Berlusconi in der Bredouille "Ich habe nie eine Frau bezahlt"

Auch nach dem jüngsten Skandal um angebliche Partys mit Prostituierten geht Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi in die PR-Offensive. In einem Interview bestritt er, über einen Mittelsmann leichte Mädchen engagiert zu haben. Doch die Luft wird dünner für den "Cavaliere".


Rom - Ausschließlich dem Klatschmagazin "Chi" erteilte Silvio Berlusconi nach dem vorerst letzten Skandal um die angeblich für ihn engagierte Escort-Dame Patrizia D'Addario eine Audienz. Kein Wunder: Die Wochenzeitschrift "Chi" gehört zum Mondadori-Verlag, an dem Berlusconis Fininvest mehr als 50 Prozent hält. Das Interview wurde vorab in Auszügen veröffentlicht.

Im Gespräch mit Herausgeber Alfonso Signorini beklagt sich der Ministerpräsident bitterlich über den Eklat um D'Addario, die von einem Mittelsmann dafür bezahlt worden sein soll, an einer Party mit Berlusconi teilzunehmen und mit ihm die Nacht zu verbringen.

Gegen den Unternehmer Giampaolo Tarantini aus Bari wird in diesem Zusammenhang wegen Anstiftung zur Prostitution ermittelt. Er soll D'Addario 1000 Euro plus Reisespesen für ihren ersten Ausflug nach Rom am 15. Oktober gezahlt haben. Am 4. November 2008 wurde D'Addario ein zweites Mal eingeflogen, anlässlich einer Feier zur Amtseinführung von US-Präsident Obama.

Die polizeilichen Ermittlungen gegen Tarantini und die Vorwürfe gegen ihn seien ärgerlich, monierte Berlusconi im Interview. Allein: "Der Schmerz über den Schmutz, mit dem sie unsere Familie beworfen haben, hat uns nur noch enger zusammengeschweißt." Überhaupt, "la famiglia": Unermüdlich singt der Cavaliere die Ode an seine Sippe, die wie Pech und Schwefel zusammenhält. "Ich denke jeden Tag an meine Mutter. Sie hat mir beigebracht, vor nichts Angst zu haben, mich von niemandem einschüchtern zu lassen."

Im aktuellen Fall, der bereits als "Patrizia-Gate" in die Berichterstattung eingegangen ist, wittert der Vorsitzende der Partei "Volk der Freiheit" (PDL) gleichwohl Konspiration: "Hinter den Ermittlungen von Bari steckt jemand, der dieser Signora D'Addario einen sehr präzisen Auftrag gegeben hat", vermutet Berlusconi.

"Nichts, wofür ich mich entschuldigen müsste"

Auf Signorinis Frage, ob er nicht geahnt habe, es könne sich bei D'Addario um eine Prostituierte handeln, die ihn in eine Falle locken wolle, sagte der "Cavaliere": "Wenn ich so etwas vermutete, hielte ich mich 1000 Meilen von dieser Person fern."

Über den im Zentrum der Ermittlungen stehenden Unternehmer Giampaolo Tarantini sagte er: "Ich habe ihn im vergangenen Sommer auf Sardinien kennengelernt, wo er mir als ein ernsthafter und geschätzter Unternehmer vorgestellt wurde." Wie für jeden anderen Bürger des Landes gelte auch für Tarantini zunächst die Unschuldsvermutung.

Im Übrigen war der Tenor des Gesprächs derselbe wie nach dem Eklat um die 18-jährige Noemi, mit der der PDL-Vorsitzende eine Affäre gehabt haben soll: "Es gibt in meinem Privatleben nichts, wofür ich mich entschuldigen müsste", so der Ministerpräsident. Im Gegenteil: Die Journalisten und Herausgeber der großen italienischen Zeitungen sollten sich schämen und sich bei ihm entschuldigen.

Deren Reichweite müsste Medienzar Berlusconi, der drei Privatsender und die staatlichen TV-Kanäle kontrolliert, eigentlich nicht fürchten. Erhebungen zufolge lesen 80 Prozent der Italiener gar keine Tageszeitungen, sondern beziehen ihre Informationen ausschließlich aus dem Fernsehen, in dem regierungsfeindliche Töne selten und Berlusconi-kritische Anmerkungen so gut wie inexistent sind.

Dennoch fühlt sich der Ministerpräsident offenbar genötigt, die Vorwürfe auf gute alte Macho-Art zu entkräften: "Ich habe nie eine Frau bezahlt. Ich habe nie verstanden, welche Befriedigung man dabei empfinden soll, wenn doch das Vergnügen der Eroberung fehlt", sagte er in dem Interview.

D'Addario fordert Beweise

Escort-Dame Patrizia D'Addario hatte sich in Interviews mit dem Mailänder "Corriere della Sera" und der britischen "Sunday Times" zu den Partys geäußert - und sich dann weitgehend still verhalten. Doch jetzt wehrt sie sich erneut gegen die Angriffe von Seiten des Ministerpräsidenten und zweier "Freundinnen" namens Barbara Montereale und Lucia Rossini, die ebenfalls an den beiden Partys teilgenommen haben sollen. Mit Barbara soll sie Fotos von den Feierlichkeiten gemacht haben. Die Bilder und D'Addarios Gesprächsaufzeichnungen werden derzeit von den Ermittlern analysiert.

Alle drei Damen sollen ohne Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen Zutritt zu dem Regierungsgebäude Palazzo Grazioli erhalten haben. Gegenüber dem Staatsanwalt Pino Scelsi aus Bari betonte D'Addario, sie sei definitiv von dem Unternehmer Gianpaolo Tarantini "angeheuert" worden, an den beiden Festen teilzunehmen.

Am Dienstag verbreitete ihr Anwalt eine Erklärung, in der D'Addario den Ministerpräsidenten auffordert, seine Dementi zu belegen: "Sollte der ehrenwerte Herr Berlusconi tatsächlich auch nur den kleinsten Beweis für seine Behauptung haben, solle er diesen doch bitte den Justizbehörden übergeben. Andernfalls würde ich ihn bitten, solche Behauptungen zu unterlassen."

D'Addario ist umstritten - schon jetzt genießt sie der "Stampa" zufolge den Ruf einer modernen Mata Hari. So soll die 42-Jährige ihre Treffen mit Berlusconi und dem angeblichen Auftraggeber Tarantini aufgezeichnet haben. Die Polizei in Bari wollte dies nach ersten Untersuchungen bisher nicht bestätigen.

"Von Papi geknuddelte Püppchen auf den XL-Matratzen"

Giuseppe D'Avanzo von der "Repubblica" stellt in einem Kommentar fest: "Berlusconi erwartet von uns, dass wir seine Diskurse einfach hinnehmen - aus Prinzip und basierend auf gottgegebenem Recht, so als wäre er von Gott gesalbt." Dem einfachen Volke bleibe nichts anderes übrig, als seinem Vortrag zu applaudieren.

Das Interview mit "Chi" habe auf fatale Weise gezeigt, dass der Ministerpräsident "nicht verstehen will, wie ernst die Situation für ihn selbst und das Land wirklich ist". Dieses Mal werde Berlusconis notorisch demonstrierter Familiensinn nicht ablenken können von seinen "psychopathologischen Neigungen, der Sexsucht, die er in kleinen Vorstellungen mit Prostituierten, Minderjährigen, leichten Mädchen und von Papi geknuddelten Püppchen auf den XL-Matratzen von Regierungsvillen mit Trikolore auf dem Dach auslebt".

ala

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