Benedikts Ökumene-Absage Herde hofft, Hirte bockt

Die Hoffnungen der Protestanten werden enttäuscht: Benedikt XVI. hat ihre Forderungen nach Zugeständnissen bei der Annäherung der Kirchen als "Missverständnis" abgekanzelt. Der christliche Glaube sei keine Verhandlungssache.

REUTERS

Erfurt - Die Hoffnungen auf ein starkes Signal waren groß, doch sie werden nicht erfüllt: Bei einem Treffen mit Spitzenvertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat Papst Benedikt XVI. ein klares Bekenntnis zu schnellen Fortschritten in der Ökumene vermieden.

Nach Angaben des Vatikans sagte der Pontifex bei dem nicht öffentlichen Treffen: "Das Notwendigste für die Ökumene ist zunächst einmal, dass wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind."

Beim folgenden Gottesdienst bezeichnete er die Forderungen nach einem ökumenischen Entgegenkommen als Missverständnis: "Im Vorfeld meines Besuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von einem solchen Besuch erwarte", sagte Benedikt. "Dazu möchte ich sagen, dass dies, so wie es meistens erschien, ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt."

Die geforderte Annäherung der getrennten christlichen Kirchen könne nicht - wie in der Politik üblich - in Form eines Kompromisses ausgehandelt werden: "Der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile", so der Papst.

"Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln." Vielmehr komme es darauf an, gemeinsam im Glauben zu wachsen, so der Papst. "Nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit." Auf diese Weise sei die Ökumene in den vergangenen 50 Jahren stark vorangekommen.

EKD bekräftigt Wunsch nach mehr Gemeinsamkeit

Beim Treffen zuvor hatte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider den Wunsch nach konkreten Schritten zu mehr Gemeinsamkeit ausgesprochen. Mit dem erreichten Fortschritt in der Ökumene könne man nicht zufrieden sein, so Schneider. Vor allem Gläubige in konfessionsverbindenden Ehen und Familien sehnten sich danach, dass die Kirchen ihren "Eigen-Sinn" überwinden. "Für uns alle wäre es ein Segen, ihnen in absehbarer Zeit eine von Einschränkungen freiere eucharistische Gemeinschaft zu ermöglichen", sagte Schneider laut EKD.

Benedikt ging jedoch nicht auf den Wunsch ein, gemeinsame Eucharistiefeiern von Katholiken und Protestanten zuzulassen. Stattdessen verwies er darauf, dass der christliche Glaube in Deutschland immer mehr an den Rand gedrängt werde. Die Bewahrung des Glaubens sei die wichtigste gemeinsame Aufgabe der getrennten christlichen Konfessionen: "Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube, durch den Christus und mit ihm der lebendige Gott in diese unsere Welt hereintritt."

Das etwa halbstündige Gespräch fand im Augustinerkloster statt, in dem der Reformator Martin Luther (1483-1546) vor rund 500 Jahren als Mönch lebte. Allein die Bereitschaft des Vatikans zu einem Treffen an diesem Ort wurde als wichtige Geste gewertet. Der Papst hatte zudem durchgesetzt, dass der Begegnung mit den Protestanten mehr Zeit eingeräumt wurde als zunächst vorgesehen.

Bei seinem Treffen mit den EKD-Spitzen hob Benedikt XVI. Luthers "Ringen um Gott" hervor. "Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist", sagte der Papst. Hinter all seinem theologischen Suchen habe die Frage gestanden, wie er einen "gnädigen Gott" bekomme. "Dass diese Frage die bewegende Kraft seines ganzen Weges war, trifft mich immer neu", so Benedikt.

Zugeständnissen an den Zeitgeist erteilte Benedikt eine Absage. Natürlich müsse der Glaube heute neu gedacht und gelebt werden. "Aber nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern nur, ihn ganz zu leben in unserem Heute. Dies ist eine zentrale ökumenische Aufgabe."

Papst bezeichnet Anwesenheit von Muslimen als Merkmal Deutschlands

Benedikt hatte am Morgen in Berlin muslimische Vertreter in der apostolischen Nuntiatur getroffen. Die Anwesenheit zahlreicher muslimischer Familien sei zunehmend ein Merkmal dieses Landes geworden, sagte der Papst. Er rief dazu auf, "beständig daran zu arbeiten, sich gegenseitig besser kennenzulernen und zu verstehen".

Anschließend flog er nach Erfurt, wo ihn Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) am Flughafen in Empfang nahm. Sie überreichte dem Papst ein Gemälde eines Thüringer Malers sowie ein Exemplar ihrer theologischen Abschlussarbeit, in der es unter anderem um mehr Zusammenarbeit der katholischen und evangelischen Kirche geht.

Vom Flughafen fuhr Benedikt zum Erfurter Mariendom. Bischof Joachim Wanke begrüßte das Oberhaupt der katholischen Kirche am Triangelportal. Im Lichthof des Kreuzganges verweilte der Papst am Grab des früheren Bischofs Hugo Aufderbeck (1909-1981). Im Kreuzgang traf sich Benedikt auch mit Vertretern der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Der Papst trug sich dort in das Goldene Buch des Freistaates und der Stadt Erfurt ein.

Am Nachmittag fliegt Benedikt mit einem Hubschrauber zur Wallfahrtskapelle Etzelsbach. Dort feiert er mit Gläubigen eine Marianische Vesper, ein Abendgebet. Anschließend kehrt Benedikt nach Erfurt zurück, wo er am Samstagmorgen auf dem Domplatz predigen wird.

hut/dapd/dpa/AFP

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Seite 1
Kalaharry 23.09.2011
1. Mal ganz ehrlich?
Zitat von sysopDie Hoffnungen der Protestanten werden enttäuscht: Benedikt XVI. hat ihre Forderungen nach Zugeständnissen bei der*Annäherung der Kirchen als "Missverständnis" abgekanzelt. Der christliche Glaube sei keine Verhandlungssache. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,788009,00.html
Hat ernsthaft irgendjemand etwas anderes gedacht? Mit diesem Papst wird es keine Ökumene und schon gar keine Einheit der Christenheit geben. Ein Spalter wird niemals einen.
bürgerschreck 23.09.2011
2. Ein Reaktionär...
Zitat von sysopDie Hoffnungen der Protestanten werden enttäuscht: Benedikt XVI. hat ihre Forderungen nach Zugeständnissen bei der*Annäherung der Kirchen als "Missverständnis" abgekanzelt. Der christliche Glaube sei keine Verhandlungssache. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,788009,00.html
.. bleibt ein Reaktionär auch (oder gerade ?)wenn er so arrogant ist von sich zu behaupten im Namen Gottes zu sprechen.
hansklauspeter 23.09.2011
3. ...
Zitat von KalaharryHat ernsthaft irgendjemand etwas anderes gedacht? Mit diesem Papst wird es keine Ökumene und schon gar keine Einheit der Christenheit geben. Ein Spalter wird niemals einen.
Da hat man es als Nicht-Christ einfacher (also mein Glaube reicht genau so weit, dass ich Gott zugestehe den Urknall ausgelöst zu haben). Für mich gibt es nur Christen und eigentlich ist es mir auch egal ob jemand Christ ist oder nicht. Folglich ist es mir auch egal ob jemand evangelisch oder katholisch ist. Ich glaube auch nicht, dass wenn es so etwas geben würde wie eine Hölle oder einen Himmel, dass Gott die Leute nach ihrem Glaube auswählt, ich denke da hat er interessantere Kriterien. Andererseits verstehe ich als außenstehender natürlich auch nicht warum man sich nicht damit zufrieden gibt, dass man nicht mehr mit Keulen aufeinander losgeht, das ist immerhin schonmal eine enorme Steigerung.
kein_gut_mensch 23.09.2011
4. Logisch
Zitat von KalaharryHat ernsthaft irgendjemand etwas anderes gedacht? Mit diesem Papst wird es keine Ökumene und schon gar keine Einheit der Christenheit geben. Ein Spalter wird niemals einen.
Wie soll das denn auch gehen? Es gibt wie viele verschiedene Evangelische Gruppierungen weltweit? Und mit jedem einen Kompromiss machen? Vergessen Sie es. Die meisten in Deutschland müssen erstmal die lokalen Scheuklappen ablegen (das hat nichts mit Pro oder Contra Papst zu tun). Nur weil einige glauben das es in Deutschland gehen könnte müssten die globalen Gesetze der RKK geändert werden die dann Auswirkungen in ganz anderen Ländern haben könnte. Das ist ja auch ein Grund warum viele Dinge dort "etwas" länger dauern.
kushi 23.09.2011
5. Nasenbär
Zitat von sysopDie Hoffnungen der Protestanten werden enttäuscht: Benedikt XVI. hat ihre Forderungen nach Zugeständnissen bei der*Annäherung der Kirchen als "Missverständnis" abgekanzelt. Der christliche Glaube sei keine Verhandlungssache. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,788009,00.html
Super, Ratzi! Aber stell' Dir vor, es interessiert von Jahr zu Jahr weniger Leute, was Du denkst oder auch nicht denkst, was Du sagst oder auch nicht sagst. Dein selbstreferenzielles Gequatsche ist 'was fürs Poesiealbum verzauselter konservativer Bildungsbürger. Dem progressiven Teil der postmodernen Gesellschaften hast Du schon lange nix mehr zu sagen. Also laß' Dich nicht weiter stören beim theologischen Nasebohren, Du alter Nasenbär!
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