Brände in Australien Bloß raus aus dem Inferno

An der Südostküste Australiens läuft eine der größten Evakuierungsaktionen des Landes, am Samstag drohen die Brände in der beliebten Urlaubsregion noch schlimmer zu werden. Bericht aus einer Region im Ausnahmezustand.
Ein Feuerwehrfahrzeug bahnt sich einen Weg durch die Flammen in New South Wales

Ein Feuerwehrfahrzeug bahnt sich einen Weg durch die Flammen in New South Wales

Foto: 3TP NARCH/NARCH30 MNDTY/ REUTERS

"Wenn Sie an der Südküste Urlaub machen, müssen Sie das Gebiet vor Samstag verlassen. Wenn Sie die Südküste an diesem Wochenende besuchen wollen: Sie sind nicht in Sicherheit. Halten Sie sich am Samstag nicht in der Gegend auf."
Feuerwehr des australischen Bundesstaats New South Wales

Die Südostküste Australiens rühmt sich damit, die weißesten Strände der Welt zu haben. Die Gegend zählt in den Weihnachtsferien zu den beliebtesten Reisezielen für Australier und Touristen aus anderen Ländern, Zehntausende Menschen kommen dann in die kleinen Küstenorte. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, türkisfarbenes Wasser, sattgrünes Buschland. So sieht es dort normalerweise aus. Doch dieser Sommer ist nicht normal.

Der Strand ist übersät von schwarzer Asche und toten Vögeln, der Himmel ist rauchverhangen und grau, die Sonne erscheint als roter Feuerball. Das Wasser ist voller Aschepartikel, das Buschland entweder vertrocknet braun oder schon schwarz verkohlt.

Dieser Sommer ist der heißeste und trockenste, den Australien seit Beginn der Wetteraufzeichnung erlebt hat. Das - in Verbindung mit starken Winden - hat zu einer verheerenden Brandsaison geführt: Sie begann dieses Mal ungewöhnlich früh und erreichte an Silvester einen vorläufigen Tiefpunkt.

Currarong Beach Ende Dezember: Asche am Strand, Asche im Meer

Currarong Beach Ende Dezember: Asche am Strand, Asche im Meer

Foto: SPIEGEL ONLINE

Ich lebe und arbeite seit einigen Jahren in Australien, bin mit einem Australier verheiratet. Seit 36 Jahren bepacken meine Schwiegereltern in Sydney nach Weihnachten ihren Campingwagen und fahren etwa 200 Kilometer südlich nach Jervis Bay. In diesem Jahr mussten sie zum insgesamt zweiten Mal mit dieser Tradition brechen: Der Campingplatz Greenpatch liegt in einem Nationalpark, und der blieb wegen der Brandgefahr geschlossen. Kurzerhand buchten sie ein Ferienhaus für sich, ihre drei Söhne und deren Ehefrauen im nahen Küstenort Currarong, außerhalb der unmittelbaren Gefahrenzone. Das Haus war nur frei, weil die ursprünglichen Gäste aus Sorge vor den Feuern ihre Buchung kurzfristig storniert hatten. Sieben entspannte Tage wollten wir dort verbringen. Doch auch dieser Plan scheiterte.

Die australische Buschfeuersaison begann 2019 bereits im Oktober, auch Sydney war in den vergangenen Monaten regelmäßig in dichten Rauch gehüllt, man hat sich längst an den Anblick von Passanten mit Atemmasken gewöhnt. Doch an der Südostküste nahm die Intensität noch einmal zu: Am 31. Dezember wurde es um 15 Uhr so dunkel, dass die Straßenlaternen automatisch ansprangen. Mit dem wenigen Regen fielen teils laubgroße Ascheflocken vom Himmel. Binnen Minuten waren Häuser, Autos, Gehwege von einer schwarzen Schicht überzogen.

Wir verbrachten den Abend im Haus, die Feuerwerke in der Gegend wurden im Gegensatz zu denen in Sydney abgesagt. Um Mitternacht schickten Freunde die ersten "Frohes Neues"-SMS, verbunden immer mit dem Zusatz: "Ich hoffe, ihr seid in Sicherheit."

Die kommenden Tage wurden kaum besser. Bei Ausflügen im Freien reichte uns meine Schwiegermutter Atemschutzmasken. Nachts wurden wir wach, weil das Fenster offen stand und das Zimmer so verraucht war, dass das Atmen schwerfiel. Am Essenstisch war Gesprächsthema Nummer eins, wie sich die Brände und die Winde entwickeln. Dazu kamen Warn-SMS der Feuerwehr an die Menschen in der Region: "Suchen Sie Schutz vor dem nahenden Feuer."

Der Himmel über Currarong gegen 15 Uhr am 31. Dezember

Der Himmel über Currarong gegen 15 Uhr am 31. Dezember

Foto: SPIEGEL ONLINE

Dabei waren wir noch diejenigen, die Glück hatten. Currarong war zunächst nicht unmittelbar von Flammen bedroht. Etwa 400 Kilometer südlich in Mallacoota mussten Tausende Bewohner und Touristen Zuflucht am Strand suchen, sie konnten von dort die Brände sehen. Am Freitag brachte die Marine die ersten Menschen in Sicherheit.

Eine Freundin rief uns besorgt an, weil sie seit zwei Tagen ihre Schwester nicht erreichen konnte: Sie saß in dem Ort Manyana fest, die Straßen waren gesperrt, die Telefonleitungen zusammengebrochen, der Strom ausgefallen. Eine andere Freundin berichtete unter Tränen von dem Haus, das ihre Mutter in den Sechzigerjahren in Rosedale gebaut hatte und das nun in Ruinen lag.

449 Häuser wurden laut Feuerwehr  allein seit vergangenem Montag in New South Wales (NSW) zerstört. Dort und im südlich angrenzenden Bundesstaat Victoria starben im selben Zeitraum mindestens zehn Menschen, Dutzende Personen werden noch vermisst. Und die Behörden warnen: Am Samstag könnte es noch schlimmer werden. "Es werden gefährliche Bedingungen herrschen. So schlimm wie oder noch schlimmer als am Silvesterabend", teilte die Feuerwehr in NSW mit.

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Derzeit wüten 127 Brände in dem Bundesstaat. Seine Leute seien nicht in der Lage, die Brände zu löschen oder auch nur unter Kontrolle zu bringen, sagte der Vizefeuerwehrchef von NSW, Rob Rodgers, dem Sender ABC: "Wir haben so viele Brände in dieser Region, dass wir nicht die Kapazitäten haben, sie einzudämmen."

Am Donnerstag kündigten die Behörden in New South Wales an, einen siebentägigen Notstand zu verhängen, er soll Helfern die Arbeit erleichtern, etwa durch Evakuierungen und Straßensperrungen. In Victoria rief der Premier zum ersten Mal in der Geschichte des Bundesstaats den Notstand für einige Gebiete aus . Die für Katastrophen zuständige Ministerin, Lisa Neville, appellierte an die Menschen dort: "Sie sollten weg, um Ihr Leben zu retten. Wenn Sie das nicht tun, schicken wir die Polizei, damit Sie diese Botschaft verstehen."

Australischer Premier wird beschimpft: "Kommen Sie nie wieder!"

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Die Behörden haben den Menschen in der Küstenregion 48 Stunden gegeben, um das Gebiet zu verlassen. Bis Samstag sollen die Bewohner und Touristen die besonders gefährdeten Regionen verlassen haben: Es ist eine der größten Evakuierungsaktionen in der Geschichte Australiens.

Zehntausende Menschen sind seit Donnerstag auf der Flucht, sie verlassen die Südostküste Richtung Norden oder Westen, darunter sind auch wir. Den Urlaub haben wir abgebrochen, als klar war, dass auch Currarong zum Evakuierungsgebiet gehört. Nun sind wir zurück in Sydney und warten besorgt auf Samstag. NSW-Transportminister Andrew Constance warnte im "Sydney Morning Herald" , es werde wie im "Hochofen".

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Die gute Nachricht ist: Den Experten zufolge soll die Brandgefahr im Anschluss erst einmal nachlassen. Die schlechte: Der Sommer in Australien ist noch lange nicht vorbei.