Beschneidungen im Judentum Unter die Haut

Die Beschneidungsdebatte ist überfrachtet mit Vorurteilen, Unterstellungen - und manchmal himmelschreiender Unwissenheit. Die Gegner bemühen den Kinderschutz, dabei wird der nicht auf dem OP-Tisch bei der Entfernung der Vorhaut missachtet, sondern im deutschen Alltag. Schluss mit der Doppelmoral!
Von Gunda Trepp
Jüdische Beschneidungszeremonie in San Francisco: Kinder als göttliches Geschenk

Jüdische Beschneidungszeremonie in San Francisco: Kinder als göttliches Geschenk

Foto: Noah Berger/ AP

Warum eigentlich hat die Diskussion zur Beschneidung so merkwürdige Untertöne? Marlene Rupprecht, Kinderbeauftragte der SPD-Fraktion, sagt, die Beschneidung von Jungen sei eine "Form der Verstümmelung". Der Schriftsteller Ralf Bönt stellt den Zusammenhang zwischen der Beschneidung und den "schlimmen spiegelbildlichen Genitalpraktiken an Frauen" her, und selbst Ärzte nennen beides in einem Atemzug. Dabei ist die Beschneidung der Klitoris in keiner Weise mit dem Entfernen der männlichen Vorhaut zu vergleichen.

Autoren schreiben in deutschen Tageszeitungen von einem "Relikt längst vergangener Zeiten", von einem "barbarischen" Eingriff. Mit diesen Assoziationen bauen Politiker, Autoren und Akademiker Gegenwelten auf: Dort die dem archaischen Denken verhafteten Juden und Muslime - hier die Bürger einer modernen Welt, die sich berufen fühlen, kleine Jungen vor den eigenen Eltern zu schützen. Ärzte und Juristen fordern die Bundesregierung in einem Brief auf, religiöse Beschneidungen im Kindesalter nicht zuzulassen. Sie schreiben: "Als Kinder der Aufklärung müssen wir endlich die Augen aufmachen: Man tut Kindern nicht weh!"

Im Judentum sind Kinder das Zentrum der Familie. Die Schriften verpflichten die Eltern und im Falle deren Todes die Gemeinschaft, den Nachwuchs nicht nur leiblich zu versorgen, sondern ihm die spirituellen und moralischen Werte des Judentums zu vermitteln. Gewalt gegen Kinder und Missbrauch verbietet der Talmud ausdrücklich. Kinder gelten als göttliches Geschenk, als Vermächtnis für die Zukunft. Die Beschneidung ist nicht nur das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Juden, sondern auch das körperliche Zeichen, dass diese Verbindung von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sie ist so wichtig, dass sie, falls der achte Tag auf Jom Kippur fällt, selbst an diesem heiligsten Tag des Judentums stattfinden muss. Bis zuletzt beschnitten die Juden im Warschauer Ghetto ihre Neugeborenen.

Das Ziel: den Kindern eine Orientierung geben

Das jüngste Mitglied meiner amerikanischen Familie, Ende Mai geboren, wurde Anfang Juni so in den Bund aufgenommen. Warum? Weil die Eltern, beide Demokraten, offen und liberal, ihren Kindern einen Sinn dafür vermitteln wollen, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehören. Weil sie wissen, dass Kinder einen Rahmen brauchen, ein Wertesystem, eine Religion und Tradition. Die dreijährige Tochter spricht mit stolzem Gesicht den hebräischen Segen über dem Brot, der Sohn wird kurz nach der Geburt beschnitten. Damit zu warten, würde bedeuten, ihm eine wichtige Orientierung vorzuenthalten. Ein jüdischer Arzt nahm den Eingriff vor, in einem Krankenhaus. So handhaben es heute viele.

Das Judentum ist dem Leben verpflichtet. Im Laufe der Jahrhunderte haben die Rabbiner viele Gebote in diesem Sinn interpretiert. Die Todesstrafe haben sie praktisch abgeschafft. Die Beschneidung aber hat die Mehrzahl der Gelehrten nie in Frage gestellt. Wären die Risiken nicht zu verantworten gewesen, hätten spätestens die Reformrabbiner einen anderen Weg gefunden. Doch Reformbewegung und Orthodoxe sind sich weitestgehend einig.

Es geht um Anachronismus - angeblich

Die Hingabe, mit der manche nun erörtern, ob die Beschneidung gesundheitliche Vorteile hat oder nicht, erübrigt sich. Erstens ist das nicht der Grund für sie, und zweitens haben die Juden darüber schon selbst nachgedacht. Es gibt unter Juden eine kleine Minderheit, die Beschneidungen ablehnt. Das wird gern als Beleg gesehen, dass sie nicht wirklich notwendig sind und ihr Verbot legitim ist. Dabei ist es nur ein Beleg dafür, dass das Judentum eine lebendige, stets fragende Religion ist.

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass auf Fotos zu Artikeln, die sich mit dem Thema Beschneidung befassen, oft orthodoxe Rabbiner mit Bärten gezeigt werden, die offensichtlich für den "Anachronismus" ihrer Religion stehen sollen.

Wie wäre es mit einem Bild unserer Rabbinerin im Tempel Emanu El in San Francisco, einer der größten Synagogen an der Westküste der Vereinigten Staaten? Sie ist bekennende Lesbe und hat mit ihrer Frau zwei Jungen. Als im letzten Jahr versucht wurde, die Beschneidung in San Francisco per Volksabstimmung zu verbieten, stand sie in vorderster Reihe, um das zu verhindern. Sie hätte sicherlich einiges mit den Politikern zu diskutieren, die nun mit einem Beschneidungsverbot die Menschenrechte verteidigen möchten. Doch Menschen wie sie tauchen kaum auf. In diesen Beiträgen wirken Juden und ihre Religion fremd, anders.

Im letzten Jahr mussten im Durchschnitt jede Woche fast drei Kinder in Deutschland sterben, weil sich niemand um sie gekümmert hat oder sie direkter Gewalt ausgesetzt waren. Der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen hat um fast fünf Prozent zugenommen. Als diese Zahlen im Mai herauskamen, haben sich nur wenige Kommentatoren für das Wohl dieser Kinder interessiert. Warum haben nun alle etwas zur Beschneidung zu sagen? Mit 45 Prozent lehnt nahezu die Hälfte der Deutschen eine Beschneidung aus religiösen Gründen ab. Auch aus Gründen des Kinderschutzes. Merkwürdig.

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