Benediktinerkloster Missbrauchsskandal in Ettal weitet sich aus

Der Missbrauchsskandal im Benediktinerkloster Ettal weitet sich aus: Inzwischen haben sich rund 20 mutmaßliche Opfer gemeldet, die Staatsanwaltschaft ermittelt in zwei Fällen aus dem Jahr 2005. Der stellvertretende Abt und Schulleiter des Internats ist zurückgetreten.

Kloster Ettal: "Es geht hier nicht um Streicheln unterm T-Shirt"
DPA

Kloster Ettal: "Es geht hier nicht um Streicheln unterm T-Shirt"


München - Der Skandal um sexuelle Übergriffe katholischer Mitarbeiter an Internaten zieht immer weitere Kreise. Im Fall der oberbayerischen Abtei Ettal haben sich inzwischen rund 20 mutmaßliche Opfer von Missbrauch oder Misshandlung bei den beiden von der Kirche eingesetzten Ombudsmännern gemeldet, wie diese am Freitag bei einer Pressekonferenz in München bekanntgaben.

Es gebe Vorwürfe gegen insgesamt vier Patres, von denen einer bereits tot sei, sagte der bischöfliche Beauftragte für die Prüfung von Missbrauchsvorwürfen und Ombudsmann Siegfried Kneißl. Außer über Missbrauch berichteten ehemalige Schüler inzwischen auch über körperliche Gewalt und harte Prügelstrafen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt demnach in zwei Fällen von sexuellem Missbrauch aus dem Jahr 2005, von dem zwei Schüler als Betroffene berichtet hatten. "Die Vorwürfe sind handfester Missbrauch", sagte Kneißl.

Rechtsanwalt Burkard Göpfert, der am Dienstag zusammen mit Kneißl als Ombudsmann eingesetzt worden war, fügte hinzu: "Es geht hier nicht um Streicheln unterm T-Shirt." Die Schüler hätten sich schon 2005 an die Leitung des Internats gewandt. Sie hätten aber nicht den Eindruck gehabt, dass ihre Angaben in der Form weitergetragen worden seien, wie sie es erwartet hätten, so Göpfert.

Am Freitag trat in Ettal nach dem Abt auch dessen Stellvertreter und Schulleiter des dortigen Internates, Pater Maurus Kraß, von seinen Ämtern zurück. Er übernahm damit die Verantwortung dafür, dass Verdachtsfälle aus dem Jahr 2003 und 2005 nicht gemeldet worden waren.

"Konstante und furchtbare Schläge"

Der Generalvikar des Erzbischofs von München und Freising, Prälat Peter Beer sagte, die Vorwürfe müssten rückhaltlos aufgeklärt und Taten "ohne jeden Kompromiss" geahndet werden: "Als Priester und Pädagoge erschüttert es mich zutiefst, welche große Kluft es zwischen Anspruch und Wirklichkeit offenbar geben kann."

Die meisten der Opfer, die sich seit Dienstag bei den Ombudsmännern gemeldet hätten, seien inzwischen erwachsen. Die Fälle stammten aus den siebziger und achtziger Jahren und seien strafrechtlich damit verjährt. Möglicherweise falle es Erwachsenen leichter, heute über die Vorfälle zu sprechen. Von den derzeitigen Schülern gebe es praktisch keine Meldungen, sie würden aber von dem vom Kloster eingesetzten Sonderermittler befragt.

Die Ombudsmänner zitierten aus Mitteilungen, die sie erhalten hatten. "Mit Grauen erinnere ich mich an die konstanten und furchtbaren Schläge", schrieb ein Schüler aus den achtziger Jahren. Eine Mutter berichtete davon, dass ihr Sohn als Folge erlittenen Leids heute Alkoholiker sei. Ein ehemaliger Schüler erklärte den Ombudsmännern: "Für mich war es eine Hölle, die oft wieder hochkommt."

Göpfert sprach von einer Mauer des Schweigens im Kloster, Kneißl von einem beharrlichen Schweigen, durch das in der Vergangenheit die Möglichkeit neuer Fälle nicht verhindert worden sei.

Vorwürfe gegen Erzabtei St. Ottilien

Zudem gibt es weitere Vorwürfe gegen die Erzabtei St. Ottilien. Dort gingen Beschuldigungen gegen ein ehemaliges Ordensmitglied ein. Eine Beauftragte des Klosters habe "bereits Kontakt mit dem Opfer aufgenommen", erklärte das Missionsbenediktiner-Kloster.

Der Beschuldigte war in den sechziger Jahren Erzieher und Lehrer am Internat des Klosters. Bereits damals habe es Vorwürfe gegeben, sagte Pressesprecher Martin Wind. Der Beschuldigte sei daraufhin aus allen Aufgaben mit Kindern abgezogen worden. 1969 habe er den Orden verlassen. Die Staatsanwaltschaft hat ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet.

Kritik an der Deutschen Bischofskonferenz

Unterdessen wurde Kritik an der Deutschen Bischofskonferenz im Zusammenhang mit den von ihr angekündigten Schritten gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche laut. Der Sprecher der Missbrauchsopfer, Norbert Denef, sprach im ZDF am Freitag von mangelndem Aufklärungswillen und sogar einer "Verhöhnung der Opfer".

Erzbischof Robert Zollitsch hatte sich Donnerstag dagegen ausgesprochen, bei jedem Missbrauchsfall in der Kirche sofort und automatisch die Staatsanwaltschaft einzuschalten.

Auch die Bewegung "Wir sind Kirche" hält die Reaktionen der Bischöfe laut WDR nicht für ausreichend. Die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens sagte im ZDF, sie hätte eine Aufklärung durch Außenstehende für besser gehalten.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bezeichnete die Erklärung der Bischofskonferenz dagegen als einen Schritt in die richtige Richtung. Aus der CSU-Fraktion im Bundestag kam die Forderung, Kindesmissbrauch künftig als Verbrechen einzustufen, so dass die Mindeststrafe ein Jahr betrage. Zudem solle die Höchststrafe von 10 auf 15 Jahre erhöht werden.

siu/dpa/apn



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Pandora's Box, 18.02.2010
1.
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Sie tut m.E. eher alles Erforderliche, Nebelkerzen zu werfen, mit spitzem Finger auf andere zu zeigen, Schuld bzw. Verantwortung abzuwälzen und "Haltet den Dieb!" zu rufen. Verschleierungstaktik.
runzel 18.02.2010
2.
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Nein, tut sie nicht und wird diese Institution auch nicht. Auch nicht morgen, übermorgen oder sonst irgendwann. Einzelne werden sicherlich eine Aufklärung wollen und initieren, wie jetzt geschehen, aber unser geheiligter Stellvertreter Gottes wird es nicht tun und er wird seinen Bischöfen und Kardinälen anordnen eine Aufklärung so gut es geht zu behindern oder zu untersagen. Das höchste der Gefühle wird ein albernes und erbärmliches Gefasel nachdem Motto "Ja, da war die ein oder andere Entscheidung nicht sooooooooooo gut und nicht ganz so nachvollziehbar." Amen. Und dann wird weiter von Werten und Moral gefaselt werden wie seit eh und je. Ohne den eigenen Ansprüchen jemals gerecht zu werden, es zu können geschweige denn dieses zu wollen.
ntholeboha 18.02.2010
3. Aber JA! - zum Selbstzweck
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Leider ist ja das andere, das Mixa-Thema, geschlossen. Damit wird sich wohl auch Cinderella01 als querschiessendes Schneewittchen bald hier einfinden und gegen alle Logik den Kampf pro rkK weiterfuehren. Ob dies jedoch der dieser Heilslehre und deren ( fast weltweitem!)Missbrauch dienlich sein wird?? Wuerde die rkK wirklich Aufklaerung betreiben, saehe dies anders aus. So bleibt es wohl doch bei 'erschuetterten' Mienen und der Notwendigkeit das eigene Haus nicht zu sehr beschmutzen zu lassen. Bleibt die Frage wann eigentlich die Staatsanwaltschaft massiv eingreift, um diesen Suendenpfuhl grundlegend zu reinigen!
Jinen 18.02.2010
4. 2do
Es gibt einfache Wege, diesem Uebel ein Ende zu bereiten: 1. Sofortiger Stop der Verflechtung von Staat und Kirche. Speziell, keinerlei Missbrauch des staatlichen Amtsapparats fuer das Eintreiben der Mitgliedsgelder fuer diese Vereine mehr. Kirchen sollen sich komplett selbst finanzieren. 2. Sofortiges Schliessen von Institutionen, bei denen Missbrauchsfaelle gegenueber Kindern und Jugendlichen glaubhaft bekannt werden bis zur entgueltigen Klaerung der Sachverhalte. Bei Einrichtungen, wo Missbrauch an der Tagesordnung stand/steht, permanente Schliessung wegen Allgemeingefaehrlichkeit. 3. Konsequente Bestrafung der Taeter ohne Wenn und Aber. 4. Konsequente Bestrafung ihrer Vorgesetzten, falls diese ihnen bekannte Faelle intern ignoriert oder vertuscht haben sollten wegen Mittaeterschaft, mindestens unterlassener Hilfeleistung. 5. Pfaendung von Loehnen und Kircheneigentum fuer Opferschadensersatz, die externe Experten via Gericht festlegen. 6. Nichtigkeitserklaerung fuer alle Schweigeerklaerungen, die Opfer abgegeben haben. Bekommenes Geld wird gegen oben genannten Schadensersatz gegengerechnet. 7. Aufhebung der Verjaehrung dieser Verbrechen. Siehe Punkt 3. Nur mal so zum Anfang....
detrius 18.02.2010
5. Verkehrte Frage
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Solange Bischöfe in der katholischen Kirche mit der Verschleierung von sexuellem Missbrauch Karriere machen und ggf. Papst werden, stellt eine Frage wie diese die Realität auf den Kopf.
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