Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner »QAnon ist nichts anderes als der uralte Mythos vom jüdischen Ritualmord«

Die Thüringer AfD-Fraktion ist bei Veranstaltungen im früheren KZ Buchenwald unerwünscht. Der Gedenkstättenleiter über rechtsextreme Politiker, Corona-Leugner und fehlende Empathie an Massengräbern.
Ein Interview von Kristin Haug
Jens-Christian Wagner: »Weiß nicht, wie diese Jana aus Kassel tickt«

Jens-Christian Wagner: »Weiß nicht, wie diese Jana aus Kassel tickt«

Foto: Jens Meyer / Universität Jena

SPIEGEL: Herr Wagner, Sie mussten das Sicherheitspersonal in der Gedenkstätte Buchenwald verstärken, weil Wintersportler bis zu den Massengräbern gerodelt sind.

Wagner: Es gab auch schon Leute, die gegrillt haben. Und einmal ist jemand mit einem Anhänger vorgefahren und hat sich Schotter vom Lagerbahnhof eingeladen, weil er den in seinem Vorgarten verbauen wollte. So etwas passiert immer wieder.

SPIEGEL: An welche Vorfälle erinnern Sie sich noch?

Wagner: In der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora hat man in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Radrennen rund um den Appellplatz des ehemaligen Lagers veranstaltet. In den Siebzigerjahren wurde auf der Rampe des KZ-Bahnhofs das Vereinshaus für einen Hundesportverein aufgestellt, und in den Neunzigerjahren hat die Polizei dort Schießtrainings absolviert, damit sich die Polizeihunde an die Geräusche gewöhnen.

Zur Person

Jens-Christian Wagner, Jahrgang 1966, studierte Mittlere und Neuere Geschichte sowie Geografie und Romanistik in Göttingen und Santiago de Chile. Im Jahr 1999 wurde er an der Uni Göttingen mit einer Studie zur Geschichte des KZ Mittelbau-Dora promoviert. Von 2001 bis 2014 leitete Wagner die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, von 2014 bis 2020 leitete er die Gedenkstätte Bergen-Belsen. Seit Oktober 2020 ist er Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

SPIEGEL: Schüsse in einem ehemaligen Konzentrationslager?

Wagner: Ich habe es selbst erlebt – auch in Begleitung von Überlebenden. Wenn wir aus dem Stollen kamen, ins Freie traten und von der gegenüberliegenden Bahnhofsrampe Schüsse hörten, war das extrem irritierend. Bis in die Neunzigerjahre gab es so ein absolut unangemessenes Verhalten, das zeigt, dass sich die Menschen mit der Geschichte dieses Orts offensichtlich überhaupt nicht auseinandergesetzt haben und es ihnen erheblich an Empathie mangelte.  

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