Bertelsmann-Umfrage Deutschland braucht Einwanderung, will sie aber nicht

Eine Umfrage zeigt: Eine leichte Mehrheit der Deutschen sagt, es gebe zu viel Einwanderung - und doch sei sie aus wirtschaftlicher Sicht nötig. Ein Widerspruch? Der Vorstand der Bertelsmann Stiftung spricht lieber von Pragmatismus.
Ein Flüchtling aus Pakistan absolviert eine Ausbildung zum Elektroingenieur im niedersächsischen Garbsen: 65 Prozent der Deutschen sagen in einer Bertelsmann-Umfrage, Einwanderung habe einen positiven Effekt auf die Wirtschaft

Ein Flüchtling aus Pakistan absolviert eine Ausbildung zum Elektroingenieur im niedersächsischen Garbsen: 65 Prozent der Deutschen sagen in einer Bertelsmann-Umfrage, Einwanderung habe einen positiven Effekt auf die Wirtschaft

Foto: Alexander Koerner/ Getty Images

Fragt man rund 2000 Deutsche nach ihrer Haltung zur Einwanderung, erhält man mitunter widersprüchliche Befunde. In einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann Stiftung  sagen 52 Prozent der Befragten, es finde "insgesamt zu viel Einwanderung statt". Gleichzeitig sagen 65 Prozent der Teilnehmer, Einwanderung habe einen positiven Effekt auf die Wirtschaft. 71 Prozent hingegen finden, sie belaste den Sozialstaat zusätzlich.

Das zwiespältige Ergebnis fasst der Vorstand der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger, so zusammen: Deutschland sei inzwischen ein pragmatisches Einwanderungsland. "Die Bevölkerung hat die Herausforderungen von Migration klar vor Augen, sieht aber auch die Chancen für eine alternde Gesellschaft."

Das zeigt sich auch bei weiteren Antworten:

  • Viele Menschen verbinden mit Zuwanderung vor allem Negatives. Eine Mehrheit (63 Prozent) findet, dass zu viele Migranten die deutschen Wertvorstellungen nicht übernehmen. Und etwa ebenso viele (64 Prozent) befürchten als Folge von Zuwanderung Probleme an den Schulen und Wohnungsnot in Ballungsräumen (60 Prozent). 69 Prozent befürchten Konflikte zwischen Einwanderern und Einheimischen.
  • Etliche der Befragten sehen aber auch Chancen. 64 Prozent sagen, Zuwanderung sei ein Mittel gegen die Überalterung der Gesellschaft. Zudem meinen 41 Prozent der Befragten, Einwanderung sei nötig, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Vor zwei Jahren lag dieser Anteil noch bei 33 Prozent. Gut zwei Drittel der Befragten finden zudem, Migration mache das Leben interessanter.

Wie man zur Einwanderung steht, hat auch etwas mit dem Alter zu tun: Vor allem die jungen Befragten sehen eher Chancen als Risiken. "Die Willkommenskultur in Deutschland ist jung", heißt es in der Studie. Die Gruppe der unter 30-Jährigen unterscheide sich in ihren Einschätzungen deutlich von älteren Befragten.

Und die Haltung hängt auch davon ab, wo die Befragten leben. So meinten beispielsweise 83 Prozent der Befragten im Osten Deutschlands, Migration belaste den Sozialstaat. Im Westen lag der Anteil dagegen nur bei 68 Prozent. Positive Effekte auf die Wirtschaft sehen im Westen 67 Prozent der Befragten, im Osten 55 Prozent.


Hintergrund: Die Studie "Willkommenskultur zwischen Skepsis und Pragmatik" basiert auf einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, die Kantar-Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung im April 2019 durchgeführt hatte. Befragt wurden 2024 Personen der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren.

jpz/dpa/AFP
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