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Terrorwarnung in Braunschweig: "Braunschweig hat keine Angst"

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Braunschweig nach der Terrorwarnung Trotz und Tränen

Der Karnevalsumzug wurde abgesagt, jetzt versucht sich Braunschweig aus der Schockstarre zu befreien. Es gibt vereinzelte Partys - und einen Oberbürgermeister, der für seine Tränen gefeiert wird.

Der Oberbürgermeister weint. Keine halb unterdrückten Tränen. Sondern große. Sein ganzer Körper bebt. "Denken Sie nur an all die Menschen, die wir enttäuschen mussten", sagt Ulrich Markurth. Er habe die vergangene Nacht kein Auge zugemacht. Und er sieht so aus, dass man es ihm glauben muss. "Dass das in Braunschweig möglich ist, in meiner Stadt, das kann man doch nicht glauben."

Markurth steht im Lindi, einer urigen Kultkneipe in der Braunschweiger Innenstadt mit viel dunklem Holz. Er muss anschreien gegen das Gegröle von ein paar Dutzend älteren Herrschaften. Die meisten trinken offenbar nicht das erste Bier des Tages, sie schunkeln, sie rauchen, sie singen "Heute schippen wir uns zu" und "Du kannst nicht immer 17 sein". Sie feiern Karneval. Oder das, was davon übrig ist.

Es ist jetzt knapp 30 Stunden her, dass der "Schoduvel" in Braunschweig abgesagt wurde, einer der größten Karnevalsumzüge in Deutschland. Ein Informant aus der Salafistenszene hat seinen Kontaktleuten beim Verfassungsschutz mitgeteilt, am Sonntag sei ab 13 Uhr auf dem Altstadtmarkt mit einem Anschlag zu rechnen . Über mögliche Täter oder Details zur Vorgehensweise sagte der Informant nichts. Laut Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius seien es jedoch "sehr belastbare" Hinweise gewesen.

Feiern aus Trotz

"Die Entscheidung ist uns schwergefallen", sagt SPD-Politiker Markurth über die Absage. "Aber sie war alternativlos." Im Lindi feiern sie ihn und seine Entscheidung. Sie klopfen ihm kräftig auf die Schulter, sie singen Lieder zu seinen Ehren, am lautesten sind die politischen Gegner von der CDU. Und Markurth? Bei ihm fließen wieder die Tränen, doch dann sagt er: "Mittlerweile ist mir nach Feiern zumute." Gestern hätten der Schock und die Traurigkeit überwogen. Heute, nachdem die Nachricht ein bisschen verdaut sei, regiere der Trotz.

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Terroralarm in Braunschweig: Der traurigste Karneval

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Es hätte so schön werden sollen. Laut, bunt, lustig. So wie in all den Jahren zuvor: eine Party mit bis zu 300.000 Besuchern, mit Tonnen an Süßigkeiten, mit Alkohol, mit 121 Motivwagen. Stattdessen war Braunschweig am Sonntag: leise, grau, nervös. Um kurz nach 11 Uhr hatten sich die Karnevalisten in einer Halle zum Empfang des Zugmarschalls versammelt, um den Start des Umzugs zu feiern. Dann teilte ihnen der Polizeipräsident mit, dass es dieses Jahr keinen Umzug geben werde. Der Saal sei daraufhin in eine Schockstarre gefallen, so beschreiben es mehrere Teilnehmer.

"Diese Stimmung in der Stadt, das kannte ich nicht", sagt Andreas Markurth, der Bruder des Bürgermeisters, der mit anderen Karnevalisten aus Hannover angereist ist. "Es war eine surreale Situation: Wir hatten kaum Informationen, die Innenstadt war abgesperrt, wir kamen nicht mehr raus." Die Absage sei wie eine Vollbremsung gewesen, die Fröhlichkeit sei von hundert auf null gesunken. Am späten Mittag hätten sich die Karnevalisten wie ursprünglich geplant in der Stadthalle getroffen, Feierstimmung sei jedoch nicht aufgekommen. Die Halle war nicht einmal halb voll.

"Stellen Sie sich vor, hier wäre wirklich was passiert"

Sein Bekannter Wolfgang Gottschalck berichtet von Kindern aus dem Karnevalsverein, die mit dem Bus aus Hannover nach Braunschweig gefahren sind - und die in der Stadt nicht aussteigen durften. "Antworten Sie mal einer Sechsjährigen, die fragt: 'Was ist Terror?'" Der Bus sei dann wieder umgekehrt, und die Kinder hätten zahlreiche Nachrichten geschickt. "Sie haben uns immer wieder gefragt, ob es uns gut geht in Braunschweig. Ob wir sicher sind."

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Doch trotz der Trauer und des Schocks - die Braunschweiger stehen hinter der Entscheidung, den Umzug abzusagen. Sie vereint die Angst vor der Antwort auf die Frage: Was wäre gewesen, wenn…? "Stellen Sie sich mal vor, hier wäre wirklich was passiert - dafür will doch niemand die Verantwortung übernehmen", sagt Andreas Markurth. Die Sicherheit habe immer vorzugehen.

Am Rosenmontag versuchten sich die Karnevalisten in Normalität: Es gab wie geplant einen Gottesdienst in der Martinikirche, und um 11.11 Uhr einen Empfang des Bürgermeisters. "Wir versuchen, trotzdem fröhlich zu sein", sagt Markurth später in der Kneipe.

Nach Fröhlichkeit ist Margarete Bischof nicht zumute. Sie hat am Altstadtmarkt jahrelang einen Kiosk betrieben, inzwischen leitet ihn ihre Tochter. "Ja, ich habe Angst", sagt sie. Als die Polizei den Platz am Sonntag geräumt hat, habe sie darauf gewartet, dass es irgendwo knallt. "Braunschweig hat sich auf den Karneval gefreut, das wurde uns versaut", sagt sie.

Sie selbst habe mit großen Umsatzeinbußen zu kämpfen. Gerade mal fünf Flaschen Bier hätten sie im Kiosk verkauft, die Vorräte würden noch bis zum Sommer reichen. Die Stadt hat inzwischen damit begonnen, die Unmengen an Süßigkeiten und anderen Nahrungsmitteln an die Braunschweiger Kindergärten und Tafeln zu verteilen.

Oberbürgermeister Markurth will von Angst in seiner Stadt nichts wissen. "Braunschweig hat keine Angst", sagt er. "Und wir dürfen auch keine haben." Er selbst wolle nun erst mal versuchen, zur Ruhe zu kommen. Und nächstes Jahr, da ist er sicher, werde der Karneval wieder groß und bunt und schön.