Bundeswehrsoldat im Corona-Dienst "Ich habe kein Verständnis mehr für Corona-Leugner"

Mehr als 1800 Bundeswehrsoldaten unterstützen derzeit die Behörden bei der Nachverfolgung von Corona-Infektionen. Stabsunteroffizier Christopher Tim Lischewski ist einer von ihnen.
Ein Interview von Celine Wegert
Gegen das Virus: Soldaten der Bundeswehr helfen bei der Nachverfolgung von Infektionsketten (Symbolbild)

Gegen das Virus: Soldaten der Bundeswehr helfen bei der Nachverfolgung von Infektionsketten (Symbolbild)

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Den Flecktarn hat Christopher Tim Lischewski Mitte September gegen ein hellblaues Hemd mit Schulterklappen eingetauscht, sein Husumer Regiment gegen einen Schreibtisch im Gesundheitsamt Hamburg-Eimsbüttel. Der 30-jährige Stabsunteroffizier ist einer von mehr als 1800 Bundeswehrsoldaten, die aktuell im Kampf gegen die Corona-Pandemie bei der Nachverfolgung von Infektionsketten eingesetzt werden.

SPIEGEL: Herr Lischewski, womit wären Sie heute beschäftigt, würde es die globale Pandemie nicht geben?

Lischewski: Normalerweise wäre ich jetzt wohl auf einem militärischen Übungsplatz, um jüngere Soldaten oder neue Kameraden auszubilden.

SPIEGEL: Stattdessen sitzen Sie an einem Schreibtisch. Was sind aktuell Ihre Aufgaben im Gesundheitsamt in Hamburg-Eimsbüttel?

Lischewski: Wir arbeiten hier im Moment in einem Zweischicht-System. Die Kameraden und ich sind eine Woche durchgängig im Dienst, auch am Wochenende und an den Feiertagen. Dann haben wir wieder eine Woche frei. Ich rufe zum Beispiel Personen an, die sich in Quarantäne befinden, und frage nach ihrem Gesundheitszustand. Wenn Personen plötzlich schwere Symptome zeigen, kann das Gesundheitsamt ärztliche Tests anordnen. Und ich rufe Personen an, um sie aus der Quarantäne zu entlassen.

SPIEGEL: Für viele Menschen ist die Quarantäne ja eine belastende Ausnahmesituation. Spüren Sie das in den Gesprächen?

Lischewski: Absolut. In manchen Telefonaten müssen wir ziemliche Überzeugungsarbeit leisten. Manche wollen einfach nicht wahrhaben, dass sie sich jetzt isolieren müssen. Sie fangen an, herumzudiskutieren und Argumente vorzubringen, die sie irgendwo im Internet aufgeschnappt haben. Das ist mitunter schon kräftezehrend und kostet auch einfach viel Zeit und verzögert den nächsten Anruf, den man machen könnte. Wir wollen ja möglichst weitere Infektionen verhindern und da telefonieren wir alle gegen die Uhr an.

SPIEGEL: Gibt es auch erbauliche Anrufe?

Lischewski: Auf jeden Fall, ich bekomme viel positives Feedback. Gerade von älteren Menschen, die freuen sich auch über die Zwischenanrufe. Die Leute merken, dass sie nicht alleingelassen werden mit ihren Sorgen. Dass es Menschen gibt, die ihnen zuhören, sie ernst nehmen, und sie mit seriösen Informationen versorgen. Viele bedanken sich für unsere Arbeit. Das motiviert mich und gibt einem natürlich auch was zurück. Ich habe den Eindruck, dass das, was ich mache, den Menschen hilft.

SPIEGEL: Was empfinden Sie, wenn Sie hören, dass manche Menschen Covid-19 leugnen oder meinen, das sei alles nur aufgebauscht?

Lischewski: Ich kriege hier die Konsequenzen dieser Krankheit jeden Tag unmittelbar mit. Wenn ich mit Angehörigen spreche, deren Familienmitgliedern es zum Beispiel sehr schlecht geht. Das bewegt mich. Ich bin seitdem viel sensibler für das Thema und habe wirklich kein Verständnis mehr für Kritiker oder Corona-Leugner. Ich weiß, dass das alles "echt" ist.

SPIEGEL: Wären Sie gerade lieber anderswo im Einsatz?

Lischewski:  Nein, ich bin schon gerne hier. Diese Arbeit ist notwendig und sinnvoll. Und sie macht mir auch Spaß. Die Zusammenarbeit mit den zivilen Kollegen im Bezirksamt ist eine schöne Erfahrung, wir wurden hier sehr gut eingewiesen.

SPIEGEL: Was haben Sie in den letzten Wochen gelernt?

Lischewski: Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, dass man als Familie, unter Freunden, Kollegen oder Kameraden zusammenhält. Ich erlebe gerade jeden Tag, wie wertvoll das ist.

SPIEGEL: Hat diese Arbeit Ihre eigene Haltung verändert?

Lischewski: Mir ist noch einmal bewusst geworden, dass man nichts als selbstverständlich ansehen sollte. Vor allem nicht die eigene Gesundheit. Unser Alltag hat sich so schnell verändert. Wenn ich Leute am Telefon habe, die sich darüber aufregen, dass sie jetzt nicht mehr in den Urlaub fahren können, ärgert mich das fast schon. Denn ich spreche auch mit den Risikopatienten, für die eine Infektion mit dem Virus tödlich enden kann.

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