Ausstellung zum Rasen in Berlin Warum zeigen Sie dieses Wrack im Museum, Herr Steinbeck?

In Berlin widmet sich eine Ausstellung illegalen Autorennen, zu sehen sind auch Fahrzeuge der Opfer. Kurator Frank Steinbeck erklärt, warum er die Zerstörung zeigt.
Ein Interview von Jean-Pierre Ziegler

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Am 2. Februar 2021 verlor ein junger Mann die Kontrolle über seinen Audi – und drei Menschen verloren ihr Leben. Omran H. fuhr mit seinen Freunden in einem gemieteten Audi RS 5 Sportback durch Berlin. Ein Wagen mit 450 PS. In einer 30er-Zone drückte Omran H. aufs Gaspedal, beschleunigte das Fahrzeug auf Tempo 130, wahrscheinlich sogar 150 km/h. Die Kontrolle entglitt ihm, der Wagen prallte gegen Bäume am Straßenrand, krachte in einen Baucontainer mit solcher Wucht, dass er zerriss und in Flammen aufging. Omran H. überlebte leicht verletzt. Die anderen Insassen, 19 und 20 Jahre alt, starben. Mitte März wurde Omran H. zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, unter anderem wegen eines »verbotenen Kraftfahrzeugrennens«.

Zwei Wochen vor dem Urteil war im Technikmuseum Berlin eine Ausstellung zum Thema eröffnet worden. »Wahnsinn – Illegale Autorennen. Wie stoppen wir den Tempo-Rausch?« heißt die Schau eines Teams um Kurator Frank Steinbeck. Im Interview erzählt er, woher der Temporausch der Gegenwart kommt.

SPIEGEL: Herr Steinbeck, Kern Ihrer Ausstellung ist ein Autowrack, ein lilafarbener Jeep Wrangler – das Auto, in dem das Opfer der Ku'damm-Raser starb. Warum zeigen Sie es?

Steinbeck: Weil es ein wichtiges Objekt für die Nachwelt ist. Der Wagen gehörte Michael Warshitsky, er wurde am 1. Februar 2016 Opfer eines illegalen Autorennens am Berliner Kurfürstendamm. Wer vor dem Wrack steht, begreift, dass der Missbrauch des Autos, diese Brutalität, jeden treffen kann. Auch einen Unbeteiligten, der mit seinem Auto nach Hause fährt.

SPIEGEL: Bedienen Sie damit nicht Voyeurismus?

Steinbeck: Die Gefahr besteht, man kann schließlich ganz nah an den völlig zerstörten Wagen herantreten. Wir zeigen auch andere Fahrzeuge, etwa das Motorrad eines Berliners, der bei einem Rennen durch den Tiergartentunnel starb. Ich denke, nur so versteht man, welche Folgen die Raserei haben kann.

SPIEGEL: Wie kamen Sie an den Jeep?

Steinbeck: Warshitskys Sohn hat uns den Wagen überlassen.

SPIEGEL: Wie haben Sie ihn überzeugt?

Steinbeck: Ich habe seinen Anwalt angerufen und erklärt, was wir vorhaben. Am nächsten Tag rief der Sohn zurück. Ich sagte ihm, dieser Jeep sei zum Symbol für das Problem geworden. Danach gab es Mordanklagen, ein Mordurteil – und einen neuen Paragrafen im Strafgesetzbuch. Und ich habe erklärt, dass dies eine Möglichkeit ist, das Andenken seines Vaters zu erhalten. Er war sehr offen. Er kannte das Technikmuseum, das hat geholfen.

SPIEGEL: Sind Sie schon einmal gerast?

Steinbeck: Ja, als 15-Jähriger. Es waren die späten Achtziger, ich habe mir ein getuntes Mofa gekauft, eine Malaguti. Die fuhr 70 km/h. Motorradfahrer grüßten mich, wenn ich im Süden Hamburgs unterwegs war. Ich war unheimlich stolz. Nach einem halben Jahr bot mir jemand den doppelten Preis für das Mofa, ich habe es verkauft. Meine Raserkarriere hielt nur kurz.

SPIEGEL: Worin liegt der Reiz des Rasens?

Steinbeck: Geschwindigkeit und Wettkampf sind Leitbilder, die vor allem für junge Männer schon attraktiv waren, bevor es das Automobil gab. Denken Sie an den Reitsport im 19. Jahrhundert. An die Begriffe von damals, die heute noch benutzt werden: Rennstall, Karosserie. Das Auto hat das potenziert: mit viel höheren Geschwindigkeiten. Und im öffentlichen Raum.

SPIEGEL: Können Sie sagen, wann das erste illegale Autorennen Berlins stattfand?

Steinbeck: Nein, aber schon vor dem Ersten Weltkrieg fuhren die reichen Menschen aus der Stadt ins Umland, um zu rasen. Interessant ist auch, was nach der Einführung des Kleinkraftrads in den 1920ern geschah. Zum ersten Mal wurde ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor aus der Automobilgesetzgebung herausgenommen und als Fahrrad deklariert. Verleihgeschäfte entstanden und völlig ungeübte Leute ohne Führerschein fuhren umher – zu schnell, zu laut. Noch spannender ist allerdings, was in den 1990ern passierte.

SPIEGEL: Nämlich?

Steinbeck: Wir erlebten eine PS-Entfesselung. Große Hersteller dockten vorher zum Teil unabhängige Tuningfirmen bei sich an, wie Mercedes das Unternehmen AMG. Schnelle Autos wurden in großen Stückzahlen hergestellt und waren über Leasingangebote vielen zugänglich. Gleichzeitig entstanden Filme wie »Manta, Manta« und später »The Fast and the Furious«, in denen es um illegale Autorennen geht. In Musikvideos saßen coole, reiche, erfolgreiche Männer in fetten Autos, angehimmelt von Frauen auf den Beifahrersitzen. Die Formel 1 erlebte eine Renaissance: Zwei Millionen Menschen sahen 1990 ein Rennen, 2000 waren es zehn Millionen. In den Neunzigern wurden folglich auch vermehrt illegale Rennen registriert.

SPIEGEL: Gibt es den typischen Raser?

Steinbeck: Jung und männlich – das trifft auf 75 Prozent der Verdächtigen in Ermittlungsverfahren zu verbotenen Kraftfahrzeugrennen in Berlin zu. Davon abgesehen hat sich die Zusammensetzung mit den Jahrzehnten verändert. In den Neunzigern betraf das vor allem die Tuningszene. In Fotoreportagen sieht man Autos, die an den Opel von Til Schweiger aus »Manta, Manta« erinnern. Bunte, getunte Karren mit eingebauten Anlagen.

SPIEGEL: Und heute?

Steinbeck: Ist das Bild diffuser. In Berlin gibt es einen hohen Anteil von Menschen, deren Familien nach 1960 eingewandert sind, also Deutsche mit türkischen und später auch arabischen und osteuropäischen Wurzeln. Das fällt in Berlin überproportional auf, aber nicht ausschließlich: Denken Sie an die beiden Ku'damm-Raser, einer der Fahrer hatte keinen Migrationshintergrund. Illegale Autorennen sind ohnehin nur die Spitze des Eisbergs von Raserei. Die Form, über die wir gerade sprechen. Gerast wird auf Autobahnen und auf Landstraßen, nicht immer sind das dann Kraftfahrzeugrennen nach dem Gesetz. Tödlich kann das trotzdem sein.

SPIEGEL: Was kann man dagegen tun?

Steinbeck: Ein Tempolimit auf Autobahnen einführen. Interessant sind auch die Fahrassistenzsysteme, genauer: der Geschwindigkeitsassistent. Er warnt, wenn das Fahrzeug die zulässige Höchstgeschwindigkeit übertrifft und muss ab 2024 in jedem Neuwagen eingebaut sein. Noch sind sie abschaltbar, aber in 10 oder 20 Jahren könnte ich mir vorstellen, dass es aufgrund der Systeme nicht mehr möglich sein wird, schneller zu fahren, als es die Straße erlaubt.

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