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17. Dezember 2009, 17:53 Uhr

Bischofsrücktritt nach Missbrauchskandal

Irlands Katholiken misten aus

Von , London

Für Irland war es ein Jahr der Offenbarungen, zwei Untersuchungsberichte erschütterten die Insel in ihren Grundfesten. Jahrzehntelang haben katholische Priester dort Kinder gepeinigt und missbraucht. Nun gibt es Konsequenzen: Der erste Bischof gibt sein Amt auf, weitere könnten folgen.

London - Im dunklen Anzug trat der katholische Bischof Donal Murray am Donnerstagmorgen vor seine Gemeinde in der St. Johns Kathedrale im irischen Limerick. "Ich weiß, dass mein Rücktritt die Schmerzen nicht rückgängig machen kann, unter denen die Missbrauchsopfer in der Vergangenheit gelitten haben und bis heute leiden", sagte der 69-Jährige. Doch gehe er, weil sein Verbleib im Amt den Betroffenen "Schwierigkeiten" bereiten würde. Die Missbrauchsopfer sollten künftig "einen besonderen Platz in unseren Gebeten" haben.

Bischof Murray ist der erste hochrangige Kirchenmann, der nach dem Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche Irlands abtritt. Der Vatikan bestätigte den Schritt am Donnerstag. Papst Benedikt XVI. hatte das Gesuch bereits am Montag in Rom angenommen, aber Murray die Verkündung überlassen.

Der Bischof hatte die Entscheidung lange hinausgezögert. Bereits vor drei Wochen veröffentlichte die Untersuchungskommission der irischen Richterin Yvonne Murphy ihren 700-seitigen Abschlussbericht. Sie hatte Missbrauchsvorwürfe von 320 Kindern gegen 46 Priester in der Erzdiözese Dublin von 1975 bis 2004 untersucht. Die Ergebnisse waren schockierend: Nicht nur die Kirche, sondern auch die Polizei hat demnach jahrzehntelang alle Vorwürfe totgeschwiegen und nicht weiter verfolgt.

Dunkle Geheimnisse

Es war bereits der zweite Bericht in diesem Jahr, der die dunklen Geheimnisse der Katholischen Kirche in Irland offenlegte. Im Mai hatte die irische Kommission für Kindesmissbrauch die Ergebnisse einer neunjährigen Untersuchung von katholischen Kinderheimen und Waisenhäusern vorgelegt: 35.000 Kinder wurden demnach zwischen 1914 und 2000 in kirchlicher Obhut geschlagen, gepeinigt oder vergewaltigt.

Der Schock im immer noch tiefkatholischen Irland war beide Male groß, und in den letzten Wochen hagelte es Rücktrittsforderungen. Im Murphy-Bericht werden fünf frühere Dubliner Weihbischöfe namentlich genannt, die bei der Vertuschung mitgemacht haben sollen, darunter auch Murray. Ihm wird vorgeworfen, im Jahr 1983 Missbrauchsvorwürfe gegen den Pfarrer Tom Naughton ignoriert zu haben. Murrays Handeln sei "unentschuldbar" gewesen, steht in dem Bericht.

Der Druck auf Murray war in den vergangenen Wochen stetig gewachsen. Während er in Rom weilte, um seine weiteren Schritte zu überlegen, wandten sich immer mehr Iren von ihm ab. Auch der Vatikan rang sich schließlich zu einer Distanzierung durch. Papst Benedikt XVI. zitierte vergangene Woche die Oberhäupter der irischen Kirche zu sich und teilte mit, er sei "tief verstört und tief betrübt". Die Einsicht kam spät: Der Vatikan-Gesandte in Dublin hatte zuvor die Arbeit der Murphy-Kommission noch boykottiert.

"Altar Boy"

In Irland wurde Murrays Abdankung mit Erleichterung aufgenommen. Nun müssten auch die anderen vier Bischöfe zurücktreten, forderte Andrew Madden. Der inzwischen 44-Jährige war in den siebziger Jahren drei Jahre lang von dem Pfarrer Ivan Payne in Dublin missbraucht worden. Sein Leben war zerstört, er wurde Alkoholiker, brauchte lange, um das Trauma zu verarbeiten. Sein Buch "Altar Boy" aus dem Jahr 2003 sorgte mit dafür, dass der Kindesmissbrauch der Kleriker in der Öffentlichkeit zum Thema wurde.

Diejenigen, die die Augen vor den Vergehen verschlossen hätten, seien genauso schlimm wie diejenigen, die sie begangen hätten, sagte Madden dem "Irish Independent". Wenn die Bischöfe im Amt blieben, sei dies "eine Beleidigung für jedes Kind, das von einem Pfarrer der Erzdiözese Dublin missbraucht wurde".

Der Vorsitzende der irischen Bischofskonferenz, Kardinal Sean Brady, hatte nach dem Treffen mit dem Papst vergangene Woche eine "bedeutende Reorganisation" seiner Kirche angekündigt. Ob diese sich in dem Rücktritt Murrays erschöpft, ist unklar.

Laut "Irish Independent" ist die große Mehrheit der irischen Pfarrer und Gemeindemitglieder dafür, "dass alle im Murphy-Bericht genannten Bischöfe gehen sollen - zum Wohle der Kirche". Zwei der betreffenden Kirchenfürsten haben jedoch bereits ihren Rücktritt ausgeschlossen.

Schlechtes Licht

Der Murphy-Bericht wirft ein schlechtes Licht auf die höchsten Ebenen der Dubliner Kirchenhierarchie. Alle vier Erzbischöfe seit 1975 wussten demnach von den Vorwürfen gegen pädophile Priester, ignorierten sie jedoch, um den Ruf der Kirche zu schützen. Auffällige Pfarrer wurden einfach in eine andere Gemeinde versetzt und konnten dort weiter ihr Unwesen treiben. Ein Geistlicher hat gestanden, über hundert Kinder missbraucht zu haben.

Auch die Polizei verfolgte Hinweise nicht, sondern schaute lieber weg. Selbst ranghohe Beamte hielten die Kleriker dem Bericht zufolge für unantastbar. Erst Mitte der neunziger Jahre bröckelte das Kartell des Schweigens, die ersten Pfarrer wurden verurteilt.

Doch das ganze Ausmaß des Skandals wurde erst in diesem Jahr publik. Der pensionierte Dubliner Erzbischof Desmond Conwell versuchte noch vergangenes Jahr, die Arbeit der Kommission für Kindesmissbrauch zu blockieren, indem er ihr Zugang zu Akten verwehrte.

Die irische Regierung, die selbst wegen jahrzehntelanger Untätigkeit am Pranger steht, ist nun aufgeschreckt. Justizminister Dermot Ahern versprach nach der Veröffentlichung des Murphy-Berichts, sämtliche Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, egal, wie lange die Taten zurücklägen.

Murrays Rücktritt könnte also erst der Anfang sein.

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