Bestatter in der Coronakrise Gefährliche Leichen

Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung sind Mangelware - das macht auch den Beerdigungsinstituten zu schaffen. Viele Bestatter fürchten, bald ihre Arbeit nicht mehr ausüben zu können.
Sind nicht auch Bestatter "systemrelevant"?

Sind nicht auch Bestatter "systemrelevant"?

Foto: Kzenon/ imago images/ Panthermedia

Das Krematorium auf dem Stadtfriedhof in Hannover-Lahe scheint für die kommenden Monate bestens gerüstet. In normalen Zeiten verbrennen die Mitarbeiter dort 700 bis 800 Leichen im Monat. Die Leistung könne ohne Probleme hochgefahren werden, versichert Geschäftsführer Wilhelm Lauterbach, "wir bedienen derzeit nur einen Verbrennungsofen. Wir haben aber noch vier weitere Öfen, die wir nutzen könnten".

Es ist eine traurige Erkenntnis, aber sie gehört zur Realität dieser Tage. In Italien rollen Militärkonvois mit Särgen zu Krematorien, in Spanien und den USA sterben täglich Hunderte COVID-19-Infizierte. Längst rüstet sich auch hierzulande das Bestattungsgewerbe für ähnliche Szenarien.

Die Beerdigungsinstitute in ganz Deutschland ordern deshalb Leichensäcke und bestellen Särge, die zum großen Teil aus Osteuropa kommen. Viele ändern jetzt ihre eingeübten Arbeitsabläufe, um die Mitarbeiter vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. In Hamburg wurde vergangene Woche vorsorglich eines von zwei Krematorien geschlossen, um aktuell die Verbrennungen auf einen Ort zu konzentrieren. Die Mitarbeiter des anderen Krematoriums sollen als Reserve bereitstehen, wenn Kollegen wegen einer Corona-Erkrankung zu Hause bleiben müssen. Auch der Kontakt zu Kunden, den Angehörigen von Verstorbenen, wird wegen der Ansteckungsgefahr auf ein Minimum reduziert.

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Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen

Mitarbeiter von Bestattungsunternehmen kommen beim Waschen, Einkleiden und Einsargen den möglicherweise am Coronavirus Verstorbenen so nahe wie sonst zu Lebzeiten nur Ärzte und Pfleger. Tote husten zwar keine Viren aus, sie verlieren aber durchaus Körpersäfte, es entweichen Gase aus Lunge und Darm, etwa wenn die Körper in einen Sarg gelegt werden. Deshalb müssen sich Bestatter generell vor gefährlichen und ansteckenden Krankheiten schützen. Momentan allerdings gelten auch in dieser Branche verschärfte Sicherheitsmaßnahmen.

Den Bestattern fehlt es derzeit vor allem an dem, woran es auch im Gesundheitssystem überall mangelt: an Masken, Schutzanzügen und Desinfektionsmitteln.

Vor allem die Versorgungsengpässe bei Desinfektionsmitteln sind ein großes Problem. Schon eine gewöhnliche Bestattung sei ohne solche Mittel nicht vorstellbar, sagt Bestattermeister Andreas Großkopf. Der Unternehmer aus Goch am Niederrhein gibt für den Berufsverband Seminare über die fachmännische "hygienische Versorgung Verstorbener". Jeder Tote müsse desinfiziert werden, erläutert Großkopf, zudem die benutzten Tragen, Flächen und Werkzeuge. 

Spezielle Schutzhülle für Corona-Tote

Vermerkt ein Arzt auf dem Totenschein, dass ein Verstorbener mit dem Coronavirus infiziert war, sind zusätzliche Maßnahmen notwendig: Der Tote muss in eine spezielle Schutzhülle gepackt oder in mit Desinfektionsmitteln getränkte Tücher gewickelt in den Sarg gelegt werden. Corona-Tote bekommen zudem einen Mundschutz, der ebenfalls mit den Mitteln getränkt wurde. "Ohne solche Schutzmaßnahmen darf der Bestatter nichts machen", bekräftigt Großkopf. 

Corona-Alltag Ende März: Ein Sarg wird aus einem Altenheim in Wolfsburg abtransportiert

Corona-Alltag Ende März: Ein Sarg wird aus einem Altenheim in Wolfsburg abtransportiert

Foto: Peter Steffen/ dpa

Anders als Ärzte und Pfleger, die inzwischen von den kassenärztlichen Vereinigungen oder den Gesundheitsämtern mit Schutzausrüstung versorgt werden, gehen die Bestattungsinstitute aber immer häufiger leer aus. Sie gelten nämlich in den meisten Bundesländern nicht als systemrelevant. Einige Länder führen diesen Berufszweig zwar zumindest auf den Listen für die Notkinderbetreuung auf. Doch die benötigten Schutzmittel bekommen die Institute derzeit nicht.

Das könnte in den kommenden Wochen zum Problem werden. Womöglich müssen manche Bestatter dann ihre Arbeit sogar ganz einstellen. Viele Firmen waren auf die Situation nicht vorbereitet. Nun gehen die eigenen Lagerbestände zur Neige, selbst wenn sich Bestatter untereinander schon einmal aushelfen, und Nachschub ist nicht in Sicht. 

Liefern kann auch der Frankfurter Großhändler Medi Kauf Braun so gut wie nichts mehr, sagt Geschäftsführer Michael Braun. Das Unternehmen für Medizinbedarf hat neben niedergelassenen Ärzten und Apothekern rund die Hälfte aller 5000 deutschen Bestattungsunternehmen in der Kundendatei. "In normalen Zeiten liefern wir alles von der Nabelbinde bis zum Leichensack", sagt er, "aber jetzt ist der Markt für Schutzausrüstungen leer. Und ohne darf ein Bestatter eigentlich nichts machen."

Medi Kauf Braun betreibe keine ausgeprägte Lagerhaltung, räumt Geschäftsführer Braun ein. In vier von fünf Fällen wurde die Ware direkt vom Hersteller an die Kunden geliefert. Nun aber fielen die asiatischen Produzenten aus. Für Schutzmasken, die noch lieferbar seien, werde der fünf- bis sechsfache Preis verlangt. Der Nachschub an Desinfektionsmitteln sei zwischenzeitlich gar komplett versiegt. "Das liegt auch daran, dass sich die Regierung der gesamten deutschen Produktion bemächtigt hat", sagt Michael Braun. Die staatlichen Eingriffe in die Lieferketten haben aus seiner Sicht die Situation für die Bestatter sogar noch verschärft, weil so viele Artikel nicht mehr frei verkauft werden dürfen. 

Bislang wurden Bestatter nicht als "systemrelevant" eingestuft

Hunderte Anrufe besorgter Mitglieder erreichten in der vergangenen Tagen deshalb den Bundesverband Deutscher Bestatter in Düsseldorf, berichtet Generalsekretär Stephan Neuser. Der Jurist hält es für einen "schweren Fehler", die Bestatter nicht generell als systemrelevant einzustufen. 

Eine solche Einstufung sei "zwingend", schrieb er deshalb in einer Mail an alle Landesgesundheitsministerien. Dort habe man ihm zwar durchaus Verständnis entgegengebracht, so Generalsekretär Neuser, doch verbessert habe sich die Lage bislang kaum. Ende vergangener Woche wandte er sich in seiner Not direkt an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. 

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Neuser betont, dass aktuell gar nicht die jüngsten Corona-Toten das drängendste Problem seien, weil deren Zahl angesichts der gesamten Todesfälle in Deutschland noch nicht allzu stark ins Gewicht fallen würde. Es gehe vielmehr schon um die Versorgung der "normalen" Sterbefälle, immerhin bundesweit rund 925.000  pro Jahr. Für all diese Fälle sei eine ausreichende Schutzausrüstung dringend notwendig, denn das Risiko, dass unter den Toten auch Menschen mit bislang unerkannten, aber ansteckenden Krankheiten seien, sei groß.

Die Schwierigkeit sei, dass sich Bestatter trotz des Totenscheins nie sicher sein könnten, woran ein Mensch gestorben sei, weiß etwa Sönke Wulff, Bestattungsunternehmer aus Norderstedt in Schleswig-Holstein. "Wenn jemand im Krankenhaus an Corona stirbt, können wir ziemlich sicher sein, dass der Totenschein stimmt", so Wulff, "aber was ist zum Beispiel mit Toten aus dem Altenheim?" 

Bestatter Wulff sagt, er habe seine Mitarbeiter daher gewarnt, jetzt besonders vorsichtig im Umgang mit Verstorbenen zu sein. Denn was schon bei den Lebenden nicht gelingt, funktioniert bei den Toten gerade erst recht nicht - flächendeckende Tests auf Corona.