Gedenken an verstorbenen Neonazi in Chemnitz Ein Trauerspiel

Fans und ein Spieler des Chemnitzer FC gedenken öffentlich eines verstorbenen Neonazis. Der Verein hat inzwischen Konsequenzen gezogen - und steht trotzdem massiv in der Kritik. Worum geht es in dem Fall?

Jubelnder Stürmer Frahn (l.)
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Jubelnder Stürmer Frahn (l.)


Was ist passiert?

Vor dem Spiel des Regionalligisten Chemnitzer FC (CFC) am Samstag gegen den VSG Altglienicke gab es eine Trauerbekundung, die Empörung ausgelöst hat. Fans des Chemnitzer FC gedachten im Stadion dem vorige Woche verstorbenen Thomas Haller, der als bekennender Neonazi gilt. In einem Video ist zu sehen, dass vor der Fankurve ein schwarzes Transparent mit der Aufschrift "Ruhe in Frieden, Tommy" gehisst war. Hinter dem Tor stand ein Trauergesteck.

Trauergesteck im Chemnitzer Stadion
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Trauergesteck im Chemnitzer Stadion

Fans entrollten auf der Tribüne zudem ein schwarzes Transparent mit weißem Kreuz. Auf der Videoleinwand des Vereins wurde ein Foto von Haller gezeigt.

Die Gedenk-Choreografie wurde vom Stadionsprecher des FC Chemnitz moderiert, der unter anderem sagte: "Wir möchten seiner Familie und allen, die Tommy als Mensch schätzten, hiermit unser tiefstes Mitgefühl aussprechen." Der Sprecher lobte Haller als "Anhänger mit Leidenschaft für unseren Verein". Nach der Ansage des Stadionsprechers zündeten Fans Pyrotechnik, es folgte eine Art Schweigeminute.

Für zusätzliche Empörung sorgte noch, dass der CFC-Spieler Daniel Frahn nach einem Tor ein T-Shirt mit der Aufschrift "Support your local Hools" ("Unterstützt eure örtlichen Hooligans") hochhielt.

Fan-Choreografie im Stadion des Chemnitzer FC
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Fan-Choreografie im Stadion des Chemnitzer FC

Wer war Thomas Haller?

Thomas Haller war einer der führenden Köpfe der lokalen Neonazi- und Hooligan-Szene und Mitbegründer der rechtsextremen Organisation "HooNaRa" (Hooligans-Nazis-Rassisten), die bis 2007 aktiv war. Er leitete bis 2006 den Ordnungsdienst beim Chemnitzer FC, wie unter anderem die "Sächsische Zeitung" schreibt (mehr über das Thema erfahren Sie hier).

Auf der Webseite der linken politischen Wochenzeitung "Jungle World" wird in einem Artikel ein Gespräch mit Haller aus dem Jahr 2006 wiedergegeben. Darin sagte Haller demzufolge, er glaube nicht mehr an die Demokratie - Deutschland brauche ein ganz neues System.

Dem Bericht zufolge machte Haller zu DDR-Zeiten eine Ausbildung zum Metzger und arbeitete 15 Jahre lang in einer Fleischerei. Nach der Wiedervereinigung sei "die Firma vom Westen 'abgewickelt'" worden. Danach habe Haller eine Sicherheitsfirma gegründet, die auch für den Chemnitzer FC im Stadion arbeite. "Jungle World" zufolge kündigte der Chemnitzer FC nach Veröffentlichung des Interviews 2007 die Zusammenarbeit mit Hallers Sicherheitsfirma.

Dem MDR zufolge hat Haller in den vergangenen Jahren die junge rechtsextreme Szene in Chemnitz mit aufgebaut. "Er war außerdem an den Ausschreitungen nach dem Tod von Daniel H. im Sommer vergangenen Jahres beteiligt", berichtet der Sender.

Wie reagiert der Verein?

Der Chemnitzer FC verteidigte das Gedenken im Stadion. "Das Bedürfnis der Menschen nach gemeinsamer Trauer gilt es für uns zu respektieren", heißt es in einer Mitteilung. "In diesem Kontext hat der Stadionsprecher den Hinterbliebenen das Beileid ausgesprochen." Demzufolge handelt es sich weder um eine "offizielle Trauerbekundung" noch um eine "Würdigung des Lebensinhalts des Verstorbenen".

Von Frahns Jubelaktion, der sein Tor mit dem fragwürdigen T-Shirt-Spruch bejubelt hatte, distanzierte sich die Vereinsführung hingegen. "Dass ein Spieler während eines Spiels Botschaften, egal welcher Art, verbreitet und diese nicht vorher mit den Verantwortlichen des CFC bespricht, ist für uns nicht hinnehmbar", sagte Sportvorstand Thomas Sobotzik laut einer weiteren Mitteilung des Vereins.

Nach einem persönlichen Gespräch am Sonntagmorgen sei Frahn mit einer Geldstrafe belegt worden, der Stürmer soll demnach "Sport-Utensilien an eine wohltätige Organisation in Chemnitz" spenden. Zudem drohe Frahn eine Bestrafung von Seiten des Verbandes.

Frahn selbst entschuldigte sich - dafür, "dass ich dem Verein mit meiner Art der Beileidsbekundung an die Hinterbliebenen Schaden zugefügt habe." "Dass dieses T-Shirt so tief in der Nazi-Szeneverbreitet ist, war mir dabei nicht bewusst." Er habe Haller gekannt, ihm gegenüber sei dieser aber nie politisch aufgetreten. "Ich bin weit davon entfernt, sein Gedankengut zu teilen", beteuerte Frahn.

Wegen der Angelegenheit legte der kaufmännische Geschäftsführer des Vereins seine Ämter nieder. Thomas Uhlig, der auch Vorstand des Chemnitzer FC e.V. war, will damit laut einer Mitteilung weiteren Schaden vom Chemnitzer FC fernhalten: "In meiner Funktion als kaufmännischer Geschäftsführer und Veranstaltungsleiter trage ich die Verantwortung für die Spieltage des CFC und dessen Begleiterscheinungen", sagte Uhlig demnach.

Was sagt die Fanbeauftragte?

Die Fanbeauftragte Peggy Schellenberger gedachte auf Facebook ebenfalls des Verstorbenen. "Es gab grundlegende Dinge, die haben uns strikt getrennt. Aber es gab eben auch die andere, menschliche Seite", schrieb sie in einem inzwischen gelöschten Post. "Wir waren immer fair, straight, unpolitisch und herzlich zueinander - das hat dich ausgezeichnet. Ruhe in Frieden!"

Schellenberger, die für die SPD im Chemnitzer Stadtrat sitzt, arbeitet eigenen Angaben zufolge als freiberufliche Journalistin. Auf eine Anfrage des SPIEGEL reagierte sie am Sonntag nicht.

Aus der SPD kommt Kritik an Schellenberger. "Peggy Schellenberger spricht nicht für die SPD Chemnitz", sagte der Bundestagsabgeordnete Detlef Müller dem MDR. Er könne die Äußerungen seiner Parteikollegin nicht verstehen, "wenn man weiß, wer das war": Thomas Haller habe auch ein "ganzes Stück Unglück über die Stadt gebracht."

Wie verhalten sich andere Akteure in Chemnitz?

Die Stadt Chemnitz äußerte "Befremden und Unverständnis" über die Vorgänge. Chemnitz sei eine weltoffene, tolerante und friedliche Stadt, heißt es in einer Mitteilung: "Wir distanzieren uns deshalb ausdrücklich von allen rassistischen und rechtsextremen Handlungen und Statements." Der Verein sei aufgefordert, schnell die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Auch der bisherige Hauptsponsor des Chemnitzer FC zeigte sich entsetzt. "Wir haben uns bereits vor den aktuellen Vorkommnissen entschieden, dass wir unser Engagement nicht fortsetzen werden", sagte Sparkassen-Sprecher Sven Mücklich der "Freien Presse". "Die Ereignisse vom Samstag bestätigen uns, dass diese Entscheidung richtig war."

Dem Zeitungsbericht zufolge distanzierten sich zudem Lokalpolitiker mehrerer Parteien von dem Geschehen - darunter Vertreter von Grünen und Linken.

Welche Rolle spielt die Fanszene im Verein und der Stadt?

In Chemnitz gibt es traditionell enge Verbindungen zwischen einflussreichen Teilen der Fanszene und rechten Gruppierungen in der Stadt. Als es im Spätsommer vergangen Jahres zu massiven Ausschreitungen auch von gewaltbereiten Rechtsextremen kam, ging dies auf den Aufruf der rechtslastigen Hooligan-Gruppe "Kaotic Chemnitz" zurück (mehr darüber lesen Sie hier).

"Die Chemnitzer Szene ist bestens vernetzt", sagte der Hooligan-Forscher und Rechtsextremismus-Experte Robert Claus vor Kurzem dem SPIEGEL. "Es werden zum Beispiel enge Kontakte nach Cottbus gepflegt, aber auch nach Zwickau und in andere sächsische Städte." Demnach waren etwa auch an den rechten Krawallen im Leipziger Stadtteil Connewitz Anfang 2016 Hooligans aus Chemnitz beteiligt.

Der Chemnitzer FC hat Hooligan-Gruppen wie "Kaotic Chemnitz" und die "NS-Boys" mittlerweile verboten, im Stadion öffentlich aufzutreten und an Fan-Turnieren teilzunehmen. Dennoch kommen weiterhin viele Mitglieder der Gruppierungen zu Heimspielen, bei Auswärtspartien zeigen sie sogar offen ihre Fahnen.

Hooligan-Forscher Claus zeigt sich nicht überrascht über die aktuelle Entwicklung. "Der Chemnitzer FC hat über Jahrzehnte viel zu wenig präventiv gegen den extremen Rechten Teil seiner Fanszene getan", schrieb er auf Twitter. Der Verein habe sich erst im Herbst von Rechtsextremismus distanziert, ganz ernst gemeint war das demzufolge offenbar nicht: "So rasch", schrieb Claus, "entpuppt sich Symbolpolitik als Bluff."

mxw/mmq

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