Initiative gegen "Catcalling" "Sexuelle Belästigung geht nicht erst bei Körperkontakt los“

Verbale sexuelle Belästigung ist in Deutschland bislang nicht strafbar. Die Studentin Antonia Quell will das mit einer Petition ändern - und hat schon mehr als 47.000 Unterschriften gesammelt.

"Wie viel kostest du?"

"Hey Puppe!"

"Ihr F*tzen könnt ja mal für mich die Beine breit machen..."

War Ihnen das gerade unangenehm? Sehr? Das sind nur drei Beispiele für sogenanntes Catcalling, also verbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum, der besonders Frauen immer wieder ausgesetzt sind. Die Sprüche stammen von Instagram-Accounts wie "catcallsofberlin". Die Initiatorinnen wollen auf das Problem aufmerksam machen und fordern Menschen auf, ihre Erfahrungen weiterzuleiten. Mit bunter Kreide schreiben sie dann die Äußerungen auf die Bürgersteige und Straßen und veröffentlichen ein Foto davon. Die Idee stammt aus New York, mittlerweile gibt es in vielen deutschen Städten ähnliche Aktionen.

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Strafbar sind viele der Äußerungen in Deutschland bislang nicht - und genau das will die Studentin Antonia Quell ändern. "Ich finde, sexuelle Belästigung geht nicht erst bei Körperkontakt los", sagt sie. Die 20-Jährige hat eine Petition  gestartet, in der sie fordert, "Catcalling" unter Strafe zu stellen. Mehr als 47.000 Unterschriften hat sie seit dem 11. August gesammelt.

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Anja Schmidt forscht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg unter anderem zu Sexualstrafrecht. Die Juristin befürwortet ein Gesetz gegen "Catcalling". Einige Äußerungen könnten aktuell zwar als Beleidigung geahndet werden, doch ist umstritten, ob sexuell übergriffige Handlungen oder Äußerungen unter diesen Tatbestand fallen sollten. "Eindeutiger wäre die Sache, wenn wir einen Straftatbestand der verbalen sexuellen Belästigung hätten", sagt sie. Auch einen anderen Aspekt findet Schmidt problematisch: "Durch eine Bestrafung wegen Beleidigung wird nicht deutlich, dass es bei diesen Äußerungen um eine sexuelle Verobjektivierung, eine Verletzung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung geht."

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Antonia Quell, die Initiatorin der Petition, kommt aus Fulda und studiert in Würzburg Medienmanagement. Bei der jungen Frau und ihren Freundinnen seien Situationen wie die folgende regelmäßig Thema: Quell war, so erzählt sie es, nachts mit dem Fahrrad auf dem Heimweg, als zwei junge Männer mit ihrem Auto neben ihr herfuhren, ihr eine Flasche aus dem Fenster hinhielten und sagten: "Ey Süße, möchtest du nicht was trinken." Sie habe sich unwohl gefühlt und sei wütend geworden: "Ich habe gesagt: 'Wollt ihr euch nicht vielleicht verpissen?'" Daraufhin seien die Männer davongefahren - nicht ohne ihr zuzurufen: "Du dumme Bitch, wir wollten doch nur nett sein."

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Für viele junge Frauen gehöre es zum Alltag, unerwünscht und herabwürdigend von der Seite angesprochen zu werden, sagt Quell. Aus ihrer Sicht fehlt immer noch das Problembewusstsein in der Gesellschaft dafür: "Viele halten es für eine Naturgegebenheit, dass hübsche Frauen auf der Straße angemacht werden." Auch das will sie mit ihrer Petition ändern. Die verbalen Angriffe führten dazu, dass sie sich auf manchen Routen durch die Stadt unsicherer fühle und beispielsweise einen Umweg nehme, der ihr sicherer erscheine.

Aus ihrem direkten Umfeld erhalte sie viel Zuspruch für ihre Petition, so Quell. Auch im Internet hätten sich viele junge Frauen an sie gewandt, die sich über ihren Einsatz freuten. Vor allem von Männern bekomme sie in den sozialen Netzwerken aber auch Kommentare, die "entweder total unter der Gürtellinie sind, oder am Thema vorbeigehen". So hätten einige Angst, bald gar nichts mehr zu einer Frau sagen zu dürfen - ein Argument, das die Studentin nicht gelten lässt.

Es sei ihrer Meinung nach nicht schwer, Komplimente oder Flirten von "Catcalling" zu unterscheiden: "Mit 'Catcalling' will der Sender oder die Senderin niemals dem Empfänger oder der Empfängerin etwas Gutes tun, sondern Macht und Dominanz demonstrieren." Meist sei das Argument des Flirtversuchs ohnehin nur vorgeschoben: "Wenn ich in die Straßenbahn steige und mir 'geiler Arsch' hinterhergerufen wird, kann mir niemand erzählen, dass das darauf abzielt, mit mir ins Gespräch zu kommen."

Antonia Quell: Die Studentin will erreichen, dass "Catcalling" unter Strafe gestellt wird

Antonia Quell: Die Studentin will erreichen, dass "Catcalling" unter Strafe gestellt wird

Foto: Antonia Quell

Während einige Fälle eindeutig sind, gibt es aber auch jene, die für den einen oder die eine noch vollkommen im Rahmen, für andere Personen aber eine klare Grenzüberschreitung sind. Auch das ist für Quell kein Argument: "Wenn es einfach wäre, bräuchten wir keine Gesetze", sagte sie. "Nur weil es nicht immer eindeutig ist, ist das für mich kein Grund, das Thema nicht anzugehen", sagt sie.

Juristin Schmidt sieht zwar durchaus Schwierigkeiten abzugrenzen, "was die Schwelle des Straftatbestands erreicht und was nicht". Hinzu komme, dass die Tat kaum nachgewiesen werden könne, wenn nur Aussage gegen Aussage stehe. Das seien jedoch rechtliche Probleme, die es ebenso bei der Beleidigung oder anderen Straftatbeständen gebe.

Das Sexismus im Alltag eine Rolle spielt und nicht erst bei unerwünschten Berührungen anfängt, zeigt eine Studie des Bundesfamilienministeriums . Der Untersuchung zufolge gaben 44 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer an, schon einmal selbst sexistische Zeichen oder Übergriffe erlebt zu haben. In knapp der Hälfte der beobachteten oder erlebten Fälle ging es um verbale Übergriffe. Frauen werden demnach am häufigsten auf öffentlichen Plätzen durch Unbekannte belästigt (46 Prozent der Betroffenen), Männer am Arbeitsplatz durch Kollegen und Kolleginnen oder Vorgesetzte (45 Prozent der Betroffenen).  

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In mehreren europäischen Ländern gibt es bereits ein Gesetz gegen "Catcalling". Wer beispielsweise in Frankreich einer Frau anzügliche Bemerkungen hinterherruft, hinterherpfeift oder obszöne Gesten macht, der kann seit 2018 mit bis zu 750, bei erschwerenden Umständen sogar 1500 Euro, belangt werden.

Im ersten Jahr seit der Einführung des Gesetzes wurden mehr als 700-mal entsprechende Zahlungen fällig - eine Zahl, die der tatsächlichen Häufigkeit der Übergriffe nicht gerecht werde, sagte etwa die französische Feministin Anaïs Bourdet laut der Nachrichtenagentur Reuters  im August 2019. Auch Quell ist sich bewusst, dass Strafen allein das Problem nicht lösen werden: "Ein 'Catcalling'-Gesetz wird nicht wesentlich zur Sicherheit von Frauen auf der Straße beitragen", sagt sie - aber auch, dass es ihr darum gehe, ein Bewusstsein in der Gesellschaft zu schaffen: "Unser Gesetz muss ein Wegweiser für richtig und falsch sein."

Juristin Schmidt verweist auf die Symbolkraft eines Gesetzes gegen verbale sexuelle Belästigung: "Es wäre die klare Aussage, dass dieses Verhalten von Staats wegen unerwünscht ist und würde damit auch etwas verändern."

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