Bistum Hildesheim Familientragödie über zwei Generationen

Neue Vorwürfe gegen das Bistum Hildesheim: Auch die Mutter eines betroffenen Mädchens soll vor Jahren von Priester R. missbraucht worden sein. Jetzt fordert der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung einen unabhängigen Ermittler.

Ein junges Mädchen namens Anna* wandte sich 2010 an das Bistum Hildesheim und erhob schwere Vorwürfe gegen Pfarrer Peter R. Der stand damals schon im Zentrum des großen Missbrauchsskandals am Berliner Canisius-Kolleg - doch das Bistum Hildesheim gab die neuen Hinweise erst Monate später an die Staatsanwaltschaft weiter. Der Fall wurde im vergangenen November bekannt, das Bistum geriet wegen seiner mangelnden Aufklärungsarbeit massiv in die Kritik.

Nun könnte der Druck auf den Hildesheimer Bischof Norbert Trelle noch steigen, denn ein weiteres mutmaßliches Opfer von Peter R. wagt sich erstmals an die Öffentlichkeit: Annas Mutter.

Die heute 39-Jährige berichtet in der WDR-Reihe "die story", der Pater habe sie als Kind ebenfalls missbraucht. Und wieder gibt das Bistum im Umgang mit dem Fall kein gutes Bild ab. Denn wie die Kirche nun überraschend einräumt, war dem Hildesheimer Bistum gegenüber ein entsprechender Verdacht bereits im März 2010 geäußert worden.

Die 39-Jährige hat aus Scham lange geschwiegen. Damals habe sie gedacht: Dass ein Priester so etwas mache, glaube sowieso niemand. "Das Schlimme ist einfach", erinnert sie sich nun an den offenbar zudringlichen Diener Gottes, "man merkt, dass sich da etwas bewegt. Seine Hand. Die wandert unter den Pullover und berührt die Brüste und er versucht, mit dem Gesicht näher zu kommen." Der Priester, schildert die Frau weiter, habe ihr dann zwischen die Beine gefasst. Angst und Panik seien in ihr aufgestiegen. Sie habe niemanden gewusst, mit dem sie darüber hätte sprechen können. So habe sie es geschehen lassen, immer wieder, ein halbes Jahr lang.

Das war ihren Angaben zufolge 1993, als sie im Alter von 15, 16 Jahren ihr Taschengeld etwas aufbessern wollte - mit Putzen in der Wohnung des Geistlichen. Der Priester war mit ihren frommen und kirchentreuen Eltern gut befreundet und saß oft zu Hause mit am Tisch.

Das Schweigen führte demnach zu einer Familientragödie, die sich über zwei Generationen erstreckt.

Die ganze Tragik wurde der 39-Jährigen nach eigenen Angaben erst klar, als ihre Tochter Anna, die größtenteils bei den Großeltern aufwuchs, im Herbst vergangenen Jahres mit der Dokumentarfilmerin Eva Müller über ihren eigenen, ebenfalls angeblich durch R. begangenen Missbrauch sprach und das Thema in der Familie hochkam. Da endlich habe sie ihrer Tochter und ihren Eltern über ihre eigenen Vorwürfe gegen Pater R. erzählt.

"Allgemeiner Verdacht"

Am 18. September des vergangenen Jahres berichteten dann die Großeltern dem Bistum Hildesheim, dass es um zwei Opfer in der Familie gehe. Nicht nur ihre Enkelin, sondern auch ihre Tochter sei Opfer eines sexuellen Missbrauchs durch Peter R. geworden.

Das reichte der Kirche aber offenbar nicht für Nachforschungen, denn die Information sei, wie das Bistum nun mitteilt, nicht so konkret geschildert worden wie nun in der WDR-Dokumentation.

Gleichzeitig bestätigt das Bistum, bereits vor fünf Jahren erstmals über den Verdacht, Pater R. könnte auch Annas Mutter missbraucht haben, informiert worden zu sein. Im März 2010 habe der Diakon, der in der Gemeinde von Peter R. dessen Nachfolger war, dies dem heutigen Weihbischof als "allgemeinen Verdacht kommuniziert".

Der Umgang von Peter R. mit seinen vielen jungen Putzhilfen war damals Gesprächsstoff in der Gemeinde. Doch weder 2010 noch 2015 wurden die Verantwortlichen der Hildesheimer Kirche in Bezug auf Annas Mutter aktiv. Niemand nahm über die Großeltern oder Anna Kontakt zu ihr auf, schrieb ihr oder kümmerte sich um sie. Lediglich in einem Brief an die Großeltern wünschte man noch Ende vergangenen Jahres Annas Mutter und Anna alles Gute.

Das Bistum Hildesheim teilte zur Entlastung mit, man habe den Großeltern generell "ein Gesprächsangebot" gemacht. Annas Mutter solle sich bei den Ansprechpartnern des Bistums für Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs melden. Das sei bis heute nicht geschehen. Man habe den Hinweis auf den Fall der Mutter aber inzwischen an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

Mit dieser Vorgeschichte wirkt die Pressekonferenz, auf der sich Bischof Norbert Trelle und Weihbischof Heinz-Günter Bongartz Anfang Dezember verteidigten, fragwürdig.

Hildesheims Bischof Trelle (Archiv): Späte Reaktion

Hildesheims Bischof Trelle (Archiv): Späte Reaktion

Foto: Philipp von Ditfurth/ dpa

Dort wurde mehrfach die Frage nach Annas Eltern, insbesondere ihrer Mutter gestellt. Was mit ihr sei, ob man mit ihr gesprochen habe? Trelle antwortete, Annas Mutter und Vater "verschwinden für mich irgendwo im Hintergrund im Dunkeln. Ob sie überhaupt noch in Hildesheim wohnen oder nicht, oder ob man an sie herankommt, das kann ich auch nicht sagen." Das macht Großeltern, Mutter und Tochter noch immer fassungslos.

Mehrfach versetzt

Priester Peter R. ist die zentrale Figur, die vor sechs Jahren am Berliner Canisius-Kolleg den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland auslöste. Er steht unter Verdacht, als sexueller Serientäter zwischen 1975 und 1982 in mutmaßlich 100 Fällen Kinder und Jugendliche missbraucht zu haben.

1982 wechselte er nach internen Vorwürfen von Berlin nach Hildesheim und blieb bis zu seinem Ruhestand 2003. Zur gleichen Zeit, als er Annas Mutter missbraucht haben soll, wurde er wegen Vorwürfen einer anderen 14-Jährigen nach Wolfsburg versetzt, von dort - nach erneuten kircheninternen Missbrauchsvorwürfen - nach Hannover.

Zu den Vorwürfen äußert sich Peter R. nicht, wegen Verjährung musste er sich nie vor Gericht verantworten.

Der Fall Hildesheim zeigt, dass der Missbrauchsskandal für die katholische Kirche noch immer nicht vorbei ist. Diese Woche erst hat der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, eine unabhängige, siebenköpfige Aufarbeitungskommission ins Leben gerufen.

Rörig ist mit der Aufklärungsarbeit mancher Bistümer in der katholischen Kirche höchst unzufrieden. "Ich muss immer wieder erleben, wie sich Institutionen davor drücken, die ganze Dimension der Taten bei sich aufzuklären. Nicht das Bistum Regensburg, sondern erst ein unabhängiger Ermittler brachte das ganze Ausmaß von Gewalt und Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen ans Tageslicht."

Jetzt fordert Rörig gleiches für das Bistum Hildesheim: "Ich erlebe immer noch die alte, falsche Haltung: Der Institutionsschutz steht über dem Leid der Betroffenen. Ein Zurückhalten von Information ist aber Desinformation." Darum solle das Bistum Hildesheim zur Aufarbeitung möglichst rasch einen unabhängigen Ermittler einsetzen.

Zusammengefasst: Das Bistum Hildesheim muss sich mit weiteren Missbrauchsvorwürfen auseinandersetzen. Nach einer jungen Frau wirft auch deren Mutter dem Pater Peter R. vor, sie als junges Mädchen missbraucht zu haben. Zur vollständigen Aufklärung fordert der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, einen unabhängigen Ermittler in Hildesheim.


Mehr zu dem Thema: "Richter Gottes - Der Fall Hildesheim", Mittwoch, 27. Januar, 22.10 Uhr im WDR. Ein Film von Eva Müller.

*Name geändert
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.