Bombe in New York Jagd nach dem Mann im roten T-Shirt

Ein Verdächtiger, der auf offener Straße sein T-Shirt wechselte, eine Bekennerbotschaft der Taliban: Nach dem vereitelten Autobombenanschlag in Manhattan verfolgen die Fahnder mehrere Spuren. Die meisten New Yorker nehmen den Anschlagsversuch gelassen - auf dem Times Square tobt wieder das Leben.

Von , New York


New York City hält selten den Atem an. Und so hat auch einen Tag nach dem vereitelten Anschlag der normale Trubel am Times Square den Tatort längst wieder vereinnahmt. An der Südwestecke der 45. Straße zur Seventh Avenue erinnert kaum noch etwas daran, dass die Stadt knapp einem potentiellen Desaster entging. Der lärmende Strom aus Menschen und Autos hat die meisten Spuren fortgespült.

Wenige Relikte bleiben. Ein paar Glassplitter des SUV, in dem der primitive Sprengsatz lag. Eine Öllache auf dem Asphalt. Eine bei der Polizeiaktion demolierte Telefonzelle. Ein einsamer Streifenwagen hält unauffällig die Stellung.

Es ist ein heißer Tag am Times Square, der heißeste bisher in diesem Jahr. Die chaotischste, belebteste Ecke dieser Acht-Millionen-Stadt pulsiert wie immer. Aus dem Minskoff Theatre, vor dem die Autobombe gefunden wurde, strömen die Matinée-Besucher, als sei nichts gewesen. Nebenan, beim Restaurant Junior's, sind alle Terrassentische voll besetzt. Davor verhökern die Straßenhändler bereits wieder ihre Skyline-Fotos, Pailletten-Handtaschen und "I Love New York"-T-Shirts. Einer hat sechs US-Sternenbanner um seinen Tisch gesteckt.

"Die New Yorker sind harte Leute"

"Ich habe Umsatz verloren", beschwert sich Hot-Dog-Verkäufer Hamid Boubain. Boubain bemerkte den qualmenden Nissan Pathfinder, dessen Motor lief und Warnlichter blinkten, am Samstagabend als einer der Ersten. "Guck mal", habe er zu einem Freund gesagt. "Wer zündet denn Feuerwerkskörper in einem Auto an?" Die Polizisten hätten sofort alles abgeriegelt. Boubains einzige Sorge: "Ich musste alles zurücklassen und war stundenlang obdachlos."

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Vereitelter Bombenanschlag: Der Trubel hat den Times Square wieder
"Die New Yorker", sagt Polizeichef Ray Kelly am Sonntagnachmittag (Ortszeit), "sind ganz schön harte, unverwüstliche Leute". In der Tat legen viele Einwohner seit dem Trauma des 11. September 2001 eine kühle Lethargie an den Tag. Ein verhindertes Bombenattentat auf die U-Bahn verursachte hier im vorigen Jahr kaum Wimpernzucken. Was nicht heißt, dass die Menschen den jetzigen Schock leicht wegstecken. In Windeseile stellte das New York Police Department (NYPD) gemeinsam mit der Joint Terrorism Task Force der US-Bundespolizei FBI eine Großfahndung auf die Beine - und Kelly konnte schon innerhalb von Stunden die ersten Ergebnisse verkünden.

Eine womöglich heiße Spur stammt von einer der 82 elektronischen Videokameras, die das New Yorker Theaterviertel umringen. Diese "Augen" des NYPD an fast allen Ampel- und Laternenmasten, über die sich Bürgerrechtler seit langem beklagen, erweisen sich jetzt als nützliche Helfer.

"Wir hatten Glück, dass das nicht hochging"

In Hunderten Stunden Videomaterial entdeckten die Fahnder erste wackelige Bilder des Nissans: Um 18.28 Uhr Ortszeit fuhr er zwischen den Passantenmassen quer über den Times Square die 45. Straße West entlang. Eine andere Kamera filmte später einen "weißen Mittvierziger", so Kelly, der sich rasch von dem abgestellten SUV entfernte und noch mal zurückblickte. Dabei zog er ein dunkles T- Shirt aus, um dann in einem roten T-Shirt weiterzulaufen, das er darunter anhatte. Ob der Mann aber tatsächlich etwas mit dem Nissan zu tun hat, bleibt vorerst offen.

Der SUV, vor dem Eingang zum Minskoff auffallend schräg zum Bordstein geparkt, enthielt nach NYPD-Angaben die Ingredienzen einer plumpen, doch potentiell perfiden Bombe: einen Metallcontainer, drei Flaschen Propangas, zwei Benzinkanister mit darum gewickelten Feuerwerkskörpern. Der Container war mit zwei Uhren verkabelt. Bei einer Uhr war der Alarm auf Mitternacht gestellt, die andere entpuppte sich als defekt. Sämtliche Materialien sind im Handel erhältlich.

Als Experten den Metallcontainer im NYPD-Bombenlabor in der Bronx aufsprengten, fanden sie einen weiteren, verkabelten Metallbehälter, noch mehr Feuerwerkskörper und acht Säcke mit einer vorerst nicht identifizierten, körnigen Substanz - nicht explosiver Dünger, wie sich am späten Abend herausstellte. "Wir hatten Glück, dass das nicht hochging", sagt Kelly trotzdem. Eine Explosion hätte sicher zu Verletzten und "einem ganz schönen Feuerball" geführt.

Anonymer Anrufer

Auch auf die Spur des Nissans setzen sich die FBI-Fahnder schnell. Der Besitzer wurde gefunden, doch nicht öffentlich identifiziert. Das Nummernschild stammt von einem anderen Wagen, einem Pick-up-Truck, der sich in einem Autoschrotthof im benachbarten Bundesstaat Connecticut fand. Das FBI vernahm auch dessen Ex-Besitzer. Er wird jedoch vorerst nicht als Verdächtiger genannt.

Der Rest verlief, wie es viele New Yorker aus der populären US-Krimiserie "CSI: NY" kennen: Der Nissan wurde im Morgengrauen in eine Werkshalle des NYPD in Queens abgeschleppt, wo ihn Spezialisten auf Fingerabdrücke und DNA-Spuren untersuchten, etwa Hautzellen, Haare, Speichel oder Blut. Ergebnisse waren in der Nacht zum Montag noch nicht bekannt.

Eine weitere, bisher jedoch mysteriöse Spur eröffnete sich durch einen Notruf, der in der Nacht zum Sonntag um 4 Uhr beim NYPD einging. Der anonyme Anrufer warnte nach Angaben aus Polizeikreisen vor einer massiven Explosion - die Autobombe im Times Square sei nur eine Ablenkung gewesen. Das NYPD verfolgte den Anruf bis zu einer Telefonzelle an der 53. Straße West, acht Blocks von dem Standort des Nissans entfernt, und sicherte auch dort Spuren.

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