Bremen Malteser vergessen behindertes Mädchen im Schulbus

Sie war hilflos, konnte niemanden auf sich aufmerksam machen: Ein behindertes achtjähriges Mädchen musste die Nacht in einem Schulbus verbringen - weil zwei Mitarbeiter des Malteser Hilfsdienstes sie dort vergessen haben.

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Hamburg - Was Miriam in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag durch den Kopf gegangen ist, werden ihre Eltern wohl nie erfahren. Es müssen lange Stunden gewesen sein für das behinderte Mädchen: eingeschlossen in einen Wagen, ohne Essen, ohne frische Windel. Erst am frühen Donnerstagmorgen wurde die Achtjährige im Kleinbus des Malteser Hilfsdienstes entdeckt. Von dem Fahrer, der sie am Vortag eigentlich von der Schule nach Hause hatte bringen sollen. Doch da kam Miriam nicht an.

Die Malteser-Mitarbeiter vergaßen das autistische Mädchen im Wagen, es musste die Nacht in einer Garage auf dem Betriebshof verbringen.

Spricht man mit Gambari Yaya, Miriams Vater, dann erzählt er noch immer von Angst, Wut und den vielen offenen Fragen. Denn bis jetzt wissen die Yayas nicht, was Miriam zwischen ihrem Schulschluss am Mittwoch um 13 Uhr und dem Donnerstagmorgen widerfahren ist. "Wir sind so froh, dass sie lebt und dass es ihr gut geht", sagt der 49-Jährige SPIEGEL ONLINE. Ein Seelsorger informierte die Yayas am Donnerstagmorgen darüber, dass Miriam wieder aufgetaucht sei, dass es ihr gut gehe und dass sie in einer Kinderklinik untersucht werde.

Nie wäre Miriam mit einem Fremden mitgegangen

Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war für die Eltern die Hölle: Immer wieder hatten sie die Vahr durchkämmt, den Stadtteil von Bremen, in dem sie wohnen. An Schlaf war nicht zu denken. Nie zuvor war Miriam weg gewesen. Nie war sie allein. Nie wäre sie mit einem Fremden mitgegangen. Das Mädchen hatte viel zu viel Angst vor Menschen, die es nicht kannte.

Die Yayas geisterten rastlos durch ihre Erdgeschosswohnung. Wo war Miriam? War ihr etwas zugestoßen? "Solche Fälle enden oft so schlimm", sagt Gambari Yaya leise. Vor 17 Jahren kam er aus Togo nach Deutschland, heute arbeitet er in Bremen als Taxifahrer, seine Frau ist zu Hause, um sich um Miriam zu kümmern, die schwer pflegebedürftig ist.

Miriam ist trotz ihrer Erkrankung oft fröhlich und aufgeweckt. Wenn man mit dem Vater spricht, hört man sie im Hintergrund brabbeln. Sprechen kann Miriam nicht. Ihren Willen kann sie dennoch äußern, ihre Eltern verstehen sie auch ohne Worte. Manchmal habe er das Gefühl, sagt er, Miriam müsse all die aufgestaute Energie, die sie in sich trage, weil sie nicht sprechen könne, auf andere Weise von sich geben.

Das Mädchen besucht eine Integrationsschule rund zwei Kilometer von der Wohnung der Eltern entfernt. Jeden Morgen wird sie von einem Keinbus der Malteser abgeholt und dorthin gebracht. Mittags um 13 Uhr, wenn der Unterricht zu Ende ist, bringen die Fahrer Miriam in den Hort. Außer mittwochs: Da setzen sie das Mädchen bei ihren Eltern ab, die sie dann zur Therapie fahren.

Als es an diesem Mittwoch bis 13.20 Uhr noch nicht an ihrer Tür geklingelt hatte, riefen die Yayas im Hort an. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein Fahrer das Kind versehentlich in die Einrichtung statt nach Hause gebracht hätte. Doch dort war Miriam nicht.

Die Mutter rief auch bei den Maltesern an. Zu hören bekamen sie, wie inzwischen klar ist, Ausflüchte der beiden Fahrer: Sie hätten das Mädchen zur Tür gebracht, es habe versehentlich bei einer Nachbarin statt bei den Yayas geklingelt, dann sei Miriam ins Haus gelaufen. Und die Mitarbeiter seien wieder gefahren. Eigentlich sind sie angehalten, das Kind persönlich an Vater oder Mutter zu übergeben.

Die Yayas klapperten die Nachbarn ab, fanden schließlich eine Frau, die angab, es habe bei ihr an der Tür geklingelt - allerdings sei niemand zu ihrer Wohnung hinaufgekommen. "Miriam wäre nie an unserer Wohnungstür vorbeigelaufen. Sie weiß, wo sie wohnt", sagt Vater Gambari Yaya SPIEGEL ONLINE.

"Wir haben versucht, das Geschehene zu rekonstruieren: Ist Miriam wieder aus dem Haus gelaufen, nachdem sie geklingelt hatte?" Konnte es sein, dass sie aus der Haustür ging, sah, dass der Bus weggefahren war, und dann einfach davonlief? Ungewöhnlich wäre es allemal gewesen, ausschließen konnten die Yayas es nicht.

Sie durchsuchten die umliegenden Straßen. Um 15.30 Uhr erstatteten sie bei der Polizei eine Vermisstenanzeige.

Auch einer der Fahrer beteiligt sich an der Suche

200 Polizeibeamte, eine Hundestaffel und ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera suchten nach Miriam. Vergeblich. Auch die Malteser beteiligten sich mit mehreren Fahrzeugen und Freiwilligen an der Aktion. Auch dabei: der 22 Jahre alte Zivildienstleistende, der Miriam gemeinsam mit seinem Kollegen im Wagen vergessen hatte.

Für die Suche wurden Fahrzeuge aus der schwach beleuchteten Garage geholt - in einem der anderen Autos saß Miriam, angeschnallt und eingeschlossen. Auf sie aufmerksam wurde man nicht.

Erst als die beiden Fahrer am nächsten Morgen zu einer neuen Tour mit dem Neunsitzer aufbrechen wollten, stießen sie auf das Mädchen. Körperlich hatte Miriam die Nacht unversehrt überstanden. Welche Ängste sie gehabt hat, konnte sie nicht sagen.

Die beiden Fahrer sind erfahrene und beliebte Mitarbeiter der Malteser. Der 32-Jährige ist seit zwei Jahren im Fahrdienst tätig, der 22-Jährige leistet seinen Zivildienst seit August 2008 bei der Organisation. Sie haben in den polizeilichen Vernehmungen inzwischen gestanden, das Mädchen in dem Wagen vergessen zu haben.

"Sie haben Miriam schlicht vergessen. Sie haben selbst geglaubt, das Mädchen zu Hause abgeliefert zu haben", sagt Polizeisprecher Dirk Siemering SPIEGEL ONLINE. In der Routine der Abläufe hätten sie die Kleine "übersehen".

Vier Kinder saßen am Mittwochmittag in dem Neunsitzer. Für die Bremer Malteser-Geschäftsführerin Angelika Gabriel ist das, was passiert ist, noch immer unbegreiflich. "Über die beiden Fahrer hat sich in der Vergangenheit niemand beschwert. Wir müssen die Konsequenzen aus diesem ganz furchtbaren Vorfall ziehen und uns von dem Mitarbeiter trennen", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Der jüngere der beiden wird seinen Zivildienst ohnehin Ende des Monats beenden. Der 32-Jährige wird gehen müssen. "Wir bedauern den Vorfall zutiefst", sagt Gabriel.

"Wenn sie Miriam vergessen haben, warum haben sie uns dann zuerst eine andere Version aufgetischt?", fragt Gambari Yaya. Und kennt die Antwort ebenso wenig wie alle anderen Beteiligten. "Ich war sehr besorgt und ich bin noch immer wütend. Aber ich bin sehr glücklich, dass sie wieder da ist."



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