Britisches Verhörlager in Niedersachsen Das Geheimnis des verbotenen Dorfes

Fußtritte, Kinnhaken, stundenlanges Stehen in kaltem Wasser - im britischen Verhörlager Bad Nenndorf wurden Gefangene noch nach Ende des Zweiten Weltkriegs misshandelt. Ein verschlafener Kurort in Niedersachsen entdeckt einen verschütteten Teil seiner Geschichte wieder.

Von , Bad Nenndorf


Bad Nenndorf - Die Zelle misst zwei mal drei Meter, der Boden ist gekachelt, gelb und grau, die Wände sind kalt, in der Ecke hängt ein kleines Waschbecken. Durch das Fenster dringt fahles Licht; hinter der Milchglasscheibe liegt der überdachte Innenhof. In der Luft hängt der Geruch von Schwefel aus den Heilquellen.



Zelle reiht sich an Zelle in den Korridoren des Winckler-Bads von Bad Nenndorf. Hier sollen sie festgehalten worden sein: 372 Männer und 44 Frauen. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Briten das Zentrum des niedersächsischen Kurortes abriegelten, auf einem Areal von rund 25 Hektar ein Internierungslager einrichteten. Aus Badezellen wurden Gefängniszellen.

Seit die britische Tageszeitung "The Guardian" vor wenigen Tagen auf zwei Seiten die katastrophalen Zustände im Lager beschrieb, haben die Bad Nenndorfer eine längst verdrängte Episode ihrer Geschichte wieder entdeckt. Schon einige Jahre arbeitet eine kleine Gruppe um die Rentnerin Ingrid Groth an einer geschichtlichen Zusammenstellung über das Kurbad im 20. Jahrhundert. Das Dritte Reich spielt dabei eine zentrale Rolle.

Das Konzentrationslager Bergen-Belsen, in dem 30.000 Juden umgebracht wurden, war nicht weit. So versucht der Arbeitskreis auch, das Schicksal jüdischer Familien in ihrem Heimatort zu verfolgen. Ein lokales Geschichtsheft listet für Anfang 1937 fünf auf. Sie litten unter antisemitischen Parolen, Steinwürfen und einem "Klima des Hasses", das einheimische Nazis gegen sie schürten. Auch jüdische Kurgäste waren schon bald nicht mehr willkommen: An den Kureinrichtungen haben Schilder unmissverständlich klar gemacht: "Juden haben keinen Zutritt."

Während der Kriegsjahre wandelte sich Bad Nenndorf zur Lazarettstadt, überall sollten große Kreuze den Bombern signalisieren, dass hier Verwundete gepflegt wurden. Vor allem aus dem nahe gelegenen Hannover strömten Flüchtlinge in den Ort, später auch Vertriebene aus Pommern, Ostpreußen und Schlesien. Im April 1945 kamen zunächst die US-Amerikaner nach Bad Nenndorf, im Mai übernahmen die Briten den Ort.

Nahrungsentzug, Scheinexekutionen, Daumenschrauben

Doch heute dreht sich bei den Hobby-Historikern alles um die Jahre 1945 bis 1947. Das meiste wissen sie aus der britischen Presse. Detailliert breitete der "Guardian" aus, was sich hinter den Stacheldrahtwällen, den Sichtblenden und den Mauern des Badehauses abgespielt haben soll. Nahrungsentzug, Schläge, Auspeitschen, Scheinexekutionen, Daumenschrauben - die Liste ist quälend lang. Zunächst traf es Mitglieder der NSDAP und der berüchtigten Waffen-SS. Doch dann wandelte sich die Zusammensetzung der Gefangenen: Reiche Industrielle wurden ins Interrogation Center gesperrt und immer mehr angebliche Spione und Anhänger linker Gruppierungen.

Ingrid Groth, 1945 sieben Jahre alt, musste mit ihrer Familie das seit 1919 geführte Hotel räumen. Einheimische haben später erzählt, sie hätten nachts die Schreie der Gefangenen gehört. Es ist das demütige Lächeln der Wissenden, das auch Walter Münstermann, 74, ins Gesicht steigt, wenn er über die schlimmen Tage spricht. Von Tausenden Flüchtlingen in der Stadt, von Tieffliegern, die auf alles schossen, was sich bewegte. Als 14-Jähriger passierte er täglich das streng bewachte Tor des Lagers, lief mehrere hundert Meter am Stacheldraht entlang bis zu seiner Schule.

Berüchtigte Zelle Nummer 12

Der Münsteraner Historiker Heiner Wember hat sich in seinem Buch Umerziehung im Lager. Internierung und Bestrafung von Nationalsozialisten in der britischen Besatzungszone Deutschlands intensiv mit der britischen Internierungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt. 90.000 Menschen hätten die Briten aus Furcht vor einem Guerilla-Krieg der Nazis bis 1948/49 vorübergehend aus dem Verkehr gezogen, sagt Wember. Missstände habe es in allen elf Internierungslagern der britischen Zone gegeben. "Sie sind nie zum Thema geworden, weil die Lager völlig abgeschottet waren", erklärt der Historiker. Im Vergleich zu den US-Amerikanern und den Franzosen hätten sich die Briten jedoch zunächst deutlich reservierter und sachlicher gegeben. Später kehrte sich dies um: Die "Sprunghaftigkeit" der US-Armee und der Franzosen sei Zurückhaltung gewichen.

Die Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte ist eine schwierige Angelegenheit, das wissen auch Ingrid Groth und ihre Mitstreiter. Schnell gerät man in den Verdacht des Aufrechnens. "Seht ihr, die waren genauso schlimm", so oder ähnlich lautet der Satz, vor dem sich alle hüten müssen und der trotzdem oft genug unausgesprochen im Raum steht, wenn der Arbeitskreis die Quellen sichtet.

Doch der Satz ist falsch, denn es gibt qualitative und quantitative Unterschiede der Grausamkeiten, die niemals ausgeblendet werden dürfen: Die Deutschen hatten zuvor die halbe Welt in die Katastrophe gestürzt, Millionen Menschen den Tod gebracht, ungezählte Unschuldige gemartert und ermordet. Dagegen nimmt sich das "Folter-Camp" von Bad Nenndorf aus wie eine winzige Fußnote in der blutigen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Aber auch Fußnoten wollen geschrieben werden. Wember widmete dem Nenndorfer Lager einige Seiten seiner Analyse. Unter anderem interviewte er den früheren Abteilungsleiter aus dem Propagandaministerium, Kurt Parbel. Ausführlich schilderte der politische Zensor der "Wochenschau" verschiedenste Foltermethoden. Über Parbel schrieb auch der frühere Gemeindedirektor Friedrich in seiner nie vollendeten und unveröffentlichten Chronik. Erst zusammengeschlagen sei Parbel schließlich "in die berüchtigte Zelle 12" gesperrt worden. "Dieser Raum war fußhoch mit Wasser gefüllt, in welchem die Häftlinge die ganze Nacht mit nackten Füßen und nur mit Hemd und Hose bekleidet auf und ab gehen mussten." Acht Tage und Nächte habe Parbel "in dieser Hölle" bleiben müssen.

"Zerlumpte Gestalten"

Doch schon Ende der 40er Jahre wurde der Skandal publik. Auch deutsche Zeitschriften berichteten über die Vorkommnisse, darunter auch der SPIEGEL: Im Dezember 1949 hieß es in dem Magazin über das "Spezial-Internierungslager": "Dort bearbeiteten die Soldaten ... ihre Gefangenen derart mit Schlägen, Fußtritten, Kaltwasserduschen und eiskalten Zellen, dass es den Nenndorf-Prozess gab." Und die Illustrierte "Quick" bezeichnete im Jahr 1948 den Kommandeur des Lagers, Oberst Robin Stephens, vielsagend als "Mann mit dem Kinnhaken".

Doch schließlich waren es die Briten selbst, die die Übergriffe aufklärten und ein Strafverfahren in Gang brachten. Auf der Insel reagierte man erschrocken und fassungslos über das Verhalten der Landsleute, die doch als Befreier nach Deutschland gekommen waren.

Ein britischer Geistlicher war Anfang 1947 Gerüchten über Folter in Bad Nenndorf nachgegangen. An Pfingsten stattete der britische Labour-Abgeordnete Stokes dem Lager unangekündigt einen Besuch ab. "Schon was er sah, genügte", schrieb die "Quick", "armselige, zerschlagene, halbverhungerte, kranke, scheue, zerlumpte Gestalten". Der Nenndorf-Prozess - "das hat uns imponiert", sagt Walter Münstermann über das juristische Nachspiel, durch das er erstmals überhaupt von den Übergriffen hörte.

Scotland Yard rückte an und dokumentierte das Grauen, das nun der "Guardian" ausgewertet hat. Zwar stellte der Ausgang des Nenndorf-Prozesses die Betroffenen nicht zufrieden: Kommandeur Stephens und sein wichtigster Vernehmungsoffizier Langham wurden freigesprochen, der ohnehin pensionsreife Lager-Arzt John Smith aus der Armee entlassen. Doch man rechnete den Briten hoch an, dass sie den Versuch unternahmen, die Schuldigen zu bestrafen. Sie selbst.

Vorübergehende Zweckentfremdung

Heute leben etwa 16.000 Menschen am Rand des Galenbergs, ebenso viele Kurgäste kommen jährlich, um die heilende Wirkung der Schwefelquellen zu spüren. Das Städtchen ist weit weniger mondän als das zweite niedersächsische Staatsbad Pyrmont. Schmucklose Gebäude aus den 80er Jahren prägen die Fußgängerzone, Ladenlokale stehen leer. An den Zweiten Weltkrieg erinnert ein Gedenkstein für die ermordeten Juden.

1930 wurde das Winckler-Bad im Bauhaus-Stil errichtet, 60 Jahre danach modert der einstige Mittelpunkt des Kurlebens in weiten Teilen vor sich hin. Es gibt ein neues Thermalbad. Zwei Ärzte haben einige der alten Räume für ihre Praxen sanieren lassen, ansonsten lässt Feuchtigkeit den Putz von Decken und Wänden bröckeln. Ein paar eingestaubte Badeschuhe und alte Zeitschriften zeugen von besseren Zeiten. Die Wannen sind herausgerissen, haben dunkle, verdreckte Löcher hinterlassen.

Bis Anfang der 80er wurden hier noch Schlammpackungen verabreicht. Heute warten Stadt und Klinikleitung auf einen Investor. Vielleicht, sagt Klinikleiter Klaus-Achim Schiller, findet sich ja ein Geldgeber, der an das dunkle Nachkriegskapitel erinnern wird. Verdrängen will man diesen Teil der Geschichte von Bad Nenndorf jedenfalls nicht mehr.



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