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Bruce Jenner: Die zwei Leben des Dokusoap-Stars

Foto: Ethan Miller/ Getty Images for Michael Jordan Celebrity Invitational

Olympia-Star Bruce Jenner Geschlechtsumwandlung als Dokusoap

Bruce Jenner war mal der weltbeste Leichtathlet. Jetzt will er angeblich seine Geschlechtsumwandlung verkünden. Damit könnte er andere ermutigen - doch manche Transgender-Aktivisten sind entsetzt über den Medienhype.

Er war der Held der Olympischen Spiele von 1976. Zehnkampf-Gold, meistgefeierter Athlet der Welt, "Playgirl"-Coverboy, Werbe-Idol, Star im US-Dschungelcamp. Und zuletzt der Patriarch des schrillen Kardashian-Clans und dessen Dokusoap-Dreigestirns Kim, Kourtney und Khloé.

Jetzt aber wagt Bruce Jenner, einst Amerikas Macho-Ikone Nr. 1, offenbar den persönlichsten und wohl schwersten Rollenwechsel.

An diesem Freitag wird Jenner, 65, in einem viel gehypten TV-Interview allen Erwartungen nach offiziell machen, was die US-Medien seit Langem unwidersprochen munkeln und seine Mutter bereits indirekt bestätigt hat - seine Geschlechtsumwandlung. "Mein ganzes Leben hat mich hierauf vorbereitet", sagte er in einem kryptischen Trailer des Senders ABC.

Bisher konnten die Celebrity-Beobachter nur sein oberflächliches Erscheinungsbild sezieren: "Bruce im Kleid", kreischte das Boulevardblatt "Daily News" am Mittwoch auf seinem Cover mit "weltexklusiven" Paparazzi-Fotos, die eine verschwommene Person - mutmaßlich Jenner - im Maxikleid auf seiner Terrasse zeigten, Zigarette zwischen den Fingern.

"Transgender ist zum Mainstream geworden"

Doch nicht nur die Klatschpresse klatscht. Selbst die bierernste "New York Times" interessiert sich für Jenners "veränderte Figur", während die "Washington Post" hofft, dass Jenners "Enthüllung" das Verständnis dafür erhöhen könnte, "was es bedeutet, transgender zu sein".

Doch es ist ein zwiespältiges Spektakel. Einerseits bewundernswert, dass jemand den Mut hat, diese schwere, zutiefst private Entscheidung durchzuziehen, als Rollenvorbild für andere, die im Schatten stehen. Andererseits abschreckend, wie die Sensationspresse das verhackstückt.

Sollte Jenner sich im Interview mit ABC-Beichtmutter Diane Sawyer tatsächlich offenbaren, täte er das in einem sich rasant ändernden Klima. Nach den Gays rückt nun die Trans-Gemeinschaft immer mehr in die Schlagzeilen der US-Popkultur. "Es ist eine Transgender-Welt", schreibt die "New York Post": "Transgender ist zum Mainstream geworden."

So weit ist es zwar noch nicht - doch sie verstecken sich auch nicht mehr.

Laverne Cox, Co-Star der Netflix-Hitserie "Orange is the New Black", erschien als erste Transfrau auf dem Cover von "Time" und als erste nackt auf dem des Magazins "Allure": "Eine schwarze Transfrau zu sehen, die alles an sich akzeptiert und liebt, das könnte andere inspirieren."

Mit der Serie "Transparent" über einen Trans-Familienvater räumt Amazon die Fernsehpreise ab. Aydian Dowling, als Frau geboren, hat beste Chancen, von den Lesern auf den Titel des Fitnessmagazins "Men's Health" gewählt zu werden. "Ist dies der Transgender-Wendepunkt?", fragt "Vogue" und hebt mit Andreja Peji die erste Transfrau in ihre Seiten.

Jenner im September 2013: Schon da blühten die Spekulationen

Jenner im September 2013: Schon da blühten die Spekulationen

Foto: Mark Von Holden/ Mark Von Holden/Invision/AP

Flankenschutz bekommen sie von ganz oben. Als erster US-Präsident sprach Barack Obama das Wort "Transgender" aus, in seiner letzten Rede zur Lage der Nation. Auch ließ er im Eisenhower Executive Office Building - dem Bürotrakt am Weißen Haus, in dem auch der Vizepräsident sitzt - geschlechtsneutrale Toiletten einrichten. "Jeder, der dieses Gebäude betritt", schrieb Obamas engste Beraterin Valerie Jarrett im Schwulenmagazin "Advocate", "soll sich sicher und respektiert fühlen."

Das ist natürlich immer noch nicht überall so. Transsexuelle werden weiter diskriminiert, angepöbelt, verprügelt - oder ermordet. Denn die meisten sind nicht so prominent, reich und behütet wie Jenner.

Weshalb nicht alle Aktivisten Jenners erwartetes Coming-out begrüßen. "Wir sind doch keine Freakshow", sagt Melissa Sklarz, New Yorks erste transsexuelle Lokalpolitikerin, zu SPIEGEL ONLINE. "Mein eigener Weg war sehr kompliziert, ich verschwand für acht Jahre von der Bildfläche."

Doch Jenner lebt seit jeher im Blitzlicht der Kameras. Nach seinem Erfolg bei den Sommerspielen von Montreal prangte sein Konterfei auf Cornflakes-Kartons und dem "Playgirl". Er wurde ins Weiße Haus eingeladen, gastierte in Gameshows und Krimiserien. Er war ein Sexsymbol, ein Objekt nationalen Stolzes im Kalten Krieg. 1991 heiratete er Kris Kardashian, die Ex-Frau des Prominenten-Anwalts Robert Kardashian.

In der lachhaften Dokusoap um die Kardashians spielte Jenner zuletzt eine eher traurige Nebenrolle. Das dürfte sich an diesem Freitag ändern.

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