Britische Hochzeitsmuffel Hilfe, die Royals heiraten!

Die Hochzeit von William und Kate ist ein globales Mega-Ereignis, Milliarden TV-Zuschauer werden erwartet. Doch in Großbritannien sind nicht alle begeistert: Millionen Briten fliehen von der Insel, andere planen ein derbes Alternativprogramm.

REUTERS/ The Ivy Press

"Nee, das tue ich mir nicht an", sagt Frances und leckt an ihrem Eis. Die 46-jährige Bildhauerin wohnt am Clapham Common im Süden Londons, wo die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton am 29. April in voller Länge auf Großbildleinwänden übertragen wird. In dem Park wird ein riesiges Zeltlager für 4000 Menschen errichtet, die Veranstalter sprechen begeistert vom "Camp Royale".

Frances wird für das lange Wochenende zu einer Freundin ziehen, um dem Wahnsinn vor ihrer Haustür zu entkommen. "So weit weg wie möglich", sagt sie. "Ich werde auch den Fernseher nicht anschalten."

Die Künstlerin ist nicht die Einzige, die so denkt. Wenn Kate und William in zehn Tagen in der Kutsche vom Westminster Abbey zum Buckingham Palace rollen, werden viele Briten nicht hinschauen. 79 Prozent gaben in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts ICM an, ihnen sei die Hochzeit egal.

Millionen werden nicht einmal mehr auf der Insel sein. Reisebüros melden Rekordbuchungen für die Tage rund um die Hochzeit - satte zwei Drittel mehr als vor einem Jahr. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Briten dank Ostern, Hochzeit und Maifeiertag nur drei Tage freinehmen müssen, um einen elftägigen Urlaub genießen zu können. Aber unter den Reisenden sind auch echte Monarchie- und Massenmuffel. "Wir verzeichnen großen Andrang von Leuten, die den Feierlichkeiten komplett entkommen möchten", sagte Reisevermittler Paul Furner dem "Daily Mirror".

"Die Royals sind einfach langweilig"

Der Reiseanbieter Release Travel lockt junge Männer mit einem "Royal Wedding Getaway"-Wochenende in einer Surf-Lodge in Cornwall. "Seien wir doch ehrlich, Jungs: Was interessiert uns die königliche Hochzeit?", schreibt der Veranstalter. "Natürlich werden die Mädels noch monatelang darüber reden, aber wir haben ein Wochenende für euch geplant, das nichts mit Kate und Will zu tun hat." Saufen und Surfen - so lässt sich das Alternativprogramm zusammenfassen. Gerade jüngere Briten sehen dem Großereignis mit einer gewissen Gleichgültigkeit entgegen.

"Ich werde es mir nicht angucken", sagt der 40-jährige Buchhalter Tim in Clapham. "Die Royals sind einfach langweilig. Sie sind Teil der Celebrity-Kultur." Die Designerin Camila Prada beklagt die Kluft zwischen dem Medienhype und den Gesprächen in ihrem Bekanntenkreis. Während die Presse jede noch so belanglose Hochzeitsneuigkeit zum Anlass nehme, Kate oder William auf die Titelseite zu hieven, sei die Trauung im Alltag kein Thema, sagt die Mittdreißigerin aus Stoke-on-Trent.

Die Party, auf der auch Kate und William am liebsten wären

Aus Protest hat sie einen Kaffeebecher entworfen, auf dem steht: "Die königliche Hochzeit ist mir egal." Sie verkauft ihn über ihre Website und kommt mit der Produktion kaum der Nachfrage hinterher. Der Becher sei nicht als Kritik an der Monarchie gedacht, sondern an den Medien, sagt Prada. "Die Berichterstattung ist vollkommen losgelöst von der Realität."

Tatsächlich wissen manche Londoner auf der Straße nicht einmal, wann die Hochzeit ist. "Wann noch mal?", fragt Lisa, eine 31-jährige Managerin. "Ah, an dem Tag ziehe ich um." Die Monarchie sei einfach aus einer anderen Zeit, meint der 23-jährige Ire David Murphy. "Kate und William scheinen ganz in Ordnung zu sein, aber sie sollten einfach eine normale Hochzeit feiern."

Es gibt natürlich auch Briten, die sich den Tag schon seit langem im Kalender markiert haben - und dem nationalen Feiertag entgegenfiebern. Rund 4000 Straßenfeste sind landesweit geplant. Es ist eine alte britische Tradition: Die Nachbarschaft sperrt die Straße ab, hängt Fähnchen auf und grillt zusammen. Der britische Premierminister David Cameron geht mit gutem Beispiel voran und lädt zum Barbecue in die bekannteste Straße des Landes, die Downing Street.

Doch die Stimmung sei nicht die gleiche wie noch vor dreißig Jahren, als Charles und Diana heirateten, sagt der 45-jährige Taxifahrer Dennis Michael. Damals sei tatsächlich in allen Straßen gefeiert worden. Diesmal müsse man wohl schon extra nach einem Fest suchen. Und die Jugend sei ohnehin nicht interessiert: Seine Kinder im Teenageralter hätten Besseres zu tun als die Hochzeit anzuschauen.

Auch die Monarchiegegner der Organisation Republic haben ein Straßenfest geplant - unter dem Motto: "Nicht die königliche Hochzeit." Sie wollen sich von der Hochzeitshysterie absetzen, aber nicht als Spaßbremsen gelten. "Es ist die Party, auf der Kate und William am liebsten auch wären", wirbt die Gruppe auf ihrer Website.

Der Schriftsteller Will Self berichtet im "Guardian", ein Freund habe ihn zu einer "Fuck the Royal Wedding"-Party eingeladen. Doch sei sein Desinteresse so gewaltig, dass selbst diese Party vielleicht ein bisschen zu viel für ihn wäre. Er werde sich wohl einfach nur in einen Park legen.

Während die Anti-Royalisten den nationalen Taumel befremdlich finden, können sie ihm doch auch etwas Gutes abgewinnen: Seit der Ankündigung der Hochzeit sind die Mitgliederzahlen von Republic um 50 Prozent gestiegen.



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spon-1277755831106 18.04.2011
1. Unglaublich
Was für ein sinnloser Mist. Das passt aber gut zum Guttenberg-Hype. Irgendwie haben wir das Mittelalter nicht verlassen.
Dr_Lecter 18.04.2011
2. Repräsentant
Wie unwichtig reine Repräsentanten des Staates (ohne Machtbefugnisse) sind, zeigt schon unser Bundespräsident. Der macht nichts und wird bis zum Lebensende (wie parallel die vielen noch lebenden Präsidenten) fürstlich entlohnt (für was eigentlich?). Das greise japanische Staatsoberhaupt (Tenno) besucht Tsunamiopfer und spendet ... gute Worte (wie tröstlich für die Betroffenen)! Die englischen Royals heiraten. Na und? Nur gelangweilte und dumme Frauen interessieren sich für so etwas. Wer hat welchen Hut auf und ist das nicht die Schwipp-Cousine 5. Grades des Neffen vom Baron sowieso? Solange solche Millionären zusätzlich mit Millionen vom Steuerzahler überschüttet werden, muss sich kein Arbeitnehmer schämen, wenn er sich für den (vergleichsweisen) Hungerlohn kein Bein ausreißt.
der_mündige_bürger 18.04.2011
3. Herzlich willkommen in Wolkenkuckucksheim!
Einerseits: 79% der Briten geht die Hochzeit am Allerwertesten vorbei. Andererseits: 2 Milliarden Menschen (ca. 1 Drittel der Menscheit!)werden die Hochzeit am Fernsehen verfolgen. Gesetzt, daß beide Zahlen stimmen, wäre der Anteil vernünftiger Menschen (fast vier Fünftel) in GB bedeutend höher als in der restlichen Welt, D inklusive (maximal zwei Drittel). Daß aber in Deutschland die ganze Angelegenheit wichtiger genommen wird als in GB, das fällt mir schwer zu glauben, vorsichtig ausgedrückt. Wer baut da Luftschlösser, und warum? Die Kluft zwischen der Realität und ihrer medialen Inszenierung wird immer größer. Herzliche Grüße
y10gt 18.04.2011
4. well well well
@dr lecter empfehle speakers corner im hyde park für "volksreden" - der informationsgehalt der meldung als auch ihr statement tendieren in die selbe richtung :-)
FastFertig, 18.04.2011
5. 2 Milliarden
Weltbevölkerung: 6 Milliarden. Das heißt ca. ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung soll sich angeblich für die Hochzeit dieser beiden Engländer interessieren. Dabei ist es nur eine schnöde Wiederholung der Hochzeit von Diana und diese Kate ist nicht mal adlig. Wenn man alleine mal die ungünstigen Einschaltzeiten von Amerika, China und Australien abzieht, bleibt eigentlich nur Europa und ganz Afrika übrig um sich den Käse live reinzuziehen. Ganz Afrika! Sonst kommt man nicht auf die 2 Milliarden. Also auch die Männer. Wenn nur die Frauen zusehen muss man halb China mit dazunehmen um auf diese Zahl zu kommen. Beim Superbowl sind es gerade mal eine Milliarde Zuschauer und da gibt es in der Halbzeit manchmal sogar Titten zu sehen. Damit rechnet bei der Hochzeit niemand wirklich.
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