Gestohlene Stolpersteine 16 Löcher in Neukölln

Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Kommunisten - die Hufeisensiedlung in Berlin-Neukölln hat eine linke Tradition. Einige Bewohner starben in der Nazizeit als Widerstandskämpfer. Nun wurde ihr Andenken geschändet.

Ein Loch im Bürgersteig nach der Entwendung eines Stolpersteins in Neukölln (7. November)
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Ein Loch im Bürgersteig nach der Entwendung eines Stolpersteins in Neukölln (7. November)

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Am 6. November um zehn Uhr morgens klingelt bei Jürgen Schulte das Telefon. Die Anruferin ist eine Anwohnerin der Hufeisensiedlung. Schulte steigt auf sein Fahrrad. Er radelt über die Parchimer Allee, über die Gielower Straße, die Onkel-Bräsig-Straße und wieder zurück zur Parchimer Allee. Die Fahrt führt zugleich durch die Geschichte der Siedlung im Berliner Bezirk Neukölln: Sie führt vorbei an sieben Löchern im Straßenpflaster.

Wo Schulte kleine Krater sieht, waren kurz zuvor noch Stolpersteine. Auf der Oberfläche der Quader waren die Namen von Menschen, die vom Naziregime verfolgt wurden, in goldfarbene Messingplatten eingraviert:

  • Wienand Kaasch, KPD-Funktionär und Widerstandskämpfer: 1936 zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, 1945 im Zuchthaus gestorben.
  • Gertrud Seele, Krankenschwester: 1944 vom Volksgerichtshof wegen Wehrkraftzersetzung zum Tod verurteilt, 1945 mit dem Fallbeil hingerichtet.
  • Heinrich Uetzfeld, Maschinenbauer, Gewerkschafter und SAPD-Mitglied: 1941 im Konzentrationslager Dachau zu Tode gefoltert.

Alle drei lebten in der Parchimer Allee.

Jürgen Schulte, Manfred Klingbeil und Detlef Fendt (von links)
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Jürgen Schulte, Manfred Klingbeil und Detlef Fendt (von links)

Laut der Koordinierungsstelle der Berliner Stolperstein-Initiativen wurden in Neukölln in den vergangenen Tagen 16 Stolpersteine aus dem Gehweg gegraben und entwendet, sieben davon allein in der Hufeisensiedlung und ihrer unmittelbaren Umgebung. Ein Bekennerschreiben gibt es nicht. Die Polizei verteilt Flyer, bittet die Bürger um Mithilfe. Der Staatsschutz ermittelt, genauer gesagt: das Kommissariat für rechtsmotivierte Straftaten.

Auch Jürgen Schulte vermutet eine koordinierte Aktion von Rechtsextremen: "Wir glauben, dass es einen Zusammenhang zum 9. November gibt, dem Jahrestag der Pogromnacht." Der pensionierte Deutschlehrer, der seit 31 Jahren in der Gegend lebt, ist Sprecher der Anwohnerinitiative "Hufeisern gegen Rechts". Gemeinsam mit Detlef Fendt und Manfred Klingbeil, die ebenfalls in der Gruppe aktiv sind, führt er wenige Tage später durch die Siedlung.

Die Krater sind inzwischen zugepflastert, zunächst noch mit gewöhnlichen Steinen. Schon bald sollen neue Gedenkquader verlegt werden. Die Initiative hat dafür inzwischen mehr als 1200 Euro gesammelt. Genug Geld, um die Steine zu ersetzen. "Das sind alles Spenden von Bewohnerinnen und Bewohnern, von den sogenannten kleinen Leuten", sagt Jürgen Schulte. "Das entspricht auch dem Charakter dieser Siedlung."

Manfred Klingbeil, Jürgen Schulte, Detlef Fendt (von links)
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Manfred Klingbeil, Jürgen Schulte, Detlef Fendt (von links)

Dass Stolpersteine entwendet oder beschädigt werden, ist nichts Neues, weder in der Hauptstadt noch in anderen Teilen der Republik. Laut dem Künstler Gunter Demnig, der die Aktion 1992 ins Leben rief und europaweit mehr als 60.000 Exemplare verlegt hat, wurden bundesweit bisher 630 Steine gestohlen. (Ein Porträt von Gunter Demnig lesen Sie hier). 2012 wurden in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern alle elf Stolpersteine gestohlen. Auch in Berlin-Lichtenberg und im Wedding wurden in den vergangenen Jahren Gedenksteine beschädigt.

Eine Siedlung mit besonderer Tradition

Doch mit der Hufeisensiedlung ist nun ein Ort mit einer besonderen Tradition, ja, einem besonderen Charakter, betroffen.

Hell und modern sollten die Wohnungen sein und trotzdem bezahlbar: Unterkünfte für Hunderte von Arbeitern, die im Norden Neuköllns unter katastrophalen Bedingungen lebten, Hochwertiges für die ganz unten. Von solch hohen Idealen beseelt, plante der Architekt Bruno Taut die Hufeisensiedlung, eines der ersten Projekte des sozialen Wohnungsbaus.

Um einen Pfuhl aus der Eiszeit herum entstand in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre das namensgebende Hufeisen: ein 350 Meter langes, dreigeschossiges Gebäudeoval, vom Pfuhl getrennt durch eine großzügige Grünfläche, aus der Vogelperspektive einem Fußballstadion ähnelnd. Das Hufeisen und der Rest der Siedlung gelten als Meisterwerk des modernen Städtebaus. Seit 1986 steht die Siedlung unter Denkmalschutz; seit 2008 gehört sie zum Unesco-Welterbe.

Hufeisensiedlung in Neukölln
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Hufeisensiedlung in Neukölln

Gleich nach der Errichtung zogen Arbeiter und Funktionäre ebenso ein wie Künstler und Intellektuelle. "Die Siedlung hat eine linke, eine Arbeitertradition", sagt Detlef Fendt, der 40 Jahre als Werkzeugmacher für Daimler-Benz tätig war und noch immer Gewerkschaftsarbeit macht. "Viele Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Kommunisten lebten hier."

Einige von ihnen verloren nach 1933 als Widerstandskämpfer und als politisch oder rassisch Verfolgte ihr Leben. Bruno Taut, einer der großen Architekten der Moderne, verlor seine Professur und seine Mitgliedschaft in der Akademie der Künste. Er verließ Deutschland und starb 1938 in Istanbul.

Attacken gegen Gewerkschafter, Politiker und Bürger

Die Angriffe auf das Andenken der Verfolgten sind nicht die einzigen Vorfälle in der Gegend mit mutmaßlich rechtsextremem Hintergrund. Die Hufeisensiedlung liegt im Stadtteil Britz, einige Hundert Meter südlich vom Stadtteil, der dem ganzen Bezirk seinen Namen gibt: von jenen Straßenzügen, die über die Jahre aus dem Namen Neukölln einen Kampfbegriff in gesellschaftlichen Debatten gemacht haben.

Hier, in der Südhälfte des Bezirks, kommt es seit Jahren zu Attacken gegen Gewerkschafter, Politiker und Bürger, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren. Auch die Initiative "Hufeisern gegen Rechts" ist davon betroffen.

Im Januar brannte das Auto von Detlef Fendt ab. "Es geschah um zwei Uhr nachts, Totalschaden", sagt er. Für Fendt liegt der Grund dafür, weshalb er zur Zielscheibe wurde, auf der Hand: sein Engagement in der Initiative und als Gewerkschafter. "Im letzten Herbst, vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus haben wir uns mit IG-Metall-Fahnen an NPD-Wahlstände gestellt, um deutlich zu machen, dass wir Nazis hier nicht brauchen", sagt Fendt. Aktionen wie diese rückten ihn in den Fokus von Rechtsextremen.

Laminierter Kurzlebenslauf von Wienand Kaasch
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Laminierter Kurzlebenslauf von Wienand Kaasch

Etwa 35 Anwohner sind in der Initiative "Hufeisern gegen Rechts" aktiv. Aufhören wollen Fendt, Schulte, Klingbeil und die anderen nicht. Die Geschichte der Hufeisensiedlung sehen sie dabei als Ansporn.

Dort, wo erst Stolpersteine an Verfolgte erinnerten und wo dann Löcher klafften, haben Anwohner nun Blumen hingelegt und Teelichter angezündet. Daneben: laminierte Kurzlebensläufe, die der Verfolgten gedenken - so lange, bis die neuen Gedenksteine verlegt sind. Um das Ausgraben zu erschweren, sollen diese in Beton gegossen werden.



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