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Trauer in Brasilien "Wir sind überfahren worden"

Es war der schlimmste Tag in der Geschichte des brasilianischen Fußballs. Nach dem Desaster gegen Deutschland kam es in mehreren Städten zu Krawallen. Manche Fans versuchten der Katastrophenstimmung aber auch mit Witzen zu begegnen.

"Wann sind wir Brasilianer je so vorgeführt worden", grübelt ein Brasilien-Fan in Rios Nobelviertel Leblon. Über sein gelbes Brasilien-Trikot hat er nach dem WM-Debakel gegen Deutschland einen schwarzen Pulli gezogen. "Was sind wir jetzt noch, wenn wir nicht mehr das Land des Fußballs sind? Wir sind gerade überfahren worden." Auf dem TV-Bildschirm reicht der Platz für die Torschützen schon nicht mehr aus. "7:1. Das ist einfach unbegreiflich", sagt ein anderer. "Das sind nicht wir, wir können doch sonst Fußballspielen", sagt eine 54-Jährige, ihr Brasilien-T-Shirt ist zerknittert, in der Anspannung hat sie die Arme ganz eng vor der Brust gekreuzt.

Verzweiflung, Trauer, Wut und Scham im Land des Fußballs. In vielen Städten Brasiliens kam es nach dem Spiel zu Randale: In Rio musste die Polizei beim Fanfest an der Copacabana eine Massenschlägerei auflösen, frustrierte Fußball-Fans zündeten in São Paulo 15 Busse an, auch in Curitiba wurden Busse demoliert. In Belo Horizonte gab es Prügeleien im Stadion und Kneipen, Schlägereien wurden auch aus Recife und Salvador gemeldet.

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In Rio sind die Straßen menschenleer, dunkel. Es ist kalt, es regnet in Strömen. Die Deutschen haben soeben ihr zweites Tor geschossen. Da schallt ein Schrei durch die Nacht: "Mengo!!!" Flamengo ist der brasilianische Club mit der größten Fangemeinde, das Bayern München der Tropen. Niemand hier sagt Flamengo, immer nur "Mengo". Die Deutschen tragen an diesem Abend das WM-Trikot, das exakt aussieht wie das Hemd des vielfachen brasilianischen Meisters. Rot-schwarze Blockstreifen - eine Hommage an die vielen Millionen Fans. Das soll Sympathien bringen. Mengo ist heute Deutschland.

Nach 23 Minuten fließen die ersten Tränen. "Mit Neymar wäre uns das nie passiert", sagt ein Mädchen, vom Sturzregen kleben ihr die Haare am Kopf. Klose hat das 2:0 geschossen und damit Ronaldo in der ewigen Bestenliste der WM-Torschützen vom Thron gestürzt. Gut, Ronaldos Sturz ist nicht weiter schlimm, der ehemalige Superstar des Fußballs wird von vielen Brasilianern als nervig empfunden. Dann geht es sehr schnell, innerhalb von sechs Minuten fallen drei weitere Tore. "Der Trainer müsste das Spiel jetzt unterbrechen können, eine Auszeit nehmen, wie beim Basketball. Die Spieler sind doch total von der Rolle."

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Die Trauer weicht dem Entsetzen, dem Schock, der Scham, schließlich ist die Pein so groß, dass nur noch Galgenhumor hilft. "Rumo ao hexa!", erhebt einer der Fans sein Bierglas. Auf dem Weg zum sechsten. Tor, nicht Titel.

Die Gefühle fahren Achterbahn. Nach dem 7:0 legt sich Torwart Júlio Caesar neben sein Tor und starrt in den Himmel. Längst ist die Stimmung gekippt. Dieses Spiel, dieses Ergebnis kann man nicht ernst nehmen. "Die Deutschen wollen eigentlich gar keine Tore mehr schießen, aber sie können nicht anders." Als Oscar für Brasilien in der 89. Minute das erste Tor macht, springen die Fans von ihren Stühlen: "Los, lauft! Jetzt drehen wir das Spiel!" Na ja, das klappt nicht ganz. Der Schiedsrichter pfeift ab. "Okay, ja, wir haben dieses Spiel verloren. Aber die Deutschen zwei Weltkriege."

7:1. Ein "katastrophales Ergebnis" schreibt "O Globo", der "Estadão" spricht von einer "historischen Demütigung", die "Folha de São Paulo" von einem "Massaker". Die Sportzeitschrift "Lance!" nennt das Ergebnis die "größte Schande in der Geschichte". Und der bekannte TV-Moderator Galvão Bueno sagt: "Auf diese Weise zu verlieren ist hart."

Zum Spiel gegen Deutschland waren alle Spieler der Seleção mit weißen Schirmmützen gekommen, die Aufschrift "Força Neymar" - Kraft, Neymar. Das Ergebnis sei eine Homage an den verletzten Stürmer, wird gewitzelt: "Wenn Neymar nicht spielt, spielen die anderen Spieler auch nicht." Und: "Wenigstens haben wir für unsere Nr. 10 keine zehn Tore kassiert."

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