Vatikan und Missbrauch Reden ist Silber, Kontrolle ist Gold

Crashkurs in Sachen sexueller Gewalt: Der katholische Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan brachte emotionale Debatten, doch nur wenig Konkretes. Dabei muss die Kirche endlich mehr Demokratie wagen.

Papst Franziskus
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Vier Tage lang haben die Chefs der Bischofkonferenzen im Vatikan über Missbrauch gesprochen. Es wurde viel geredet, viel bedauert und fast in Endlosschleife Erschütterung demonstriert. Sogar die eine oder andere Träne floss, vielleicht aus Kummer darüber, selbst nicht rigoros genug gegen Sexualstraftaten vorgegangen zu sein.

Der Papst verdonnerte die Kirchenoberen dazu, sich Berichte von Missbrauchsopfern anzuhören, was für viele neu und wohl tatsächlich verstörend war. Die Konfrontation mit den Betroffenen käme einer "kopernikanischen Revolution" in der Wahrnehmung der Bischöfe gleich, sagte der Erzbischof von Brisbane, Mark Coleridge. Die Kirche solle sich um die Opfer drehen, nicht umgekehrt.

Große Worte, epochale Gefühle.

Diese Emotionalisierung des Diskurses war offenbar gewünscht, sie verstellte aber den Blick auf die vom Papst gewünschte "Konkretheit" der Maßnahmen.

Franziskus selbst hatte die Erwartungen an das Treffen im Vorfeld heruntergeschraubt - und er wusste offenbar auch warum: Zu unterschiedlich ist der Wissenstand in den Diözesen der katholischen Kirche weltweit. Deshalb glich die Veranstaltung auch eher einem Crashkurs in Sachen sexuelle Gewalt, einem Get-together der unangenehm Berührten.

Häufig diskutiert wurde die Einsetzung sogenannter Taskforces, die in bestimmten Zeitabständen in den Diözesen das Voranschreiten der Missbrauchsbekämpfung dokumentieren sollen.

Doch wer kontrolliert die Inspekteure? Und wer sanktioniert Verstöße gegen Regeln, die es noch zu formulieren gilt?

Einige Bischöfe beriefen sich auf die trägen Strukturen, die berüchtigte Langsamkeit der Kirche, um ihr mangelndes Engagement in der Missbrauchsfrage zu rechtfertigen. Andere, die aus krisengeplagten Staaten in Afrika oder Asien kommen, meinten, sie hätten schon mit den nationalen Konflikten genug zu tun. Doch dass solche Entschuldigungen nicht mehr ziehen, scheint bei fast allen Teilnehmern angekommen zu sein.

Die pointierten Vorträge von drei Frauen haben der Konferenz gut getan, selbst eine Vertreterin der sonst so geschmähten Medien kam zu Wort und heizte den Klerikern ein: Wer sich nicht radikal auf die Seite der Opfer stelle, müsse damit rechnen, dass "wir Journalisten eure schlimmsten Feinde sind", sagte Valentina Alazraki aus Mexiko. Ungewohnte Töne.

Erfrischend nüchtern war der Diskussionsbeitrag des deutschen Kardinals Marx, der eine Lanze brach für eine funktionierende Kirchenverwaltung. Die nämlich sei unabdingbar für Transparenz und damit die Bekämpfung von Missbrauch. Marx weiß, wovon er redet - die von der deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie hatte gezeigt, wie schlampig oder manipulativ mit Personalakten in den Bistümern umgegangen wurde.

Marx lenkte elegant die Aufmerksamkeit auf jene, die sich gegen jede Form der Rechenschaftspflicht - und damit der effizienten Kontrolle - wehren: die Reformverweigerer in der Kirche. Er forderte eine Neudefinition von Geheimhaltung, transparente Verfahrensnormen für kirchliche Prozesse sowie mehr Öffentlichkeit, auch was die Fallzahlen bei Missbrauch betrifft.

Gute Ansätze, die, wie er selbst bemerkte, auch über den Missbrauch hinaus, etwa im Bereich der Finanzen, hohe Bedeutung haben. Es geht also um mehr. Wer die Kirche strukturell aufbrechen will, sieht sich gegebenenfalls mächtigen Gegnern gegenüber.

Eine Herausforderung für alle Beteiligten, vor allem aber für Franziskus, der sich in seinem Schlussstatement entsprechend handzahm gab.

Aufklärung, Bewusstmachung und ein kollektives Schuldeingeständnis sind die Ergebnisse dieser Konferenz, die immerhin eines geschafft hat: die klerikale Selbstherrlichkeit zu erschüttern. Das Treffen war aber nur der vielzitierte erste Schritt auf einem langen Weg. Ohne synodale, also demokratischere Strukturen mit Gewaltenteilung und funktionierenden Kontrollinstanzen, wird das Aufklärungsprojekt scheitern.

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