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NPD-Zentrale: Zu Besuch im braunsten Haus Deutschlands

Foto: Kathrin Harms

Besuch in der NPD-Zentrale "Willkommen in unserer national befreiten Zone"

Rechte Terroristen haben quer durchs Land gemordet, nun ist die Debatte über ein NPD-Verbot neu entfacht. Doch was tut sich in der Parteizentrale? Drei Besuche vor und nach der Entdeckung der Zwickauer Zelle.
Von Jan Rübel

In der Seelenbinderstraße, Berlin-Köpenick, liegt Morgentau auf dem Asphalt, es ist Ende September 2011, die Linden tragen noch grün. Das Haus mit der Nummer 42 ist ein gedrungener Bau, hinter den hellgelben Außenmauern residiert die NPD.

An diesem Tag ahnt noch kaum jemand, dass in Zwickau drei Neonazis wohnen, die in den letzten elf Jahren zehn Menschen umbrachten: Die neun Morde an Migranten werden noch als "Döner-Morde" bezeichnet, und niemand käme auf die Idee, sie in Zusammenhang zu bringen mit dem Tod einer Polizistin in Heilbronn.

Ein verbeultes Metalltor versperrt den Weg in den Hof der Parteizentrale, oben und unten umrahmt von Stacheldraht. Die Haustür daneben ist mit Stahlplatten versehen, ein Summen ruft zum Eintritt auf. In der Eingangsschleuse dann schaut ein kahlrasierter Wärter durchs Seitenfenster. Noch eine Stahltür, und im Vorraum mustert der Mann, die Hand an einer Flasche Reizgas, den Gast.

Udo Voigt kommt lässig die Treppe herunter. Er lächelt entspannt und sagt dann in beiläufigem Ton: "Willkommen in unserer national befreiten Zone."

Hinten im Hof entladen Männer mit kapuzenverhangenen Gesichtern einen Wagen mit Plakaten, die es heute Nacht nicht auf die Laternenpfähle der Stadt geschafft haben.

"Viel los heute", sagt Udo Voigt, 59, und zückt sein Handy. Er zeigt ein Foto: darauf ein Oberkörper, mit blauen Flecken übersät. "Den Kameraden hat es gestern beim Aufhängen erwischt. Das war die Antifa." Es ist halb neun, ein ganz normaler Tag bei der NPD beginnt.

Ein Hacker-Angriff, mal wieder

Voigt, ehemals Hauptmann bei der Bundeswehr, errang 1996 in einer Kampfabstimmung den Parteivorsitz der NPD. In zwei Wochen steht ein Bundesparteitag bevor, Voigts politischer Ziehsohn Holger Apfel will ihn dort vom Thron stoßen. Udo Voigt sagt: "Unser politisches Leben ist ein Kampf." Jetzt aber gibt es erst mal Kaffee.

Ein Tag bei der NPD ist ein Tag voller Düsternis. Die Wände wurden seit Jahren nicht mehr neu gestrichen, die Holztreppe knarzt. Ab dem ersten Stock trägt man Hemd und Stoffhose mit Bügelfalte. Schließlich sehen sich die Leute von der rechtsextremen NPD im Kampf um Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes.

"Wir stehen an der Spitze dieser Erneuerung", schreiben sie im Programm. Ihren Kampf steuern sie von hier, aus der Parteizentrale heraus. Acht Angestellte und ein Dutzend Ehrenamtliche, über zwei Stockwerke verteilt.

Oben in der Küche bollert die Kaffeemaschine im Akkord. Florian Stein greift sich eine Tasse, er ist gestresst. Hacker sind vergangene Nacht mal wieder in einen Anbieterserver der NPD eingebrochen und haben 179 Internetseiten mitgehen lassen: E-Mails, interne Korrespondenzen.

Stein setzt sich für einen Moment auf eine alte Eckbank. Ein in die Jahre gekommenes Ivar-Regal ist noch das neueste Möbelstück hier, in ihm stapeln sich Pappdeckel mit dem Aufdruck "Haake-Beck Dunkel", eine Biersorte, die es nicht mehr gibt.

"Auf unsere Mitgliederdateien haben die Hacker zum Glück keinen Zugriff", sagt Stein und nimmt einen hastigen Schluck. "Die sind nicht servergestützt."

Zwei Themen: Opfer und Täter

Stein, 28, kantiger, zur Seite neigender Kopf mit ruhigen Augen, ist für die Mitgliederverwaltung zuständig. Der studierte Verwaltungswissenschaftler steht auf, er will die Korrespondenzen in seinem Rechner auf Vertrauliches hin überprüfen. "Unter unseren Mitgliedern sind einige bekannte Persönlichkeiten. Würden die enttarnt, wären ihre Karrieren sicherlich vorbei."

Zwei Themen beherrschen die Leute hier. Das eine ist die stete Opferkoloratur. Nahezu alle erzählen ungefragt, wie schwer sie es wegen ihrer "Ideologie" hätten: Stein flog aus seinem Praktikum bei einem Amt für Grundsicherung, als der Behördenleiter von seiner NPD-Mitgliedschaft hörte; er heuerte dann hier an. Buchhalter und NPD-Urgestein Ulrich Eigenfeld berichtet genüsslich, wie seine Kündigung bei der Bundesbahn die Gerichte beschäftigte.

Und Bundesgeschäftsführer Klaus Beier erzählt, nicht zum ersten Mal, wie drangsalierende Polizisten ihn vor 20 Jahren zur NPD gebracht hätten: Unweit des Friedhofs von Hitler-Vize Rudolf Heß war er verhaftet worden. "Dabei war ich nur auf Heimaturlaub mit Blumen für die Verwandtschaft - die waren nicht fürs Grab."

Der zweite Topos, um den sich hier alles dreht, ist das Verständnis von "Tätern": kein Gespräch ohne "Überfremdung" und "Verausländerung".

Stein sitzt am Computer in seinem Büro, das Frontfenster ist vergittert. Er sagt unvermittelt: "Das Leben hier in Köpenick ist schön. Wir haben eine gewisse Art des Zusammenlebens. Ausländer würden das nur durcheinanderbringen." Er schiebt nach: "Ich habe auch ausländische Freunde", und lässt mit dem "aber" nicht lang warten. "Aber das Leben mit Deutschen ist einfacher. Mit den Fremden hapert es."

Ob ihm ein Beispiel dafür einfalle.

"Ich kann jeden Tag auf die Straße gehen und das erleben."

Und das Beispiel?

Stein schweigt. Konkret fällt ihm jetzt nichts ein. Er sagt: "Ich möchte das einfach nicht."

Ihm gegenüber sitzt Mandy Schmidt, seit einer Viertelstunde hat sie einen an der Partei interessierten Anrufer am Ohr. Sie redet kaum, streut mal "da haben Sie aber recht" ein, oder: "Das muss auch mal gesagt werden." Nebenbei druckt sie Etiketten aus: bis jetzt um 12 Uhr sind es fünf Anrufer, die Infopost wünschen. Bis zum Abend werden es 25 werden. Mandy Schmidt, 30, strohblondes, zu einem Pferdeschwanz gebundenes Haar, legt auf. "Manchmal sind wir Sozialhelfer. Die Leute sind oft allein und wollen reden."

Entscheidet sich Deutschlands Schicksal am Esstisch?

Auch die Parteiangestellten reden gern und lang, ihre Sätze wollen nicht enden. Sie leben in einer Welt aus vagen Ängsten und Sehnsüchten. Ihre guten Manieren verbergen kaum das schlichte Weltbild, das nur Gut und Böse kennt, sie selbst erhöht und alle anderen nach unten drückt. Das ausblendet, was nicht sein soll.

Karsten Panzer tritt mit einem Stoß Akten in den Händen ins Büro. Sie sind für den Schredder vorm Fenster. Der Finanzrevisor verschafft sich gerade einen Überblick über die Rechenschaftsberichte vergangener Jahre. Er schwitzt. "Ich versuche zu rekonstruieren, was richtig ist und was nicht." Ein ehemaliger NPD-Schatzmeister hatte die Partei bestohlen, dafür wanderte er ins Gefängnis, überließ der NPD einen Aktenberg. Die Papiere holt Panzer aus dem Keller; der einzige Ort, den Besucher nicht betreten dürfen. An diesem Tag steht Karsten Panzer noch oft vorm Schredder.

Udo Voigt rauscht herein, Florian Stein und Mandy Schmidt drücken ihre Rücken durch. "Ich brauche einen von euch für den Infostand am Bahnhof. Abmarsch in 60 Minuten."

Es geht los, Zeit für ein rasches Mittagsmahl, der ehemalige Hauptmann steuert ein Restaurant in einer Nebenstraße an. Voigt, stets begleitet von zwei Leibwächtern, setzt sich mit dem Gesicht zum Fenster. "Hier gibt es gute deutsche Hausmannskost", sagt er, bestellt sich ein Bauernfrühstück.

Ist ihm das so wichtig? Entscheidet sich Deutschlands Schicksal am Esstisch?

Er denkt nach. "Ach, lassen wir das. Ist doch egal." Zur Not isst er auch mal einen Döner. Aber ein Burger, der kommt ihm nie auf den Teller, "das ist das Produkt des unterjochenden US-Imperialismus schlechthin".

Eigentlich sollten die USA nach Voigtsscher Lesart schwach sein, so multikulturell, da dürfte kaum Kraft vorhanden sein fürs Unterjochen. Aber das ist ein Widerspruch, der kaum noch auffällt, der Burger-Asket ist schon bei der Rettung Deutschlands. Dafür braucht er viel, viel Geld. Mehr Geburten sollen her gegen die "Überfremdung", "mit 75 Milliarden Euro für Kinder- und Müttergeld, das rechnet sich sofort gegen".

Erster Besuch, zweiter Teil - Die Parteispitze vor dem großen Knall

Im Parteiprogramm ist viel die Rede von Steuererleichterungen, da ist die NPD radikaler als die FDP. Woher das Geld dafür kommen soll, verrät sie nicht. Warum auch: "Wir wollen ja nicht reformieren", sagt Voigt und malt ein Quadrat in die Luft. "Wir wollen im Reich wieder die Subsistenzwirtschaft einführen." Heißt: Das Land soll sich selbst ernähren, Importe von Waren, die auch hier gefertigt werden könnten, sollen durch hohe Zölle unterbunden werden.

Würde das nicht höhere Preise und mehr Armut bedeuten?

"Das gäbe mehr Jobs. Zum Beispiel würde es mehr Schuhmacher geben, wie früher."

Die seit der Frühgeschichte bekannte Regel, dass mehr Handel und kultureller Austausch mehr Wirtschaftskraft bringen, setzt dieses Weltbild großzügig außer Kraft. Und was, wenn alle Länder so verfahren würden, wenn Exporte aus Deutschland ähnlich durch Schutzzölle verhindert würden?

"Zuerst kommt mein Land und dann die anderen. Wir wollen wieder zurück zur alten Industrie."

Beim Spaziergang zurück zur Parteizentrale versucht Klaus Beier, Bundesgeschäftsführer und enger Vertrauter Voigts, die "raumorientierte Volkswirtschaft", wie es Rechtsextreme gern nennen, noch einmal zu erklären. "Wir schotten uns nicht grundlos ab", sagt er. "Wir sind für die Vielfalt der Völker. Wir haben nichts gegen Neger oder Asiaten."

Er passiert ein NPD-Plakat an einer Straßenlaterne. "Guten Heimflug" steht über einem fliegenden Teppich mit drei Menschen. Schwarze Haut, Kopftuch, langer Schnurrbart.

Warum gucken die denn so traurig?

"Vielleicht haben die Angst auf dem etwas wackeligen Teppich."

In der Küche im zweiten Stock nimmt Klaus Beier einen Joghurt aus dem Kühlschrank. "Schauen Sie", sagt er, "das ist ein lokales Produkt aus Brandenburg. Ich esse konsequent lokal. So funktioniert die raumorientierte Volkswirtschaft." Woher die Milch im Kühlschrank stammt, verrät ihr Etikett indes nicht. "Das ist nicht meine Milch. Das wird Konsequenzen haben", sagt Klaus Beier. Er meint es ironisch.

Unten im Hof ist man unverblümter. Kahlrasierte Köpfe, schwarze T-Shirts von "Thor Steinar", misstrauischer Blick. Niemand will reden hier im Plakatlager. Es sind die Kameradschaften, radikale Neonazis, die für den Wahlkampf das Fußvolk stellen. Ein Plakat mit Udo Voigt auf einem Motorrad, darüber der Slogan "Gas Geben", kommentiert einer von ihnen im Vorbeigehen: "Damit heizen wir den Ofen richtig ein." Und wartet neugierig lächelnd, ob man sich geschockt zeigt.

"Wir widmen uns nur dem Überleben des deutschen Volkes"

Vorn hämmert jemand ans Tor. "Kann jemand Russisch?", fragt Klaus Beier. Draußen steht ein Mann, er sagt immer wieder: "Koterasse. Koopration." Er schlägt mit einem dicken Bündel 50-Euro-Scheine in die linke Handfläche. "Der will uns eine Zusammenarbeit anbieten", vermutet einer. Achselzucken. Die Wächter lassen den Mann stehen und schließen das Tor.

Die Sonne senkt sich. Im Büro von Ulrich Eigenfeld sendet nur der Computer mattes Licht aus, die Jalousien hängen tief. Er schaut zufrieden. Eigenfeld, 64, lächelt viel. "Wir sind gar nicht so, wie wir oft dargestellt werden. Wir widmen uns nur dem Überleben des deutschen Volkes." Immerhin sei das Volk alles, in ihm gehe der Einzelne auf.

Auf seinem Schreibtisch herrscht penible Ordnung. Jeder Stift liegt horizontal in Reih und Glied. Ein Geodreieck fügt sich perfekt in den oberen rechten Winkel der Schreibunterlage.

Eigenfeld redet langsam. "Das lehrt uns doch schon die Prähistorie. Warum sind Länder verschwunden? Heute leidet unser Reich unter immer mehr Fremden, das vermischt sich zur Unkenntlichkeit."

Das statistische Bundesamt nennt dazu die Zahlen. Seit Jahren ist die Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland stabil; sie liegt bei 15,7 Millionen.

"Diesen Zahlen, so wie sie dargestellt werden, glaube ich nicht."

Glaube gegen Wissen - dazwischen verläuft die Frontlinie. Eigenfeld, seit 1969 in der Partei, langjähriger Generalsekretär und Bundesschatzmeister, lehnt sich zurück. "Die NPD ist auf gutem Wege. In den kommenden fünf Jahren können wir mit staatlicher Hilfe in Höhe von fünf bis sechs Millionen Euro rechnen. Und wir verbreitern unsere Basis."

Die Zentrale wird umzingelt

Draußen ist es längst dunkel, das Haus leert sich. Einsam sitzt Udo Voigt in seinem Büro im ersten Stock. Im Vorzimmer zeigt ein kleiner Monitor graue, schemenhafte Bilder: Szenen von der Videokamera an der Haustür. Gegenüber ein gezeichnetes Porträt Erich Priebkes, SS-Führer, eines dieser Opfer: In Italien hatte er sich an Massenerschießungen beteiligt. Nun sitzt er in Rom unter Hausarrest.

In Udo Voigts Büro ist alles Vergangenheit. Die Kriegsstiche, Medaillen und Orden aus alten Zeiten, hinter seinem Schreibtisch die schwarz-weiß-rote Reichsfahne auf einem Hocker, alles fügt sich ein zwischen die grau schraffierten Tapeten. Laut tickt ein Sekundenzeiger über der Tür wie als Mahnung, dass die Zeit doch nicht stehen geblieben ist. Udo Voigts Gesicht durchziehen Sorgenfalten. 15 Jahre lang ist er nun oberster Parteisoldat. Der Bundesparteitag dräut, und jüngere Rivalen drängen nach oben. Setzt sich Udo Voigt nicht durch, fällt er erst mal runter. "Dann gehe ich zum Arbeitsamt und frage, ob ich vermittelbar bin", sagt er. Die Familie Voigt lebt vom bescheidenden Gehalt des Vorsitzenden, fährt einen Mercedes Benz C 180, Baujahr 2000.

Müde schaut er aus. Aber eine Frage bleibt noch: Warum fordert die NPD in ihrem Berliner "Landesaktionsprogramm" die Entfernung der "sogenannten Stolpersteine" - jener messingbeschlagenen Betonsteine in Bürgersteigen vor Wohnhäusern, in denen einst Opfer der Nazis wohnten? Voigts Augen ähneln denen einer Katze.

"Weil sie einseitig sind. Opfer des Kommunismus werden zum Beispiel nicht erwähnt."

Im Parteiprogramm aber werden die deutschen Kriegstoten genannt, während die Opfer von Nazi-Verfolgung kein Wort finden - ist das einseitig?

"Wir erwähnen halt diejenigen, die sonst unter den Tisch fallen."

Und warum liegt so viel unter seinem Tisch? Denkt er, dass Menschen, die ihre Eltern in den Gaskammern verloren haben, durch sein "Gas-Geben"-Plakat verletzt werden? Udo Voigt stockt. Von weit her kommt eine aufgeregte Frauenstimme aus einem Megafon. Demonstranten umzingeln das Parteihaus. Regelmäßig gibt es Proteste vor der Seelenbinderstraße 42, "haut ab, haut ab, haut ab", dröhnt es heute im Zweivierteltakt. Eine Hundertschaft der Polizei riegelt die Straße ab.

Udo Voigt dreht eine Bierflasche auf seinem Tisch, bis das Etikett frontal vor ihm steht. "Zu den Juden im 'Dritten Reich' kann ich mich nicht äußern." Er dehnt langsam jedes Wort. "Sondergesetze verbieten mir dazu eine freie Meinungsäußerung."

Nur frei heraus, warum ziert er sich so?

Der Vorsitzende schweigt. Draußen schreien die Demonstranten immer lauter "Wir kriegen euch alle", eine Leuchtrakete streicht rot durch den Abendhimmel. Die Mundharmonika von "Spiel mir das Lied vom Tod" ertönt aus einem Lautsprecher. Fensterglas zittert.

Das Gespräch hat einen Winkel erreicht, in den kein Argument mehr dringt. Udo Voigt, irgendwo bei seinem inneren Kampf, steht auf. Er sagt: "Ich brauch einen Kaffee." Und geht raus.

Zweiter Besuch - Die Zwickauer Zelle ist aufgeflogen

Sieben Wochen später hat sich die kleine, braune NPD-Welt einmal um ihre Achse gedreht. Die Zwickauer Terrorzelle ist aufgeflogen. Holger Apfel verdrängte Udo Voigt vom Parteivorsitz. Und Ulrich Eigenfeld wurde in die Rente geschickt. Als der Hauptmann an einem Tag Mitte November sein ehemaliges Büro betritt, steckt die Reichsfahne noch im Schaft, aber der Kriegsschmuck ist weg, Udo Voigt hat ihn in seinen Keller geschleppt, vorerst.

Holger Apfel regiert lieber vom sächsischen Landtag in Dresden aus, dort steht er der NPD-Fraktion vor. Das braune Haus in Köpenick will er nur ein-, zweimal im Monat besuchen. Und so darf der Ex-Chef das nun leere Zimmer noch immer nutzen. Zwar hat er kein Amt mehr. Aber die NPD hat ihn als Berater gegen das drohende Parteiverbotsverfahren angeheuert, genug Erfahrung hat er ja.

Aufgeregt wedelt er mit einem alten SPIEGEL-Artikel aus dem Jahr 2009. "Dort steht schon drin, wie es gewesen sein könnte", sagt er über die Mordserie des Zwickauer Trios. "Das klingt plausibel und riecht nach Geldwäsche von der Mafia." Verfassungsschutz und türkischer Geheimdienst steckten da möglicherweise unter einer Decke. Denn: "Das widerspricht dem nationalen Denken. Es gibt da ein Bauchgefühl."

Und die in der abgebrannten Wohnung gefundenen Indizien für die Morde?

"Diese Aufzeichnungen hat man ja vielleicht präpariert."

Es darf nicht sein, was nicht sein darf. Mitte der neunziger Jahre öffnete Udo Voigt, gemeinsam mit Holger Apfel, die Partei für die sogenannten "freien nationalistischen Kräfte", die Neonazi-Kameradschaften, in deren Milieu die Zwickauer Zelle entstand.

Hat er damals eine Büchse der Pandora geöffnet?

Udo Voigt hält inne. "Wir wussten, dass so etwas immer ein unkalkuliertes Risiko sein kann. Mit einigen Kameradschaften haben wir ja auch die Zusammenarbeit beendet."

Eine Mücke geistert durch den Raum. Dabei gibt es seit Wochen keine mehr in der Stadt bei der Kälte. Udo Voigt fegt sich kurz über die Stirn. Beim Jobcenter sagten sie ihm, dass er auf einen Termin warten müsse, für eine Arbeitsvermittlung. "Vielleicht promoviere ich erst mal. Das geht auch mit ALG-1." Sein Blick verlässt den nackten Raum, verliert sich im Nirgendwo.

Dritter Besuch - Die NPD unter neuer Führung

Holger Apfel fühlt sich unwohl. "Ich bin mehr für freundlichere und hellere Farben", sagt er. Es ist Ende Dezember. Der neue Parteichef sitzt im noch immer leeren Büro, er drückt seinen Rücken an die Wand. Seine kleinen Augen fixieren den mächtigen Schreibtisch in der Mitte; nur ein Flachbildschirm hat sich samt Tastatur dorthin verirrt.

"Ein paar neue Möbel sollten hier schon rein", sagt er. Aber dazu hat Holger Apfel gerade keine Zeit, "die Dinge haben auch mich überrollt", sagt er mit Blick auf die Zwickauer Terrorgruppe. "Die hatte ich nicht auf dem Schirm gehabt."

Ruhig sitzt er da, faltet die Hände über seinem Bauch. Er lächelt zufrieden. Die NPD soll überhaupt mehr lächeln, findet Holger Apfel. Lässiger sein. Er trägt keine abgewetzte Lederjacke wie Udo Voigt, sondern ein weißes Tommy-Hilfiger-Hemd und schwarze Tommy-Hilfiger-Socken, dazwischen dunkelblaue Jeans, alles wie von der Stange. Wenn er redet, purzeln die Worte wie beiläufig. "Ein paar Verrückte - so sie denn wirklich die Täter waren - drehen durch, und die NPD soll dafür die Zeche zahlen", seufzt er.

Pardon, aber mit diesen Verrückten hatte er früher gemeinsam demonstriert, war mit ihnen auf die Straße gegangen.

"Ich bin doch nicht für jeden Gestörten verantwortlich, der sich zu unseren Veranstaltungen verirrt." Es klingt wie Kain, der über Abel spricht: Soll ich meines Bruders Hüter sein? Apfel schaltet auf den Opfermodus. "Das ist eine inszenierte Kampagne gegen uns." Seine Sätze werden nun länger, winden sich zu Bandwürmern, in großen Sprüngen geht es von den "kriminellen Machenschaften des Verfassungsschutzes" hinüber zu internationalen Verstrickungen wie der Geheimorganisation "Gladio".

Lächeln gegen das Verbot

Holger Apfel ist gerade 41 geworden. Aber er spricht in Monologen wie ein langjähriger arabischer Potentat. Nur wenn er fürchtet, unterbrochen zu werden, legt er im Redetempo noch einmal zu.

Längst bewegt er sich verbal im Sternschritt; ein Fuß bleibt immer am Boden. Die Wagenburg entsteht: Nichts soll seine schöne, neue Welt der NPD stören. "Wir werden noch sozialer auftreten, uns um die Probleme der kleinen Leute kümmern", schwärmt er. "Keiner ist so konsequent gegen den Euro wie wir." In die Mitte will er, ohne einen wirklichen Schritt.

Sein Konzept der "seriösen Radikalität"? "Das ist vor allem eine Frage der Außendarstellung." Und was ist unseriöse Radikalität? "Mir geht es um die positive Besetzung", weicht er lächelnd aus. Schließlich: "Wir sind radikal im Denken dahingehend, dass wir die Probleme an ihren Wurzeln packen wollen."

Was Holger Apfel entwirft, ist eine Illusion von Fortschritt. Seinem Vorgänger Udo Voigt wirft er strategische Fehler vor, wegen der "Gas Geben"-Plakate und Kreuzworträtsel mit dem Lösungswort "Adolf". "Damit sind wir wieder im Ghetto." Aber radikal, an die Wurzeln will Holger Apfel nicht wirklich.

"Der Nationalsozialismus ist eine abgeschlossene Epoche. Ich maße mir nicht an, über die Vergangenheit zu urteilen."

Was denn nun: Wenn abgeschlossen, dann wird ein Urteil ja wohl möglich sein?

Holger Apfel sitzt still. Nur die dichten Augenbrauen bewegen sich zuweilen aufeinander zu. Macht soll das demonstrieren, die neue NPD. Er denkt, mit dieser Nummer kommt er durch: mit bürgerlichem Tritt sich an die konservativen Globalisierungskritiker heranrobben. Sich das Verbot vom Leibe lächeln. Eine moderne Rechtspartei werden, wie die anderen rings um Deutschland herum.

Doch der Front National aus Frankreich, der belgische Vlaams Belang oder die FPÖ aus Österreich sind nie um eine Antwort verlegen, zu welcher Frage auch immer, so biegsam populistisch. Bei der NPD dagegen sieht das so aus: "Es gibt für mich nicht die Notwendigkeit und die Zeit, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich will die Zukunft gestalten." Holger Apfel schließt die Augen. Und wartet ruhig auf das Ende des Gesprächs.

Epilog

Das neue Jahr hat längst begonnen, der Frühling bringt für die NPD nur Bekanntes: Hacker-Angriffe auf die Server, ein, zwei Brandanschläge auf die Parteizentrale - und die im Spätherbst so hitzig begonnene Debatte um ein Parteiverbot kühlt sich ab, erst der alte, dann der neue Bundespräsident und die Griechenland-Krise beherrschen die Schlagzeilen.

Das öffentliche Interesse hat abgenommen, auch wenn das Thema am Donnerstag wieder Schlagzeilen macht, weil die Innenminister über ein Verbotsverfahren beraten.

Die NPD-Führung frohlockt. Lobt im NPD-Wochenbrief "die zurückhaltenden und sachlichen Stimmen unter den Ministern", sieht den "Höhepunkt einer künstlichen Hysterie" gekommen. Und: "Die NPD bleibt auf Kurs!" Die neuen Möbel aber, für Holger Apfel und sein braunes Haus, die sind noch immer nicht da.