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11. März 2019, 19:00 Uhr

Skandal um Stadion-Trauerfeier für Neonazi

Offene Flanke

Eine Analyse von

Erst verteidigte der Chemnitzer FC das Gedenken für einen verstorbenen Neonazi in seinem Stadion, nun bemüht sich der Verein um Schadensbegrenzung. Der Fall offenbart ein grundsätzliches Problem.

In Chemnitz stirbt ein stadtbekannter Neonazi, der auch in der Fußballfanszene aktiv war. Daraufhin gedenken unzählige Fans, ein Torschütze und der Stadionsprecher öffentlich des Verstorbenen. Der Verein rügt anschließend den Spieler und distanziert sich vom Rechtsextremismus - verteidigt aber zugleich die Trauerfeier im Stadion als "Gebot der Mitmenschlichkeit".

So weit, so klar?

Nun ja. Es geht in dieser skandalträchtigen Angelegenheit nicht nur um Fußball, es geht auch nicht um einen einzelnen Rassisten oder die Frage, ob man um einen Verstorbenen trauern darf (natürlich darf man das). Der Fall wirft die Frage auf, warum es rechten Akteuren gelingt, dass sich in einem Stadion mit mehr als 4000 Zuschauern alles um einen berüchtigten Neonazi dreht.

Einiges deutet darauf hin, dass der Chemnitzer FC (CFC) unter Druck gesetzt wurde. Mitarbeiter sollen "massive Ausschreitungen" gefürchtet haben, von "schwerwiegender Nötigung" und einem angedrohten "schweren Landfriedensbruch" ist die Rede. Hatten die Verantwortlichen Angst vor Gewalt, sodass sie lieber Rechtsextreme gewähren ließen statt Haltung zu zeigen? Es wäre eine traurige Botschaft.

Es wäre auch eine ziemlich fragwürdige. Denn die Sache offenbart ein Problem, das weit über den Fußball hinausweist: Mit einer mächtigen Drohkulisse lassen sich selbst erfahrene Entscheidungsträger einschüchtern - erst recht dann, wenn sie selbst nicht auf breite Unterstützung hoffen können.

Wie das im Fall Chemnitz aussah, zeigen auf YouTube veröffentlichte Videos der Trauerfeier vom Samstag: Mit Pyrotechnik, Trauergesteck und riesigen Transparenten wurde des Verstorbenen gedacht; Proteste gegen die Zeremonie hingegen gab es offenbar nicht. Das liegt sicherlich daran, dass schlichtweg sehr viele Anhänger rechtslastiger Gruppen im Stadion waren.

Und der Vorgang legt etwas offen, was bereits während der rechtsextremen Krawalle in Chemnitz im Spätsommer zutage trat: Die Stadt entwickelt sich zu einem wichtigen Knotenpunkt der rechten Szene, die dort von gefestigten Strukturen sowie überschaubarem Widerspruch aus der Zivilgesellschaft profitiert (mehr dazu lesen Sie hier).

Dabei ist natürlich nicht jeder CFC-Anhänger ein Gesinnungsgenosse von Rassisten - ebenso wie nicht jeder Einwohner der Stadt mit den rechtsextremen Krawallen vor einigen Monaten sympathisierte. Aber in beiden Fällen ist es aggressiv auftretenden Gruppen gelungen, den Diskurs zu kapern: in einem Verein, der sich als "Bollwerk gegen Rechtsradikalismus" inszeniert. Und in einer Stadt, die von SPD, Linken und Grünen regiert wird.

Das Problem ist offenbar, dass viele Chemnitzer keine Meinung zu solchen Vorgängen haben oder lieber ihre Ruhe haben wollen. Sie haben sich daran gewöhnt, dass Rechtsextreme in der Region einen ähnlich großen Einfluss haben wie in ihrem Fußballverein (hier erfahren Sie mehr darüber) - obwohl es für rechtsradikale Ideen gar keine tatsächlichen Mehrheiten gibt.

Man kann aber eben nicht nur ein bisschen gegen Neonazismus sein, etwa aus Rücksicht vor Rassisten in der eigenen Anhängerschaft, Wählerschaft oder Verwandtschaft. Wer es mit der liberalen Demokratie ernst meint, sollte verinnerlichen: Es geht nur ganz - oder gar nicht.

In der sächsischen Hochschulstadt lässt sich beobachten, was mit einer demokratischen Gesellschaft passieren kann, die für ihre eigenen Werte nicht mehr offen einsteht. Die Stadtverwaltung, der Hauptsponsor und der DFB distanzierten sich von der Trauerbekundung im Stadion - aber was ändert sich schon, wenn der Protest auf dem Niveau wohlfeiler Pressemitteilungen bleibt?

Und jetzt? Mehr Courage!

So reagierte der Chemnitzer FC auf die Angelegenheit mit einer Handvoll Pressemitteilungen, in denen die Trauerfeier anfangs als "Gebot der Mitmenschlichkeit" verteidigt wurde. Erst in einer Stellungnahme am Montag tauchten Begriffe wie "Rechtsradikalismus" und "rechtsextreme Szene" auf - verbunden mit einer Distanzierung von jenen Ereignissen, die der Club selbst ermöglicht hatte.

Das klingt fast wie ein Hilferuf: Wir wären so gerne gegen Nazis, wir wissen nur nicht wie.

Immerhin scheint auch in der Führung des Chemnitzer FC die Einsicht zu reifen, dass seit Samstag einiges katastrophal schiefgelaufen ist. Nach dem Rücktritt eines Geschäftsführers hat sich der Verein auch von seiner Fanbeauftragten, dem Stadionsprecher und einem Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung getrennt. Bleibt zu hoffen, dass nun nicht nur das Personal ausgetauscht wird - sondern auch die Philosophie im Umgang mit extremen Rechten.

Ohne Mut jedenfalls, ohne Courage geht es nicht. Es liegt nun an der demokratischen Stadtgesellschaft und den nicht-rechten Fans, sich für freiheitliche Werte offensiv einzusetzen - trotz eines Klimas politischer Trägheit, trotz einflussreicher Neonazis. Und es liegt an Politikern und Vereinsfunktionären, solches Engagement zu fördern. Eines jedenfalls sollte nie eine Option sein: nachzugeben, wenn Neonazis mit Gewalt drohen.

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