Australischer Premier relativiert Brandkatastrophe Alles wegen der Kohle

Bodenschätze haben Australien reich gemacht, die Kohleindustrie hat großen Einfluss auf die Politik. Das dürfte der Grund sein, warum der Premier einen Zusammenhang mit den Bränden leugnet. Noch.
Hubschrauber nahe Bairnsdale (Victoria): "Das ist der Geist, den wir als Australier feiern können"

Hubschrauber nahe Bairnsdale (Victoria): "Das ist der Geist, den wir als Australier feiern können"

Foto: STATE GOVERNMENT OF VICTORIA/ AFP

Ein Blick auf durchschnittliche Jahresgehälter in der australischen Bergbauindustrie:

  • Mineningenieur mit Berufserfahrung: 186.000 australische Dollar (116.000 Euro)

  • Monteur für Dieselaggregate: 177.000 australische Dollar (110.000 Euro)

  • Baggerführer: 161.000 australische Dollar (100.000 Euro)

Klar, die Männer und Frauen in den Kohle-, Erz- oder Goldminen arbeiten unter extremen Bedingungen, isoliert mitten im Nirgendwo. Da muss die Industrie mit exorbitanten Gehältern locken . Das kann sie sich allerdings auch locker leisten.

Kohleabbau in New South Wales: Reichlich Bodenschätze, jede Menge Exporte

Kohleabbau in New South Wales: Reichlich Bodenschätze, jede Menge Exporte

Foto: Torsten BLACKWOOD/ AFP

Australien ist der größte Kohleexporteur der Welt . Drei Viertel der im Land geförderten Kohle geht in den Export, vor allem nach Asien - bei einem Volumen von jährlich rund 67 Milliarden australischen Dollar (etwa 41,8 Milliarden Euro). Für den Staat bedeutet dies gewaltige Steuereinnahmen, der australische Wohlstand fußt zum großen Teil auf dem Verkauf von Rohstoffen.

Nun jedoch regt sich Widerstand im Kohleland. Der Grund ist relativ simpel: Kohleland steht in Flammen. Zumindest an der Ostküste. Der Jahreswechsel hat die Lage vor allem im südlichen New South Wales und in Victoria noch einmal eskalieren lassen.

Rund 140 Brände wüten in den beiden Bundesstaaten, Temperaturen über 40 Grad und starke Winde aus wechselnden Richtungen machen eine effektive Brandbekämpfung nahezu unmöglich. Die Behörden gehen von bis zu 17 neuen Todesopfern durch die Flammen aus.

Im Video: Betroffene berichten über die Feuerfolgen

SPIEGEL ONLINE

Nun gehören Waldbrände zum australischen Sommer dazu, in jedem Jahr stehen zwischen Ende Dezember und März erhebliche Buschgebiete in Flammen. Darauf beruft sich bisher auch die Regierung von Premier Scott Morrison. Das sei alles zwar tragisch, so der Tenor aus der Hauptstadt Canberra.

Aber eben normal.

So klang es dann auch in der Neujahrsansprache des Regierungschefs : Andere Generationen seien ebenfalls mit "Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Bränden, globalen Konflikten, Krankheiten und Dürre" fertig geworden. "Das ist der Geist der Australier, das ist der Geist, den wir heute sehen, und das ist der Geist, den wir als Australier feiern können." Eine Verbindung zur weltweiten Klimakrise zog er in der Videobotschaft an seine Landsleute nicht.

Scott Morrison (an Heiligabend 2019): "Nicht auf unbesonnene Klimaziele einlassen"

Scott Morrison (an Heiligabend 2019): "Nicht auf unbesonnene Klimaziele einlassen"

Foto: Kelly Barnes/ REUTERS

Mögliche Verschärfungen der Klimaziele seines Landes hatte Morrison schon vor Weihnachten rundheraus abgelehnt. "Wir werden uns nicht auf unbesonnene Klimaziele einlassen und traditionelle Industrien aufgeben, wodurch australische Arbeitsplätze gefährdet würden, obwohl die Ziele keinen bedeutsamen Einfluss auf das globale Klima haben", schrieb er in einem Zeitungsbeitrag. Wen er dabei mit "traditionelle Industrien" meint, dürfte klar sein: den Bergbau und dabei besonders den Kohlesektor.

Im Video: Australien brennt - Sydney lässt es trotzdem krachen

SPIEGEL ONLINE

Dabei befindet er sich in guter Gesellschaft: Vor allem die Medienhäuser des mächtigen Murdoch-Konzerns scheinen sich auf eine klare Linie verständigt zu haben. Zumindest lassen das die Titelblätter der Zeitungen und der Spin vieler Nachrichtensendungen vermuten. Hier steht der, unbestrittene, Heldenmut der Feuerwehreute im Vordergrund. Verweise auf die klimafeindliche Politik der Regierung finden sich selten.

Die Feuerwehr kann die Feuer nur kontrollieren und auf Regen hoffen

Mit dieser Haltung jedoch könnte Morrison schon bald nicht mehr durchkommen . Denn die Brände haben 2019 eben nicht im Dezember angefangen, sondern im Oktober. Das ist nicht normal. Sie haben - vor dem eigentlichen "Start" der Feuersaison - eine Gesamtfläche so groß wie Kroatien verheert. Löschen lassen sich Brände dieser Größenordnung kaum. Die Feuerwehr kann sie bestenfalls kontrollieren und auf Regen hoffen. Auch das: nicht normal.

  • Wenn Feuerwehrleute körperlich und mental am Limit und darüber hinaus arbeiten, noch bevor sie in anderen Jahren in die "heiße Phase" einsteigen würden.

  • Wenn sich Menschen, wie im Örtchen Mallacoota, zu Tausenden und umringt von Feuerwehrautos am Wasser versammeln, weil es keinen anderen Fluchtweg vor den Flammen gibt. Kriegsschiffe sollen die Menschen nun möglicherweise abholen.

  • Wenn mehr als 200 Kilometer Küstenlinie, wie im Süden von New South Wales, zur verbotenen Zone für Touristen erklärt werden .

  • Wenn sich in Neuseeland der Himmel am Mittag orange verfärbt, weil der Rauch aus Australien 2000 Kilometer über den pazifischen Ozean gezogen ist.

Alles nicht normal.

Wie sieht die Reaktion der Australier aus? Vor Weihnachten gab es immer wieder Demonstrationen vor der Residenz des Premierministers in Sydney. Allerdings weilte dieser zu der Zeit im Familienurlaub auf Hawaii - und ließ die Reise durch sein Büro auch auf Nachfrage von Journalisten leugnen.

"Morrison gefährdet das Leben von Australiern"

In den betroffenen Gebieten sind die Menschen derzeit mit dem bloßen Überleben und der Rettung ihrer Habseligkeiten beschäftigt. Gut möglich, dass die Verzweiflung über die Brandkatastrophe irgendwann in Wut auf den Kurs der Regierung umschlägt.

Demo in Sydney: Gegen den klimafeindlichen Kurs des Landes

Demo in Sydney: Gegen den klimafeindlichen Kurs des Landes

Foto: Wendell TEODORO / AFP

Die Opposition kündigte bereits jetzt Konsequenzen an. So forderte der Chef der Greens Party, Richard Di Natale, eine sogenannte Royal Commisson wegen der Feuer einzurichten . Eine solche großangelegte öffentliche Untersuchung könnte für Morrison durchaus unangenehm werden.

"Morrison gefährdet das Leben von Australiern, indem er hartnäckig leugnet, was wir seit Jahrzehnten wissen: Die Nutzung fossiler Brennstoffe steigert das Risiko für häufigere und schwerere Waldbrände", so Di Natale.

Fotostrecke

Silvester-Feuerwerk in Sydney: Als wäre nichts

Foto: PETER PARKS / AFP

Und auch die Umfragewerte dürften für Morrison schon bald zum Problem werden. Bereits nach seiner eher überraschenden Wahl im Mai 2019 hatte eine Erhebung ergeben , dass Umweltfragen mit 21 Prozent nur knapp hinter dem Gesundheitssystem und der Wirtschaft auf der Prioritätenliste der befragten Australier rangierten. Das war wohlgemerkt vor den Bränden. Im November sagten 60 Prozent der durch den britischen "Guardian" befragten Bürger, dass Australien mehr für das Klima tun müsse - ein Plus von neun Prozentpunkten gegenüber März.

Nach dem Drama an Silvester brachten die ersten Tage des neuen Jahres dem Süden Australiens etwas niedrigere Temperaturen und weniger Wind - eine kurze Pause also, mehr nicht. Denn: Schon am Wochenende sollen die Temperaturen wieder über 40 Grad steigen. Dann muss vor allem Victoria mit einer neuen Verschärfung der Lage rechnen, für Hausbesitzer, Touristen und Brandbekämpfer.

Mit Blick auf die Gehälter im Bergbau-Business noch dies: Die Regierung Morrison hat sich nach erheblichem Druck der Öffentlichkeit dann doch zu einer Entschädigung für die vielen freiwilligen Feuerwehrleute bereit erklärt. Die Entschädigung ist auf 6000 australische Dollar pro Kopf gedeckelt.