Busverbot für E-Scooter-Fahrer Behinderte müssen draußen bleiben

Stellen Sie sich vor, Sie wollen Bus fahren und dürfen nicht. In einigen deutschen Städten haben Behinderte, die auf E-Scooter angewiesen sind, seit Kurzem Mitfahrverbot. Eine deutsche Bürokratenposse.

Pia Thomspon
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Pia Thomspon

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Sieben Minuten. So lang dauert die Busfahrt von Pia Thompsons Zuhause im Norden Hamburgs bis zur U-Bahn. 2,7 Kilometer legt der Bus zurück. Nicht viel eigentlich. Doch für Thompson ist die Strecke seit dem 1. Januar zu einem schwer überwindbarem Hindernis geworden.

Pia Thompson arbeitet als Technische Angestellte, einmal in der Woche geht sie Schwimmen, öfter trifft sie Freunde. Thompson ist 57 Jahre alt. Und sie hat Multiple Sklerose.

Bei der patenten Frau mit dem freundlichen Blick ist die Krankheit vor 22 Jahren diagnostiziert worden. Das Gehen ohne Hilfsmittel ist ihr mittlerweile unmöglich. Durch ihre Wohnung navigiert sie geschickt mit einem Rollator. Ihre Arme sind sehnig, ihre Beine jedoch kaum mehr eine Hilfe. Die fünf Stufen zu ihrer Haustür kann sie nur noch mit einem speziellen Lift überwinden.

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Fotostrecke: Angwiesen auf den E-Scooter

Außerhalb ihrer Wohnung sicherte bis vor Kurzem ein sogenannter E-Scooter ihre Mobilität und Unabhängigkeit. Das sind wendige Fortbewegungsmittel, mit denen ihre Besitzer auch bequem durch die Regalreihen eines Supermarktes navigieren können.

Ein Rad zu wenig, zwei Zentimeter zu lang, …

Doch seit einiger Zeit weigern sich immer mehr Verkehrsbetriebe in Deutschland, auf E-Scooter angewiesene Menschen zu befördern. Der Hamburger Verkehrsbund konfrontierte Thompson und andere Scooter-Nutzer seit September 2016 mit einer absurd anmutenden Folge immer neuer Vorgaben, die letztlich darin mündete, dass das Verkehrsunternehmen seit Januar dieses Jahres überhaupt keine E-Scooter mehr in Bussen befördert.

"Anfang September war ich noch mit einem dreirädrigen Scooter unterwegs", berichtet Thompson. "Als ich damit in den Bus fuhr, hat mir der Fahrer einen Zettel gegeben, dass dreirädrige Scooter ab dem 1. Januar 2017 nicht mehr befördert würden, weil die während der Fahrt umkippen könnten. Also habe ich mich darum gekümmert, dass ich einen vierrädrigen bekomme. Als ich den dann hatte, kam eine neue Regelung: Der HVV könne nur noch Scooter mitnehmen, die nicht länger als 1,20 Meter sind. Mein Scooter war zwei Zentimeter länger. Gott sei Dank hat der Händler ihn gegen ein Gefährt getauscht, das den neuen Anforderungen entsprach. Außerdem sollte ich noch eine Fahrprüfung machen."

Es ging darum, sicherzustellen, dass alle E-Scooter-Nutzer ihr Gefährt sicher im Bus einparken können. Eine sinnvolle Aktion. Doch: "Am 10. Dezember habe ich teilgenommen und bestanden", so Thompson, "und am 28. Dezember kam dann das Schreiben vom HVV, dass leider alles rückgängig gemacht werden müsse. Aufgrund eines weiteren Gutachtens."

Für E-Scooter-Fahrer mit einem solchen Führerschein stellt der HVV zwar bis auf Weiteres einen Fahrservice zur Verfügung. Doch anstatt nun einfach den Bus zu nehmen, muss Thompson seitdem immer genau vorausplanen und den Fahrservice anrufen. Eine redliche Aktion, zu eigenständiger Mobilität führt sie nicht.

Der HVV sieht sich nicht in der Verantwortung

Für Thompson ist es nicht das erste Mal, dass sie auf solche Schwierigkeiten stößt. Über ihre Krankheit sagt die Hamburgerin: "Ich könnte gut damit leben, wenn mir nicht immer Steine in den Weg geworfen würden."

Der HVV sieht sich bei seinem Vorgehen offenbar nicht in der Verantwortung. Im Gespräch erklärt Rainer Vohl, der Pressesprecher des Unternehmens, wie der Verkehrsverbund mit immer neuen Gutachten zu diesem Thema konfrontiert wurde und darauf reagierte. Wie man bis zuletzt versucht habe, die Scooter-Fahrer auch weiterhin zu befördern. Wie ausführlich und zügig jederzeit informiert wurde. Wie nach Ideen gesucht wurde, die Beförderung weiterhin möglich zu machen - und wie der HVV sie schließlich bis auf Weiteres komplett untersagen musste.

Was hat es mit diesen Gutachten auf sich? Sie stammen aus den Jahren 2014 bis 2016. In ihnen wurde die Standsicherheit von E-Scootern in Bussen überprüft. Es handelt sich dabei um Tests der Studiengesellschaft für Tunnel und Verkehrsanlagen e.V. (STUVA), in Auftrag gegeben vom Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Zu guter Letzt wurde dabei festgestellt, dass bei einer Seitenbeschleunigung von 0,5g - etwa bei Kurvenfahrten oder Ausweichmanövern - die E-Scooter umkippen und die Fahrer sowie andere Mitfahrer verletzen könnten.

Klingt dramatisch. Aber wie häufig droht ein solches Szenario in der Praxis?

Ist eigentlich schon mal einer umgekippt?

Bei zwei Langzeittests von 24 und 13 Stunden und mehr als 400 zurückgelegten Kilometern wurden diese Werte nicht erreicht. Im Bericht heißt es zwar, "dass auch im üblichen Verkehrsgeschehen Fahrsituationen anzutreffen sind, welche einem Ausweichmanöver vom Kurvenverlauf her ähnlich sind". Die Beschleunigungen hätten jedoch nie die 0,5g erreicht, sondern bewegten sich in den Spitzen im Bereich von 0,25 bis 0,3g Seitenbeschleunigung.

Auf Anfrage beim VDV, wie viele Situationen es gegeben habe, in denen ein E-Scooter tatsächlich umgekippt ist, gibt die stellvertretende Pressesprecherin Rahime Algan an, dass deutschlandweit fünf "Unfälle" mit E-Scootern bekannt seien. Sie könne jedoch nur bei zweien Details nennen. Bei denen handelt es sich allerdings nur bei einem Fall um einen durch seitliche Beschleunigungskräfte umgekippten E-Scooter.

Ist Pia Thompson vielleicht selbst schon einmal umgekippt? "Nein." Hatte sie schon Mal das Gefühl, dass es während einer Busfahrt eine heikle Situation mit dem Scooter gab? "Nein."

Die VDV empfiehlt den Verkehrsbetrieben aufgrund der Testergebnisse dennoch, nur vierrädrige Scooter mit einer Länge von unter 1,20 Metern und einem Höchstgewicht von 300 Kilogramm (inklusive Fahrer) zu befördern. Diese beiden Forderungen sind für E-Scooter-Fahrer erfüllbar. Diese Voraussetzungen gibt auch der HVV vor. Das Problem: Drittens wird ein Bremssystem verlangt, dass es derzeit bei E-Scootern nicht gibt.

Die Verkehrsbetriebe entscheiden selbst

Der deutsche E-Scooter-Hersteller Meyra saß mit an einem runden Tisch, als es um die neuen Bestimmungen ging. Laut Frank Harzmeyer, dem Scooter-Produktmanager des Unternehmens, bemüht sich die Firma, bis Juli ein Gefährt mit geeigneter Bremse auf den Markt zu bringen. Über den HVV wundert er sich ein bisschen. "Die waren 2016 auf der Scooter-Tagung in Thüringen und wussten von den Plänen. Ich hätte es gut gefunden, wenn sie uns die Zeit gegeben hätten, auf die neuen Anforderungen zu reagieren."

Das wäre möglich gewesen. In vielen Städten werden E-Scooter weiterhin transportiert. Denn der VDV spricht lediglich Empfehlungen aus. Am Ende entscheiden die Verkehrsbetriebe also selbst, ob sie E-Scooter-Fahrer befördern.

Dennoch ist der HVV nicht allein mit seinen neuen Bestimmungen. Laut einer zuletzt am 16. Januar 2017 aktualisierten Liste des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. ist die Mitnahme von E-Scootern in Bussen derzeit in elf Städten untersagt.

Leidtragende sind Menschen wie Pia Thompson, die trotz ihrer Behinderung Arbeiten gehen, sich mit Freunden treffen, am Leben teilhaben wollen. Dazu zählt auch die immer größer werdende Gruppe der Alten, die sich durch die praktische Mobilitätshilfe ein Stück Eigenständigkeit erhalten kann. Wenn man sie denn ließe.



insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
Rassek 25.03.2017
1. Leider
Ein altes Thema der behinderung Behinderter. Siehe die Steuererleichterungen. Da hat sich trotz Inflationsrate etc seit Ewig nix getan. Keine Dynamik in Prozent, sondern Festbetrag. Siehe auch VW: Da müssen die Leute, um in der sogenannten W2W Abteilung zu bleiben, in ihrer Freizeit abgeleistete Stunden nachweisen. Datenschutz ade !!! In dem abzustempelnden Nachweisheft steht, daß der Mitarbeiter/in eine Behinderung hat....
judas30 25.03.2017
2. Ganz klar
Das nennt man Diskriminierung und gehört angezeigt! Lassen Sie die HVV zahlen und Sicherheitsgurte zur Verfügung stellen!
mrca 25.03.2017
3. seit 2008 gilt in Deutschland die UN-Behindertenrechts-Konvention
Demnach sind zumindest alle öffentlichen Einrichtungen verpflichtet, Menschen mit Behinderung die Teilnahme am Leben eigenverantwortlich zu ermöglichen. Da die Verkehsbetriebe in der Regel im Besitz der öffentlichen Hand sind, zumindest zu einem großen Teil, gilt auch hier diese Verpflichtung. Also müssten die Verkehsbertriebe von sich aus tätig werden und Möglichkeiten schaffen, dass Menschen mit Handicap die Verkehsmittel nutzen können. Leider interessiert das niemenaden und die Politik sieht wie immer tatenlos zu. Was in anderen Ländern schon längst zum Standard gehört, ist in Deutschland auch nicht ansatzweise umgesetzt. Eigentlich müsste ein Aufschrei durch die Bevölkerung gehen,denn es kann jeden Menschen betreffen in seinem Leben einmal auf barrierefreie Verkehsmittel angewiesen zu sein, selbst wenn es nach einer Fußverletzung nur temporär ist.
kommentar_0815 25.03.2017
4. Vorschriften vs. eigene Unversehrtheit
Ach Spiegel, lästern ist immer schnell gemacht. Insbesondere wenn es um die ach so absurden deutschen oder europäischen Normen und Vorschriften geht. Ich habe beruflich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun, und kenne die Diskussionen und Kämpfe im Hintergrund, wenn es um Regelwerke geht. Sollte so ein umfallender oder rutschender Scooter plötzlich den Kinderwagen mit dem eigenen Nachwuchs zusammendrücken, kommt doch als erstes die entsetzte Frage, warum der HVV eine bestehende Empfehlung seines eigenen Verbands nicht umgesetzt hat. Mitsamt aller Konsequenzen für den Mitarbeiter, der das entschieden hat. Daher: Bitte etwas differenzierter betrachten, wie so häufig gibt es auch bei diesem Thema mehr als schwarz und weiß.
frenchie3 25.03.2017
5. Rein rechnerisch gesehen
ist bei den hier üblichen Schmerzensgeldzahlungen der Betrag übersichtlich den ein Busunternehmen zahlen müßte wenn der Busfahrer fahrlässig ein Umkippen verursachen würde. Ätzen aus. Daß da so ein Aufriß gemacht wird obwohl noch nicht mal gesetzlich vorgeschrieben ist einfach eine Sauerei. Und von hier aus Dank an die Scooterhändlerbind -hersteller bei denen der Servicegedanke beispielhaft ist
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