Ein Fahrradclub der anderen Art Radeln statt prügeln

Früher gehörten sie rivalisierenden Gangs an, heute fahren sie gemeinsam durch Mexiko-Stadt: Die Mitglieder des Chilangos Lowbike Clubs teilen die gemeinsame Leidenschaft für außergewöhnliche Fahrräder.

Jeoffrey Guillemard/ Haytham Pictures

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Sie haben tätowierte Gesichter, kahl rasierte Schädel, tragen schwarze Klamotten und wirken auf den ersten Blick furchteinflößend. Doch diese Männer treffen sich nicht, um Leute zu überfallen oder zu bedrohen, sondern einfach nur, weil sie eine gemeinsame Leidenschaft haben: Fahrräder. Jeden Sonntag radeln die Mitglieder des Chilangos Lowbike Clubs gemeinsam durch Mexiko-Stadt.

Jedes Fahrrad ist ein Unikat, verziert etwa mit Totenkopf-Felgen, vergoldeten Schutzblechen, angedeuteten Stoßstangen oder Auspuffrohren, metallenen Rückspiegeln oder einer Airbrush-Mexikoflagge.

Chilango bezeichnet im Mexikanischen einen Einwohner von Mexiko-Stadt. Viele der Mitglieder des Clubs sind in Vierteln wie Tepito aufgewachsen. Oder sie stammen aus dem Ort Ecatepec, nördlich der Metropole. Gewalttaten und Bandenkriminalität gehören hier zum Alltag. Einige der Mitglieder waren früher selbst einmal straffällig, gehörten Gangs an.

Ein Jahr lang hat Fotograf Jeoffrey Guillemard die Clubmitglieder bei ihren Radtouren durch Mexiko-Stadt begleitet, bei Lowrider-Veranstaltungen in anderen Teilen des Landes, er besuchte sie bei der Arbeit oder zu Hause und ging mit ihnen auf Partys. Sie davon zu überzeugen, bei der Serie mitzumachen, war leicht: "Sie sind alle sehr offen und stolz auf ihren Club. Deshalb freuen sie sich, anderen Leuten zu zeigen, was sie tun", sagt der Fotograf.

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Fahrradclub: Durch die Straßen von Mexiko-Stadt

2014 wurde der Club von mehreren Männern gegründet. Ihr Ziel war es, mit Stereotypen zu brechen: Nicht alle Menschen, die in diesen gefährlichen Vierteln leben, sind Kriminelle. Nur weil die Mitglieder Tattoos haben, Piercings tragen oder sich wie Bandenmitglieder kleiden, bedeutet das noch lange nicht, dass sie Straftaten begehen.

"Das ist Teil ihrer kulturellen Identität, aber es handelt sich eben nur um ihren Stil", sagt Guillemard. Stattdessen seien sie friedlich und freundlich, viele von ihnen hätten Kinder, arbeiteten als Maler, Schweißer, Klempner, Koch oder Hundepfleger.

Die Lowrider-Kultur entstand ursprünglich in den USA, mexikanische Einwanderer, Chicanos genannt, schufen sich im fremden Land einen eigenen Stil, um sich ein Stück Heimat zu bewahren. Viele von ihnen kehrten nach Mexiko zurück und brachten diese Kultur mit, die von vielen Einheimischen aufgegriffen wurde.

Mittlerweile sind rund hundert Menschen Teil des Club. Sie tragen T-Shirts und eine Halskette mit dem Logo und halten sich - soweit es Fotograf Guillemard beobachten konnte - an die Regeln: keine Drogen, keine Gewalt und kein Alkohol in der Öffentlichkeit. Diese Regeln sollen das Image des Chilangos Lowbike Clubs schützen.

Gibt es Konflikte mit kriminellen Banden? Nein, sagt Fotograf Guillemard. Die Biker "bleiben auf Distanz und werden von ihrer Nachbarschaft sehr respektiert". Auch die Polizei habe nichts gegen den Club.

Auf der Straße erregt der Chilangos Lowbike Club trotzdem viel Aufsehen, Passanten machen laut Guillemard Fotos und bewundern die Fahrräder. Einige hätten Angst - bis man die Männer und Frauen besser kenne und verstehe, dass sie einfach nur nette Fahrradfans seien.

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