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Limburg: Blick ins "Diözesane Zentrum"

Foto: Birgit Reichert/ picture alliance / dpa

Streit um Tebartz-Bau Die "Unterwelt" am Limburger Domberg

Ein Jahr nach dem Abgang von Tebartz-van Elst entbrennt im Bistum Limburg neuer Streit um seine Bischofswohnung. Ein früherer Caritas-Leiter will den 31 Millionen Euro teuren Bau nun in einen Ort der Auseinandersetzung verwandeln.

"Wie peinlich ist das denn?" - Auf einer Versammlung von Pastoralreferenten vor wenigen Tagen in Wiesbaden geht ein von der Bistumsleitung massenhaft gedruckter Flyer zum "Bischofshaus in Limburg" von Hand zu Hand. Die einen lachen, die anderen schütteln den Kopf. "Die können ja nicht mal richtig Latein", feixt ein Seelsorger bei der genaueren Lektüre, "sanctuarium" müsste es doch heißen, nicht "sanctuario". Ein anderer ergänzt: "Wohnen und thronen haben sie bei der Bibelübersetzung natürlich auch verwechselt."

Der Ärger geht bei vielen Kirchenmitarbeitern weit über derlei semantische Patzer hinaus. Auf der Seelsorger-Versammlung ist man ganz und gar nicht damit einverstanden, wie die Bistums-Leitung um Administrator Manfred Grothe und dessen Stellvertreter Wolfgang Rösch das Tebartz-Erbe verwaltet. Eine Entschließung an die Bistumsspitze soll den Unmut bekräftigen.

Die Redaktion für den Prospekt hatte Roland Berenbrinker inne - ein alter Tebartz-Mann. Der Jungtheologe war lange Zeit persönlicher Referent des Skandalbischofs und viele haben ihn wegen seiner autoritären Anrufe nicht in guter Erinnerung. Nun sitzt er als "Leiter des Büros des Apostolischen Administrators" machtmäßig wieder ganz oben. "In Limburg ist es ein bisschen wie nach der Wende in der DDR", klagt ein Priester, "die erste Reihe ist weg, aber die anderen sind alle noch da: Im Ordinariat, im Domkapitel und in der Bistumsleitung."

Grothe und Rösch wollen nicht nur mit ihrem Faltblatt den Tebartz-Protzbau "entmythologisieren". Sie haben vor Kurzem auch ein Video erstellen lassen, das mit seiner fröhlichen Dauermusikschleife wie der Werbefilm eines Immobilienmaklers daherkommt:

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Auch dieses Video erzürnt die Limburger Katholiken. Kein Wort darin über den Bauskandal, kein Wort der Entschuldigung über das Geschehene, kein einziger selbstkritischer Satz.

Das Haus war und ist kein Mythos, hieß es auf Treffen von Kirchenmitarbeitern in der vergangenen Woche. Es stehe ganz klar für die unrechtmäßige Verschwendung von Kirchengeld, das eigentlich für die Armen da sein sollte. Es sei ein Symbol für das Versagen der kirchlichen Strukturen, für den Dauer-Verstoß gegen geltende Kontrollregeln und die Schuld einzelner Mitarbeiter.

Symbol einer Vertrauenskrise

Hanno Heil, ein unter Tebartz 2010 abgesetzter ehemaliger Caritas-Leiter, hat jetzt einen theologisch durchdachten Vorschlag zur Diskussion gestellt. "Das Gebäude", schreibt Heil, "hat eine alle deutschen Bistümer erfassende Diskussion über den Umgang der Kirche mit Geld, den Lebensstil ihrer Amtsträger und Macht ausgelöst." Es sei zum "Symbol einer tiefgreifenden Vertrauenskrise in die Kirche geworden". Die in den Fels hineingefräste Bischofswohnung stehe nicht für Transparenz, sondern eher "für eine Unterwelt", in der sich die Kirche hinter schweren Bronzetoren verberge. "Wie kein anderes Gebäude in Deutschland symbolisiert das neue Bischofshaus die Diskrepanz zwischen der kirchlichen Botschaft von Frieden und Heil für alle Menschen und ihre Umsetzung in den kirchlichen Strukturen."

Die Diözese solle die Residenz deshalb in einen kirchenkritischen Ort verwandeln. "Das bietet sich doch förmlich an", sagt Heil, "und ist eine einzigartige Chance für die gesamte katholische Kirche in Deutschland, nach all den Skandalen der letzten Jahre einen institutionellen Ort der Umkehr zu schaffen, direkt vor den Toren des Domes."

Besucher gäbe es genug unter den rund eine Million Touristen, die alljährlich den Limburger Domberg hinauf kommen. Wechselausstellungen - etwa über "Die Kirche und das Geld", "Die Kirche und der Nationalsozialismus", "Die Kirche und die Frauen" - sollten sich künftig mit den dunklen Seiten, der Täterrolle, den Sünden des Katholizismus beschäftigen; der Luxusbau solle zum "Haus der kirchlichen Schatten" werden, ein Zentrum kirchlicher Erinnerungskultur, das ihr Organisationsversagen reflektiert. "Es reicht nicht, eine Sünde, eine Verfehlung nur zu benennen, dazu gehört immer auch die Handlung zur Umkehr, ein neues Handeln, das die alten Muster hinter sich lässt", schreibt Heil. "Nur der nüchterne Blick auf die eigenen Schattenseiten wird der Kirche helfen, Fehler von gestern nicht zu wiederholen."

Der Bistumsleitung liegen Heils Vorschläge seit einigen Tagen vor, im Bistum finden sich schon etliche Befürworter. Auch aus der Versammlung der Pastoralreferenten und anderer Treffen heraus will man Umkehr. Als Erstes solle der Flyer der Bistumsleitung  eingestampft werden. Die Seelsorger verlangen eine breite, offene Debatte über die Zukunft des Limburger Bischofshauses und des ganzen Bistums. Nach einem Jahr verpasster Chancen drängt die Zeit.

DER SPIEGEL

Die Lage in Limburg ist symptomatisch für den Zustand der katholischen Kirche auch anderswo in Deutschland. Es ist die zunehmend resignierte Kernmannschaft von hauptamtlichen wie ehrenamtlichen Katholiken, die grundsätzliche Veränderungen in ihrer Kirche verlangt. Der Frust geht schon lange weit über Reformgruppen, kritische Theologen oder liberale Pfarrer hinaus. Es droht eine Kernschmelze: Eine repräsentative Studie des Bistums Münster kam kürzlich zu dem Ergebnis, die Zufriedenheit aller noch aktiven befragten Katholiken mit ihrer Kirche befände sich "in einem kritischen Zustand."

"Der Heilige mag uns halb"

Aus der Kirchenzentrale in Rom kommen eigentlich klare Orientierungen: Priester und Ordensleute müssen nach Ansicht von Papst Franziskus "konsequent einem Geist der Armut" folgen. Die Kirche leide unter zu vielen Geldskandalen, sagte er am Wochenende im Dom von Neapel. Armut bezeichnete Franziskus dabei als "Voraussetzung zur Seligkeit".

Wie zur Bestätigung seines Kurses löste Franziskus überraschend das "Blutwunder von Neapel" aus, das Tausende Neapolitaner normalerweise an drei völlig anderen Terminen erwarten. Dabei verflüssigt sich das Blut des Stadtpatrons, das in einer Ampulle aufbewahrt wird. Als der Papst das Gefäß küsste, verflüssigte sich das Blut - sehr zum Erstaunen aller Anwesenden.

Lachend kommentierte der Papst: "Der Erzbischof sagte mir, das Blut habe sich leider nur halb verflüssigt. Man sieht: Der Heilige mag uns halb. Wir müssen alle noch ein wenig umkehren, damit er uns ganz mag."

Ein Jahr nach Tebartz-van Elst: Mehr zur Situation im Bistum Limburg lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.

Katholische Kirche

Ein Jahr nach dem Ende der Tebartz-Affäre kommt Limburg nicht zur Ruhe.Digitaler SPIEGEL: Haus der Schatten

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