Thomas Fischer

Cannabis-Legalisierung Recht auf Rausch

Thomas Fischer
Ein Gastbeitrag von Thomas Fischer
Aktueller Hit unter den Zukunftsthemen ist, neben der schrecklichen Inflation, die Legalisierung von Cannabis. Schwierige Frage: Wer wird Haschisch-Minister? Zeit für einen kurzen Überblick.
Cannabis-Pflanze

Cannabis-Pflanze

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Oliver Berg/dpa

Reiz des Bekannten

Es gibt Erkenntnisse, die man zwar, weil sie entweder banal oder offenkundig oder langweilig sind, nicht immer wieder hören muss, die aber von manchen immer wieder gern gesagt werden. Besonders viele solcher Erkenntnisse sammeln sich bekanntlich in den Reden von Herrn Dr. Steinmeier, dem Präsidenten, der uns gerade eben mitgeteilt hat, der 20-jährige Krieg des deutschen Volks gegen das afghanische Volk sei doch eine außerordentlich sinnlose, grausame und schädliche Demonstration uneingeschränkten Gehorsams gewesen. Er schaute uns dabei besonders treuherzig mit seinem nachdenklichsten Gesicht an, und auch Frau Ministerin der Verteidigung war sehr gerührt durch die Erinnerung an all das, was sie schon immer Gutes gesagt und gedacht hat.

Zum Autor

Thomas Fischer, Jahrgang 1953, ist Rechts­wissenschaftler und war von 2000 bis 2017 Richter im 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs, ab 2013 als Vorsitzender. Er ist Verfasser eines jährlich überarbeiteten Standardkommentars zum Straf­gesetzbuch und zahlreicher weiterer Fachbücher. Seit Anfang April 2021 ist er als Strafverteidiger tätig.

Nun gut, so ist das halt mit den schlichten Wahrheiten, sei es über die Völkerrechtswidrigkeit von Angriffskriegen, die Gefährlichkeit von körperfremden Substanzen zur Erzeugung von Flugfähigkeit oder das Wembley-Tor von 1966: Repetition ist eine Kunst der Versenkung, die den einen zur Weisheit führt, den anderen in eine fürsorgliche psychiatrische Klinik. Wenn ganze Völkerschaften sich anhaltend gegenseitig versichern, dass das Ende nahe, die Rente sicher oder die Lotosblüte ewig sei, besteht Anlass zur Sorge. Damit sind wir wieder beim Bundespräsidenten gelandet, der sich ja Tag und Nacht sehr viele Sorgen macht und uns auch total gern davon erzählt.

Falls Sie, liebe Leser, nun denken, dieser Zusammenhang wirke einmal wieder etwas konstruiert, haben Sie einerseits völlig recht. Andererseits auch wieder nicht, denn die Assoziationen wesen, wie sie wollen, und kommen, wenn man sie am wenigsten erwartet, was ja auch ihr Zweck ist und in der Kunst wie in der Staatskunst gelegentlich zum Kern der Dinge führt. Damit sind wir endgültig bei den psychotropen Substanzen gelandet und folglich bei der überaus wichtigen Frage, wer denn nun eigentlich der nächste Bundeskanzler wird und warum. Da führt kein Weg an der allerneuesten »Legalisierungs-Diskussion« vorbei, die ungefähr so ist wie die vorige und die vorvorige, außer dass jetzt der Abgeordnete Karl Lauterbach auch irgendwie dafür sein soll. Das ist, finden vielleicht die paar Kiffer bei den Jungen Liberalen, ganz toll.

Reiz des Verbotenen

Wenn jetzt auch noch Bekiffte im Straßenverkehr unterwegs sind, sprach der Polizeihauptkommissar (PHK), »dann bekommen wir ein Problem«. Der PHK ist Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), muss es also wissen, denn da herrschen Ordnung, Enthaltsamkeit und striktes Drogenverbot. »Schon jetzt«, sagte Herr Wendt, komme es immer wieder zu Unfällen wegen Cannabis-Konsum. Okay, Logik ist vielleicht nicht die Kernkompetenz der DPolG, aber wir wissen, es ist gut gemeint.

Weltpresse aus München, Frankfurt, Hamburg, Berlin: Legalize-Gezwitscher auf Seite eins. Die einen sagen so, die anderen sagen so. Cannabis kann Gehirn schädigen! Letzte Jugendträume der Rentner-Generation! Ökonomie, Rausch, Persönlichkeit, organisierte Kriminalität! Was gibt es Schöneres als eine identitäre Schnapsdiskussion als Höhepunkt von Koalitionsbetrachtungen?

Es ist, wie wir wissen, verboten, Flüsse und Seen zu vergiften, Menschen zu töten, Sachen zu stehlen und friedliche Rentnerinnen zu betrügen. Bei all diesen und noch etwa tausend weiteren Straftaten hört man, bis auf wenige Ausnahmen, sehr selten davon, dass es der Reiz des Verbotenen sei, welcher Menschen dazu bringt, die Tatbestände zu verwirklichen. Selbst beim Töten bezieht sich die gesetzliche »Mordlust« (§ 211 Abs. 2 StGB) nicht auf den kindlichen Reiz, das Gegenteil dessen zu tun, was Mama und Papa wollen, sondern auf die Sache selbst. Die meisten Menschen stehlen Schokolade um der Süße willen, nicht, weil sie dem sexuellen Reiz der Kleptomanie erliegen.

Das bloße Abschaffen von Verbotenheit ist bedauerlich selten der erfolgreichste Weg, schlechte Angewohnheiten zu verhindern.

Deshalb mutet die küchenpsychologische Theorie, es sei vor allem der Reiz des Verbotenen, der Jugendliche den Abgründen des Haschischkonsums zuführe, etwas zweifelhaft an. Auch das Komasaufen wird meist nicht unternommen, weil der Lehrer es verboten hat, sondern weil die Welt grausam, der Wodka im Sangria-Eimer aber zärtlich ist. Will sagen: Das bloße Abschaffen von Verbotenheit ist bedauerlich selten der erfolgreichste Weg, schlechte Angewohnheiten zu verhindern.

Andererseits ist es erfreulich zu lesen, dass sich eine ganze Gesellschaft von erwachsenen Kommentatoren, Experten, Sachkundigen, Polizisten und Politikern ganz ernsthaft damit beschäftigt, in welchem Maße sie selbst von unwiderstehlichen Drängen, Sehnsüchten und Obsessionen nach dem Verbotenen an sich getrieben sein könnte. Wenn der jugendliche Haschischraucher aus Lust am Verbotenen kifft: warum saufen dann sein Vater Weizenbier und seine Mutter Prosecco? Schaudernd weichen wir zurück: Es sind, wie uns gelehrt wurde, die unschuldige Freude an der Geselligkeit, das kulturelle Vergnügen am Reinheitsgebot sowie die musikalische Verbundenheit mit dem schottischen Single-Malt-Hochland, die den austherapierten Modernen zum alkoholischen Leckermäulchen machen.

Reiz des Rausches

Kurz das Banale: Es gibt psychogene Substanzen. Menschen fressen, trinken, atmen, schnupfen sie seit 200.000 Jahren, finden es meistens toll, haben aber auch ihre Probleme damit. Manche machen krank, manche tot, manche unglücklich. Alle aber machen besonders, außeralltäglich, anders. Die Motive, sie zu nehmen, sind ungefähr so vielfältig wie die Motive, zu singen, zu tanzen, zu beten oder zu lieben, also ziemlich schwer zu kontrollieren. Die Zahl der Drogen ist prinzipiell unbegrenzt. Ihre Entdeckung, Wirkung, Verbreitung und Tolerierung hängt sehr eng mit dem zusammen, was Soziologen und Identitätsschwätzer, die sich als solche tarnen, »Kultur« nennen, also weniger mit dem Feuilleton als mit der Lebenswelt.

Man kann das »Recht auf Rausch« nennen, was bekanntlich ein Teil des Rechts auf Freiheit ist. Der Mensch hat das Recht auf Rausch wie das Recht auf Wasser und Brot oder das Recht auf freie Fahrt: Im Grundsatz ja, allerdings nur nach den Gesetzen der Evolution, nicht nach denen des jeweiligen Kaisers. Die sind Verhandlungssache, unterliegen also den Interessen und der jeweils leitenden Rationalitätsvorstellung. Deshalb sah ein Kriegshäuptling der Sioux die Sache mit dem Rausch etwas anders als ein Compliance-Manager bei der Bank Ihres Vertrauens.

Das bedeutet allerdings auch, dass die Rationalität, wenn möglich, nach Maßgabe ihrer eigenen Regeln angewandt werden sollte: Wer einem Weltmodell göttlicher Fügung und wundersamer Parallelwelten anhängt, muss etwas anderes für vernünftig halten als jemand, der von der Modernisierung der Welt mittels Digitalisierung der Patientenakte schwärmt. Auf unsere Frage gewendet: Was überhaupt als »Rausch« gelten soll, muss definiert werden und steht nicht auf Steintafeln der Ewigkeit. Dasselbe gilt für die Begriffe des Alltäglichen und des Außeralltäglichen, des Sozialverträglichen wie des Gemeinlästigen und Gefährlichen. Die Fahrtüchtigkeit spielt keine Rolle, solange der Bauer auf dem Ochsenkarren sitzt, und für eine heilige Eingebung mag eine mittelschwere Halluzination ein durchaus erstrebenswerter Zustand sein. Umgekehrt ist es irrational und kontraproduktiv, das Gefährliche zu erlauben und das Ungefährliche mit der Begründung zu verbieten, man habe schon so viele Probleme mit den realen Gefahren, dass man gegen die eingebildeten umso erbitterter kämpfen müsse.

Reiz des Einstiegs

Cannabis ist, das schwört jeder Abgeordnete, PHK und Oktoberfestbesucher, eine Einstiegsdroge. 200 Millionen Menschen auf der ganzen Welt sind nach dieser Theorie abhängig von Alkohol, Opium, Heroin, Morphin, Kokain, Amphetaminen und deren Derivaten jeder Art, synthetischen Opioiden, Lösungsmitteldämpfen, GBL, Tollkirschen, Pilzen, Nikotin, Benzodiazepinen, Khat, Polamidon oder Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern, weil eine Einstiegsdroge sie auf diesen abschüssigen Weg geführt hat. Dass es das THC aus der Cannabis-Pflanze oder aus dem Labor war, ist nach ziemlich sachverständigen wissenschaftlichen Erkenntnissen allerdings eher zu bezweifeln; aber das macht denen nichts, die einen Glauben haben, und für die das Zuckerrohr die Einstiegsdroge zum Cola-Konsum und der Apfelmost die Einstiegsdroge zur Leberzirrhose sind und daher verboten gehören oder zumindest sehr streng kontrolliert von der Verbraucherzentrale und der Stiftung Warentest samt ihren bayerischen und nordrhein-westfälischen Landeskriminalämtern.

Das Problem ist: Was tun gegen den Reiz des Einstiegs? Und: Kann man überhaupt etwas dagegen tun? Am Grunde von allem ist, sagt die Philosophie, die Geburt ein Einstieg in den Ausstieg, also der Beginn einer mehr oder weniger langen, aber insgesamt überschaubaren Abhängigkeit von Substanzen wie Protein, Fett, Wasser und Sauerstoff. Sie ist eingebettet in Abhängigkeiten von sozialem Kontakt, Liebe, Vertrauen, Sicherheit, auch von allerlei Reflexionen, Derivaten und Degenerationsformen derselben. Anders gesagt: Es kommt darauf an, was man selbst daraus macht und was die soziale Umwelt einen daraus machen lässt. Deshalb kann man, wie der Schunkler, Gröler, Rülpser und Morgenzitterer zutreffend weiß, die Droge nicht ohne die Menschen denken, die sie mögen und brauchen.

Die geübten Rotweinschnüffler und Prosecco-Nipper samt ihren traurigen Schwestern und Brüdern, den Flaschenversteckern und Trockendeliranten, glauben natürlich ganz fest daran, dass sie die Vertreter einer seit Jahrtausenden bewährten Kultur des maßvollen Alkoholismus seien, eines Systems mit einer zivilisationsabhängigen, meist wie von Zauberhand gesteuert gerade noch verkraftbaren Versagensquote zwischen zwei und zehn Prozent. Für die Eisengießerei des 19. Jahrhunderts reichte das Kartoffelschnaps-Wrack; fürs CAD-Fräsen ist der Amphetamingenießer nützlicher. Unter den Cannabis-Freunden findet man ganz ähnliche Meinungen, angereichert mit der Überzeugung, eine verfolgte Minderheit harmloser Kinder zu sein: Lucy in the Sky with Diamonds.

Die wirkliche Wahrheit ist in diesem Fall etwas schwierig zu finden. Jedenfalls ergibt sie sich nicht ohne Weiteres aus den Polizeiberichten, Krankenakten und Laborratten-Protokollen. Wer sich das Gehirn mit Wodka zuschwemmt, wird, so viel ist klar, krank und blöd; und wer es mit THC zubläst, wird ebenfalls krank und blöd. Das interessiert manche mehr, manche weniger, was wiederum von Dispositionen abhängt, die von den Drogen unabhängig sind, aber von ihnen letzten Endes immer beeinflusst werden: Das Problem der real existierenden Alkoholikerin ist nicht der verflossene Partnerschaftskonflikt, sondern der Alkohol; und das Problem des kichernden Dauerkiffers ist nicht die früh abhanden gekommene Vaterattrappe, sondern das Haschisch. Anders gesagt: Diese Sachen haben Eigengewichte wie Zementsäcke. Wer’s nicht glaubt, setze sich einfach mal einen Nachmittag lang in eine Alkohol- und Drogenambulanz.

Reiz des Ausstiegs

Der gute, also identitäre Mensch der zwanzigsten Legislaturperiode hat einen Traum, der auch das Recht auf Rausch einschließt, den einst ein Strafkammervorsitzender aus Lübeck dem Bundesverfassungsgericht vorstellte, wofür er dort und überhaupt zwei Jahrzehnte lang verhöhnt und gemobbt wurde. Nun aber zieht Herrn Bebels Arbeiterpartei in die Schlacht der Versöhnung von Herrengedeck und Haschplätzchen; ein neuer Ruck der Modernisierung durchfährt die mageren Knochen.

Wir müssen an dieser Stelle leider auf ein paar Zweifelsfragen kommen, die noch ungelöst erscheinen. Es sind natürlich nicht die apokalyptischen Träume der notorischen Mon-Cherie-Nascher und Ibuprofen-Süchtigen. Eine Freigabe von Cannabis wird nicht dazu führen, dass plötzlich alle »Tagesschau«-Sprecher vollgedröhnt sind, ganze Grundschulpopulationen für die PISA-Studie ausfallen oder Bundesministerinnen nicht mehr wissen, was sie vielleicht sagen wollten. Die Anzahl der Konsumenten wird moderat zunehmen und sich dann ungefähr da einpendeln, wo sie jetzt schon ist. Physiologisch und biografisch gesehen, ist nicht Cannabis die Einstiegsdroge für Opiate, sondern Alkohol. Sozialpsychologisch sieht es etwas anders aus; da ergeben Illegalität, Marktstruktur und soziale Schichtung ein etwas negativeres Bild.

Das eigentliche Problem ist der Markt. Beim Alkohol haben wir in Westeuropa kaum einen Schwarzmarkt, weil das Zeug so billig und ubiquitär ist, dass es wenig Sinn macht, sich und andere mit selbst gebranntem Schnaps zu vergiften. Man muss aber nicht sehr weit reisen, um auch das Gegenteil zu finden.

Drogenmarktbezogene Kriminalität ist in ihrer Struktur immer gleich; das ist hier nicht anders als im Automobilmarkt oder im Aktienmarkt. Die Kriminalität in solchen Märkten kann man – entgegen den polizeilich-populistischen Parolen – nicht »abschaffen«, sondern nur regulieren. Wenn man einen solchen Markt illegal macht, gewinnt man nicht die Herrschaft über die Kriminalität, sondern fördert sie in phänomenalem Maß. Ein Markt mit 2000 Prozent Gewinnspanne in zwei Wochen ist erstens nicht zu schlagen, zweitens unwiderstehlich, drittens das natürliche Schlachtfeld derer, die angeblich so ganz anders sind als »wir«: mutig, skrupellos, intelligent, brutal. Im Wilden Westen wie im Wilden Osten gingen schon immer die voran, die viel zu gewinnen und wenig zu verlieren haben und sich was trauen. Ob es dabei um Bisonfelle oder LPG-Grundstücke, Goldnuggets oder Crystal Meth geht, ist vollständig gleichgültig. So viel Banales zur Marktwirtschaft.

Physiologisch und biografisch gesehen, ist nicht Cannabis die Einstiegsdroge für Opiate, sondern Alkohol.

So viel auch zur jetzt wieder erträumten »Teil-Legalisierung«: Wie immer »streng kontrolliert«, Job- und Homeoffice-kompatibel, Kinder-schützend. Ach ja! Das ist eine seltsame Mischung aus gutem Willen, Modernisierung, Verkennung und Spiel mit Verantwortung. Eine Teil-Legalisierung ist das notwendige Gegenstück zu einem Teil-Schwarzmarkt. Herstellung, Besitz und Erwerb von kleineren Mengen zu erlauben bedeutet, den illegalen Markt für alles andere beizubehalten. Er schafft und perpetuiert die ihm eigenen Probleme; ob man sie in Kauf nimmt, muss man rechtspolitisch entscheiden.

Wissen Sie, was die sogenannte Geldwäsche-Verfolgung mit dem illegalen Drogenmarkt zu tun hat? Sie sind, vereinfacht ausgedrückt, eins: ein Herz und eine Seele. Die Geldwäsche-Verfolgung ist erfunden worden, um die Al Capones dieser Welt daran zu hindern, mittels der Prohibition zu Milliardären zu werden. Es hat leider noch nie und auch bei El Chapo nicht geklappt. Stattdessen verfolgen fleißige Hauptkommissare zu Hunderttausenden viele Millionen von Kleinstganoven, durchsuchen Innenminister Shishabars, sterben die Heroinsüchtigen an Abszessen und Zirrhosen und rauchen die Spaßgeneigten vergifteten Dreck.

Ausblick

Alles in allem fällt es schwer, auf die Frage nach der Legalisierung eine Antwort mit rundum freudigem Ausblick zu geben. Das liegt weniger an der Frage selbst, die überaus berechtigt, noch am Cannabis, das im Vergleich zu den bereits wütenden Stürmen ein warmes Lüftchen ist. Es liegt eher an den klimatischen Bedingungen der Fragestellung und an der penetranten Unwilligkeit vieler Fragender, diese Bedingungen zu verstehen.

Das meiste, was Cannabis-Konsum an Negativem bewirken kann, ist schon bewirkt. Wenn die Zahl der regelmäßigen Kiffer von drei auf vier Millionen steigt, ist das ungefähr so gefährlich wie ein besonders öchslehaltiges Jahr in der Rheinpfalz und am Kaiserstuhl. Wenn man aus den Gerichtsakten, den Staatsanwaltschaften und den Justizvollzugsanstalten, den Polizeivermerken und Jugendarresten die Cannabis-Kriminalität eliminieren würde, hätte man viel Gutes bewirkt und einen Haufen Geld gespart. Die DPolG fände gewiss andere Schlachtfelder, und die Neurologen könnten ja vor den zerstörerischen Wirkungen des THC auf das unreife Gehirn weiter warnen.

Andererseits darf man nicht zu viel erwarten: Ein bisschen identitäre Klientelpolitik macht keine Modernisierung. Ein bisschen Legalisierung zerstört nicht den Schwarzmarkt und alle seine Folgen. Der Rausch, die Abhängigkeit und die Zerstörungen kommen nicht von außen, sondern von innen. Die Vorstellung, exzessiver Drogenkonsum sei eine Art von Pflichten- und Verantwortungsfreistellung, ist ebenso verbreitet wie verräterisch. Trotzdem möchte kaum ein bei Sinnen befindlicher Mensch mit einem Heroin-, Crack- oder Alkoholabhängigen tauschen. Anders gesagt: Man muss ja erst einmal die Menschen finden, die sich freiwillig ins Schwert stürzen.

Das Ende der Prohibition ist mehr als überfällig. Was derzeit darunter verstanden wird, ist allenfalls ein Anfang.

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