Obdachlosen-Erhebung in Berlin Qualen in Zahlen

In Berlin haben die Behörden versucht, alle Menschen ohne Wohnung zu erfassen. Nun gibt es erste Zahlen - und Kritik. War die Aktion zynisch?
Obdachlose unter einer Brücke am Berliner Zoo: Lässt sich menschliche Not beziffern?

Obdachlose unter einer Brücke am Berliner Zoo: Lässt sich menschliche Not beziffern?

Foto: Paul Zinken/ dpa

Angenommen, die Zahlen spiegelten die gesellschaftliche Realität wider, dann wäre man in Berlin zumindest überrascht: Bei einer systematischen Obdachlosenzählung haben die Behörden in der Hauptstadt insgesamt 1976 Menschen gezählt - und damit deutlich weniger als angenommen. Bisherige Schätzungen waren von 6000 bis 10.000 Menschen ohne Wohnung ausgegangen.

Ob die Realität tatsächlich so viel erfreulicher ausfällt, ist allerdings ungewiss. Bei der Aktion vor gut einer Woche seien höchstwahrscheinlich nicht alle Obdachlosen erfasst worden, heißt es in einer Mitteilung  von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). Daher seien weitere Zählungen geplant.

Die jetzt vorliegenden Zahlen, erhoben von 2600 Freiwilligen in der "Nacht der Solidarität" vom 29. auf den 30. Januar, dürften aber zumindest einen groben Eindruck über die Strukturen von Obdachlosigkeit geben. Demnach befanden sich von den knapp 2000 registrierten Wohnungslosen

  • 942 in Einrichtungen der Kältehilfe,

  • 807 auf Straßen und Plätzen,

  • 158 in Bussen und Bahnen,

  • 42 in einem Wärmeraum im Stadtteil Kreuzberg,

  • 15 in Rettungsstellen von Krankenhäusern,

  • und 12 in Polizeigewahrsam.

Mehr als die Hälfte der Befragten, 55 Prozent, waren demzufolge zwischen 30 und 49 Jahre alt - und 84 Prozent sind Männer. Etwa ein Drittel der befragten Menschen auf den Straßen habe den Zählteams über die eigene Lebenssituation Auskunft gegeben, hieß es weiter.

Foto: Paul Zinken/ dpa

"Wir wissen jetzt mehr über das Alter obdachloser Menschen, ihr Geschlecht, woher sie kommen und erstmals auch, wie lange sie schon wohnungslos sind", sagte Sozialsenatorin Breitenbach. "Wir werden jetzt die Daten der einzelnen Zählräume auswerten und in Zusammenarbeit mit den Bezirken sowie den Akteurinnen und Akteuren der Wohnungslosenhilfe überprüfen, welche Hilfsangebote vor Ort verbessert werden müssen."

Mit der Aktion war die Landesregierung langjährigen Forderungen nachgekommen, um auf Grundlage von Daten die Hilfsangebote zu verbessern. So soll etwa herausgefunden werden, wie viele Frauen und Menschen mit Behinderungen auf der Straße leben.

Die Zählung nach dem Vorbild ähnlicher Maßnahmen etwa in Paris und New York stieß jedoch auch auf Kritik. "Wohnungslose Menschen, die sich in Parks, Dachböden oder Kellern aufhalten, wurden gar nicht berücksichtigt", sagte Stefan Schneider, Sozialwissenschaftler und Sprecher der "Selbstvertretung wohnungsloser Menschen", dem SPIEGEL.

"Viele haben Angst, wenn ihr Aufenthaltsort bekannt wird. Sie erwarten keine Hilfe mehr vom Staat"

Dirk Dymarski, Berliner Selbstvertretung wohnungsloser Menschen

"Für Menschen, die auf der Straße leben, ist diese Zählung ein würdeloser Vorgang, weil sie überhaupt keinen Ausweg aus ihrer akuten Not liefert", sagte Schneider. "Wenn sich alle wohnungslosen Menschen in eine Liste eintragen könnten und dann eine Wohnung bekämen, wäre so eine Erhebung sinnvoll, aber genau das passiert ja eben nicht."

Schneider zufolge waren die ehrenamtlichen Helfer nun angehalten, Menschen in Zelten nicht anzusprechen, sondern nur grob die Zahl der Bewohner zu schätzen. Wer nicht "obdachlos aussehe", sei unter Umständen zudem gar nicht erfasst worden - dafür aber vielleicht Menschen, die für obdachlos gehalten wurden.

Schneider weiß eigenen Angaben zufolge von einigen Dutzend Wohnungslosen, die sich in der fraglichen Nacht von ihren üblichen Plätzen "verdrückt" hätten, nicht zuletzt aus Misstrauen gegenüber der Obrigkeit. Dirk Dymarski, der ebenfalls zur "Selbstvertretung wohnungsloser Menschen" gehört und seit 20 Jahren obdachlos ist, sagte: "Diese Menschen haben schon oft die Erfahrung gemacht, dass sie von Ordnungskräften oder Polizisten vertrieben werden. Viele haben Angst, wenn ihr Aufenthaltsort bekannt wird. Sie erwarten keine Hilfe mehr vom Staat."

"Es war kalt und nass, und ich bin sehr demütig geworden"

Die Wohnungspolitik des Senats sei mitverantwortlich für die erhebliche Zunahme der Wohnungsnot und Obdachlosigkeit in der Stadt, kritisiert das Bündnis auf seiner Website . Jeden Tag würden Menschen zwangsgeräumt. Schneider fürchtet eigenen Angaben zufolge, die Politik stelle nun allenfalls in Aussicht, das Leben auf der Straße mit Hilfsangeboten zu verbessern. "Aber dieses Leben macht trotzdem kaputt und krank. Die Menschen brauchen einfach eine Wohnung."

Das hält Nicole Lindner vom "Wohnungslosenparlament in Gründung" für ein Menschenrecht. Sie beteiligte sich deshalb in der "Nacht der Solidarität" an einer Mahnwache vor dem Roten Rathaus - und schlief draußen. "Es war kalt und nass, und ich bin sehr demütig geworden", sagte die 43-Jährige dem SPIEGEL. "Ich konnte nach der einen Nacht zu Hause in meine warme Badewanne steigen, viele andere Menschen können das nicht."

Lindner findet, die verantwortlichen Politiker müssten diese Erfahrung auch einmal machen und fühlen, was Obdachlosigkeit bedeute: "Vielleicht würden sie dann endlich mehr dagegen tun."

Andernorts zogen die Behörden nach vergleichbaren Erhebungen Konsequenzen: In Paris schuf die Verwaltung nach einer Zählung 3000 neue Plätze in Unterkünften für Wohnungslose, die Hälfte davon für Frauen. In New York entstanden sogenannte Safe Places, die auch tagsüber als Orte der Ruhe konzipiert sind.

fok/häm/mxw