Umstrittene Volksfest-Tradition in Hessen Der tanzende "Mohr" von Biedenkopf

Beim "Grenzgang"-Volksfest im hessischen Biedenkopf läuft ein schwarz angemalter Mann mit Säbel und Uniform vorneweg. Nun gibt es Rassismusvorwürfe. Ein Historiker erklärt die Tradition - und was daran problematisch ist.

"Grenzgang" in Biedenkopf im Jahr 2012: "Leichtfertiges Spiel mit Bildern und Farben"
Thorsten Richter

"Grenzgang" in Biedenkopf im Jahr 2012: "Leichtfertiges Spiel mit Bildern und Farben"

Ein Interview von


Alle sieben Jahre treffen sich Tausende Menschen zu einem Volksfest in der hessischen Stadt Biedenkopf. Beim "Grenzgang" wandern sie ab diesem Donnerstag die Gemarkung des Stadtwaldes entlang. Ortschaften in der Nähe versuchten einst, die Grenze zu verschieben, um ein Stück des Waldes abzubekommen. Die Biedenkopfer wehrten sich ab Ende des 17. Jahrhunderts mit einem regelmäßigen Grenzgang - später wurde ein Volksfest daraus.

Den Umzug führt ein schwarz angemalter Mann an, der "Mohr". In einem Bericht der Hessenschau kritisiert ein Ausländerbeirat die Praxis. Das "Blackfacing" ist schon länger umstritten - Kritiker nennen die Tradition rassistisch.

Woher kommt der Brauch in Biedenkopf? Warum soll er problematisch sein? Fragen an den Historiker Johannes Häfner, der sich in seiner Dissertation mit dem Fest beschäftigt.

Zur Person
  • privat
    Johannes Häfner, 27, ist Historiker und promoviert an der Universität Marburg zur Geschichte des Kolonialismus in der hessischen Provinz. Er untersucht auch dessen Wirkung bis in die Gegenwart, etwa in Form von Festen und Bräuchen.

SPIEGEL ONLINE: Am "Mohr" bei dem Grenzgang in Biedenkopf gibt es Kritik. Ein Mitglied des Marburger Ausländerbeirates sprach von einem "leichtfertigen Spiel mit Bildern und Farben" und von Rassismus. Stimmen Sie zu?

Johannes Häfner: Ich will den Menschen in Biedenkopf nicht pauschal Rassismus vorwerfen. Das geht an der Komplexität des Phänomens Rassismus vorbei - und auch an der Komplexität des Brauchs.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt die Tradition?

Häfner: Darüber wissen wir wenig, die Quellenlage ist schlecht. Anfang des 19. Jahrhunderts tritt diese Figur erstmals verbürgt auf. Eine Theorie ist, dass die Figur den sogenannten Hofmohren entlehnt ist. Die Fürsten des hessisch-darmstädtischen Hofes hielten sie als Harlekine, zur Belustigung und als Zeichen von fürstlicher Weltgeltung.

SPIEGEL ONLINE: Woher kamen diese Menschen?

Häfner: Die Hofdiener wurden beispielsweise nach Kriegszügen verschleppt. Während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges Ende des 18. Jahrhunderts etwa brachten hessische Beteiligte schwarze Menschen nach Europa.

SPIEGEL ONLINE: Die Tradition gibt es seit Ende des 17. Jahrhunderts - doch erst in den vergangenen Jahren wurde Kritik daran laut. Wie erklären Sie sich das?

Häfner: In einer homogenen weißen Gesellschaft, die es wohl in Biedenkopf jahrhundertelang gab, hat sich offenbar niemand daran gestört. Heute jedoch leben Menschen in Deutschland, die von Rassismus betroffen sind - und die machen darauf aufmerksam.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Argumenten?

Häfner: Allein der Begriff "Mohr" hat eine sehr ambivalente Geschichte. Sie reicht bis in die griechische Antike, in der "moros" dumm oder einfältig bedeutete. Im deutschen Sprachraum setzte sich der Begriff irgendwann als Sammelbezeichnung für Menschen aus Afrika durch. Spätestens mit der Kolonialzeit wurde er gebraucht, um schwarze Menschen abzuwerten. Diese Dimension haftet ihm bis heute an. Deshalb ist er rassistisch konnotiert - ebenso wie die Darstellung des "Mohren" in Biedenkopf.

SPIEGEL ONLINE: Was ist an ihr problematisch?

Häfner: Ein umhertanzender angemalter Mann mit dichtem Bart und Säbel ist für unsere Augen erst einmal sehr ungewöhnlich. Das ruft Bilder aus der Kolonialzeit wach: Vom kindlichen, unbeherrschten und wilden schwarzen Menschen, der so ganz anders zu sein scheint als wir.

SPIEGEL ONLINE: Die Veranstalter in Biedenkopf argumentieren, der Mohr sei hoch angesehen. Es gilt zum Beispiel als Ehre, von ihm berührt zu werden und schwarze Schminke abzubekommen.

Häfner: Das ändert aber nichts daran, dass Menschen, die von Rassismus betroffen sind, sich an dieser Darstellung stören. Außerdem frage ich mich, wie positiv die Figur wirklich besetzt ist. In einem Interview 2012 etwa sprach eine Frau aus Biedenkopf darüber, dass man schon als Kind "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" gespielt habe - Schwarze also furchteinflößend seien und der "Mohr" daher geeignet sei, Feinde an der Grenze zu vertreiben. Wenn das keine rassistische Zuschreibung ist - was dann?

SPIEGEL ONLINE: Wie geht man damit um? Soll man den "Mohren" abschaffen, eine Tradition, die von den Menschen vor Ort seit langer Zeit gefeiert wird?

Häfner: Wenn Sie mich fragen, kann es gar nicht schnell genug gehen, diese Figur in ihrer aktuellen Form abzuschaffen. Aber ich weiß, dass die Gemengelage vor Ort komplexer ist. Wir müssen pragmatisch sein.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Häfner: Es nützt wenig, wenn man mit dem Begriff Rassismus um sich wirft. Ein erster Schritt wäre, Sensibilität zu entwickeln. Das, was für viele Menschen in Biedenkopf lustig ist, kann für andere Menschen, die genauso Deutsche sind, eine negative Bedeutung haben. Außerdem sollte man Betroffene an einen Tisch holen, miteinander reden und so Verständnis für die problematischen Implikationen dieser Figur wecken. Man muss die Leute mitnehmen. Sonst haben die Menschen vor Ort den Eindruck, ihnen wird ungerechtfertigterweise ein Teil ihrer Identität genommen.

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