Chai Time Wir können alles außer Fußball

Fußball, wer braucht schon Fußball? In Indien, Pakistan und Bangladesch spielt die WM kaum eine Rolle - die meisten handgenähten Bälle kommen aus Südasien, also bitte, da muss man nicht auch noch gut spielen können. Es gibt Wichtigeres auf der Welt. Kricket, zum Beispiel.

Fußballmacher in Pakistan: Ein guter Klavierbauer ist meist auch kein exzellenter Pianist
Hasnain Kazim

Fußballmacher in Pakistan: Ein guter Klavierbauer ist meist auch kein exzellenter Pianist

Von , Islamabad


Machen wir uns nichts vor: In den kommenden hundert Jahren wird kein südasiatisches Land an der Fußballweltmeisterschaft teilnehmen. Indien nicht, Pakistan nicht und Bangladesch auch nicht. Von Sri Lanka, Nepal, den Seychellen und den Malediven mal ganz zu schweigen.

Wir Südasiaten sind, gestehen wir das ruhig ein, einfach nicht für diesen Sport geeignet. Uns fehlt diese gelenkige Leichtigkeit der Afrikaner, die tänzerische Eleganz der Südamerikaner, die schamlose Dreistigkeit der Italiener, die gepanzerte Bulligkeit der Deutschen. Wir sind zu schwach und zu klein. Leute wie uns wählt man als Letzte in die Schulmannschaft, und dort gelten wir als Ballast, weil wir unnütz auf dem Spielfeld herumlaufen und so tun, als würden wir etwas Sinnvolles zum Geschehen beitragen. "Wenigstens schlagen wir mit dir die anderen nicht ganz so vernichtend", sagte mir mal einer dieser Sportstypen in Schulzeiten. Ich hätte mich daraufhin gerne mit ihm geprügelt, aber auch das können wir nicht besonders gut.

Als Kind war ich mal für ein paar Wochen im Fußballverein, im "Turn- und Sportverein Hollern-Twielenfleth". Die Trainings waren militärisch streng, und nach ein paar Wochen hatte ich mein erstes Spiel, gegen den Angstgegner "Verein für Leibesübungen Stade". Das war wie Nordkorea gegen Brasilien: eine Demütigung. Wohl eher aus pädagogischen Gründen setzte der Trainer mich ein, Stärkung des Selbstbewusstseins und so, aber ich hatte während des gesamten Spiels nur ein einziges Mal Ballkontakt - nämlich als einer dieser Stader Podolskis ihn mir derart an den Kopf donnerte, dass ich umkippte. Ich war eine tragischere Figur als Michael Ballack, es blieb bei diesem einzigen Spiel - ich beschloss, meine Fußballerkarriere mit sofortiger Wirkung zu beenden.

Rache an der früheren Besatzungsmacht

Leider gab es in Hollern-Twielenfleth keine Kricketmannschaft, denn da spielen wir Südasiaten durchaus ganz oben mit. Es ist ein Sport mit Gentleman-Image, mit weißen Klamotten und nicht allzu viel Bewegung. Man kann ihn, wie Golf, auch im fortgeschrittenen Alter und mit kleiner Wampe ganz gut betreiben. Die Verletzungsgefahr ist so groß wie beim Curling, jedenfalls hat es noch keine Sondersendung gegeben, nur weil ein Kricketkapitän sich das Syndesmosesband im rechten Sprunggelenk teilgerissen hat. Und offensichtlich verdient man auch im Kricket nicht schlecht: In Neu-Delhi umfahren Nationalspieler die Schlaglöcher mit Ferraris.

Auch dieser Sport hat seine Stars und Skandale: Als der bisherige Kapitän der pakistanischen Kricketmannschaft, Shoaib Malik, im Frühjahr die indische Tennisgröße Sania Mirza heiratete, war das eine Staatsaffäre (in Indien und Pakistan). Und als Pakistans Nationaltrainer Bob Woolmer im März 2007 in Jamaika tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden wurde, kurz nachdem Pakistan beim World Cup gegen Außenseiter Irland ausgeschieden war, kam das einer Staatskrise gleich (in Pakistan). Der Verdacht, ein Spieler der pakistanischen Nationalmannschaft könnte ihn ermordet haben, erregte wochenlang die Gemüter - bis die Behörden fast drei Monate später einen natürlichen Tod feststellten.

Kricketspiele dauern bis zu fünf Tage, das ist kein wirklich fernsehgerechtes Format. Außerdem halten sich emotionale Ausbrüche sowohl auf dem Spielfeld als auch bei den Zuschauern in Grenzen. Es ist eher eine subtile Freude, wenn man dem Gegner mal wieder eins verpasst hat, aber das passiert immer nur in homöopathischen Dosen. Vuvuzelas wären undenkbar. In Südasien liebt man diesen Sport, weil man es darin den ehemaligen Besatzern, den Briten, so richtig zeigen kann. Dabei hatten die Briten Kricket erst dorthin gebracht. Kricket ist so etwas wie eine andauernde späte Rache.

Als Paria Herzen und Köpfe erobern

Überhaupt ist Sport eine großartige Chance der waffenlosen Konfliktbewältigung. Womöglich erreicht die nordkoreanische Mannschaft in den kommenden vier Wochen mehr, als Kim Jong Il in seinem ganzen Leben zustande gebracht hat. Vielleicht sollten sich auch andere Pariastaaten einfach erstklassige Teams zusammenkaufen, um 2014 in Brasilien dribbelnd die Herzen und Köpfe zu erobern.

Es sei verwunderlich, sagen manche Leute, dass die Südasiaten so schlecht Fußball spielten. Dabei kämen doch die meisten handgenähten Fußbälle aus Pakistan, die besten Blasen, also das Innenleben, aus Indien. Ich teile diese Verwunderung nicht. Die besten Klavierbauer sind ja auch nicht die exzellentesten Pianisten. Seien wir also ruhig selbstbewusst: Wir können alles außer Fußball! Und Hockey und Polo sind eh viel interessanter.

Ein paar pakistanische Zeitungen brachten am Tag des WM-Beginns Bilder von dem Eröffnungskonzert in Soweto. Aber das war's dann auch schon an Berichterstattung. Die Sonderbeilagen widmen sich einem ganz anderen Ereignis: dem Asia Cup, der am 15. Juni in Sri Lanka begann. Da trifft, was für ein Mega-Ereignis!, Pakistan auf Indien. Es geht um Kricket, natürlich.



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