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13. August 2012, 14:33 Uhr

Oslo-Attentat

Breivik-Bericht listet schwere Polizeifehler auf

Das Urteil fällt vernichtend aus: Dem Bericht einer unabhängigen Kommission zufolge hätten der Anschlag im Osloer Regierungsviertel und das Massaker auf der Insel Utøya verhindert werden können - wenn die Polizei nicht geschlampt hätte.

Oslo - Es ist eine lange Liste, und sie wirft ein schlechtes Licht auf die Polizei in Norwegen: Der Bombenanschlag im Regierungsviertel der Hauptstadt Oslo hätte verhindert werden können, wenn die "bereits existierenden Sicherheitsmaßnahmen effektiv angewandt worden wären", heißt es in einem Bericht, der an Regierungschef Jens Stoltenberg übergeben wurde. Erstellt wurde er von einer unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung der Anschläge von Oslo und Utøya, er umfasst 20 Kapitel und rund 500 Seiten.

Laut dem Bericht einer zehnköpfigen Kommission unter Leitung der Anwältin Alexandra Bech Gjörv hätte der rechtsextreme Attentäter Anders Breivik "früher gestoppt werden können". "Ein schnellerer Polizeieinsatz war eine realistische Möglichkeit", schreiben die Autoren. Die Langsamkeit der Polizei in der "ersten Phase" ihres Einsatzes sei "inakzeptabel". Die Behörden seien darin gescheitert, die Menschen auf Utøya zu schützen und Breivik zu stoppen.

Demnach seien ein Autobomben-Anschlag "auf den Regierungskomplex und koordinierte Angriffe seit Jahren stets wiederkehrende Szenarien bei Bedrohungs- und Sicherheitsanalysen" gewesen. Die Anschläge seien aber auch die "möglicherweise schockierendsten und unfassbarsten Taten, die Norwegen je erlebt hat".

Der Bericht bemängelt konkret unter anderem Kommunikationsprobleme und die Missachtung von Einsatzregeln. So habe es viel zu lange gedauert, bis eine Beschreibung von Breivik und seinem Fahrzeug durchgegeben wurde. Die Meldung zu Breiviks möglichem Fluchtfahrzeug sei nach der Bombenexplosion im Regierungsviertel zu lange in der Einsatzzentrale liegen geblieben, heißt es.

Das Schlauchboot der Sondereinheit fiel aus

Die unerfahrenen Polizisten dort hätten versäumt, die Verkehrsleitzentrale anzuweisen, den Verkehr um Oslo anzuhalten. So hätte Breivik möglicherweise daran gehindert werden können, die Insel Utøya zu erreichen. Zwischen der Bombenexplosion in Oslo und Breiviks Festnahme auf Utøya vergingen mehr als drei Stunden, obwohl Breiviks Name den Sicherheitsbehörden bereits bekannt war.

Laut dem Bericht dauerte es 35 Minuten vom Eintreffen der ersten Polizisten aus einem örtlichen Kommissariat am Festlandufer gegenüber von Utøya und der Ankunft von Spezialeinheiten auf der Insel. Die ersten beiden Polizisten hätten dem Regelwerk zufolge alles unternehmen müssen, um auf die Insel zu gelangen, blieben aber auf dem Festland. Sie gaben an, kein Boot gefunden zu haben. Als schließlich Angehörige der Polizei-Sondereinheit Delta aus dem 40 Kilometer entfernten Oslo versuchten, auf die Insel zu gelangen, fiel ihr überladenes Schlauchboot aus. Die Polizisten mussten daraufhin auf zwei Privatboote umsteigen.

Außerdem schreibt die Kommission, dass bereits seit 2004 geplant gewesen sei, die Straße entlang des Regierungssitzes in Oslo für den Verkehr zu schließen. Dies sei aber wegen bürokratischer Hemmnisse nicht geschehen. Breivik konnte so einen Lieferwagen mit einer 950 Kilogramm schweren Bombe direkt vor dem 17 Stockwerke hohen Regierungsgebäude parken. Stoltenberg befand sich zum Zeitpunkt des Anschlags nicht in dem Gebäude.

Breivik hatte am 22. Juli 2011 mit einer Autobombe acht Menschen in Oslos Regierungsviertel getötet. Anschließend erschoss er in einem Jugendlager der regierenden Arbeiterpartei auf der Insel Utøya 69 Menschen. Bereits kurz nach den Anschlägen war die norwegische Polizei in die Kritik geraten. So feuerte Breivik auf Utøya mehr als eine Stunden lang auf die Teilnehmer des Lagers, bevor er festgenommen werden konnte.

Seit Mitte April steht Breivik vor Gericht, das Urteil gegen ihn soll am 24. August verkündet werden. Die Staatsanwaltschaft will den Angeklagten in die Psychiatrie schicken, was Breivik verhindern will. Die Verteidigung fordert im Falle einer Verurteilung eine Gefängnisstrafe.

aar/fdi/AFP/AP

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