zugerichtet. Wenn ich eine Exkommunikation zurück mehr, erkundige ich mich selbstverständlich nach dessen Grund. Man stelle sich vor, ein Präsident lässt einen mehrfachen Mörder mit Wiederholungsgefahr frei und auf Rückfrage bekommt man die lapidare Antwort: "Äh, sorry, wusste ich nicht".
IMOTEP 15.04.2017
5. Vergeudet
Ratzinger stand und steht für die allein seelig machende Allmacht der Katolischen Kirche. Dieser Anspruch konnte 2000 J. auch mit Gewalt durchgesetzt werden. Nun in der Neuzeit sind immer weniger Menschen bereit diesem Anspruch zu folgen. Die Kirche wird dringend erforderliche Reformen durchführen müssen, tut sie es nicht wird sie zumindest in Europa noch mehr an Bedeutung verlieren. Ratzinger weiß das, daher seine Depression. Er hat sich umsonst dem " Zeitgeist" entgegengestemmt.Schade um die vergeudete Intelligenz und Kraft.
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