Traditionelle Tattoos in Burma Gesichter, die Geschichten erzählen

Tagelang ist der Fotograf Eric Lafforgue durch die Hügel von Burma gewandert, um die Frauen des Volksstammes Chin zu finden: Ihre Gesichter sind mit Tattoos übersät. Das alte Schönheitssymbol wird bald verschwunden sein.

Eric Lafforgue

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Die schönste Frau war für ihn eindeutig Pa Late. Drei Wochen ist es her, dass Eric Lafforgue sie in dem Dorf Kanpetlet gefunden hat, eine Frau, die er nicht nur als besonders, sondern als einzigartig beschreibt: Ihr gesamtes Gesicht ist tätowiert, keine weiße Stelle mehr übrig. Selbst auf den Augenlidern hat sie sich Tinte unter die dünne Haut stechen lassen. Ihre Haare hingegen sind schlohweiß.

"Je nachdem, wie die Sonne auf ihre Haut scheint, wirkt ihr Gesicht mal bläulich und dann wieder tiefschwarz", sagt Lafforgue, 50. Er hat einen ganzen Tag nach einer Frau wie ihr gesucht. Der Fotograf aus Frankreich war im Februar mit seiner Kamera und einem lokalen Führer im Westen Burmas unterwegs, auf der Suche nach Mitgliedern des Volksstammes der Chin. Die Frauen haben sich einer uralten Tradition entsprechend ihre Gesichter tätowieren lassen: Muster wie Spinnennetze, Kreise oder Raubtier-Schnurrhaare.

Was er jedoch auch fotografieren wollte, war ein komplett tätowiertes Gesicht. Von drei Frauen mit diesem Tattoo wurde ihm berichtet. Im ersten Dorf angekommen, teilte man ihm mit, dass die Frau, nach der er suchte, vor wenigen Wochen verstorben war. Die zweite lebte einige Stunden entfernt, war aber so schwer erkrankt, dass Lafforgue Hemmungen hatte, sie abzulichten. Dann, nach einem weiteren stundenlangen Marsch, fand er endlich Pa Late.

Aus hässlich wird schön

Das Leben in den Dörfern ist hart: stundenlange Fußmärsche bis zum nächsten Ort, zur nächsten Stadt - und damit auch bis zum nächsten Arzt. Kein Strom, kein fließendes Wasser. Dafür harte körperliche Arbeit. Lafforgue war eine Woche in Burma unterwegs, er hat mit zahlreichen Stammesangehörigen gesprochen und viel über ihre Traditionen gelernt.

Warum genau die Frauen damit anfingen, sich ihre Gesichter tätowieren zu lassen, darüber gibt es unterschiedliche Geschichten. Am häufigsten hat Lafforgue diese gehört: Einst habe ein König die schönsten Mädchen des Landes zu sich bringen lassen. Um diesen Entführungen vorzubeugen, hätten Eltern ihren Töchtern die Gesichter mit Tinte verunstaltet. Hässliche Mädchen wollte der König nicht haben.

Später galten die Verzierungen in den Gesichtern jedoch als Schönheitssymbol. "Wer nicht tätowiert war, fand keinen Ehemann", zitiert der Fotograf aus seinen Gesprächen mit den Frauen. Was also einst als hässlich betrachtet wurde, gilt nun als wunderschön. So kam der Titel seines Fotoprojektes zustande: "Ugly becomes beautiful."

Doch die Tradition wird aussterben. Lafforgue hat keine jungen Frauen mit Gesichtstattoos getroffen, nur die alten tragen sie noch. Frühere Regierungen haben die Tätowierungen unter Strafe gestellt. Und so ist es bis heute. Offiziell, um der angeblichen Unterdrückung der Frauen Einhalt zu gebieten, sagt Lafforgue. "Deshalb schrecken vor allem junge Frauen heute vor den Tätowierungen zurück." Denn wer bei einer solchen Prozedur oder mit frischen Wunden entdeckt wird, muss laut Lafforgue heftige Strafen zahlen, "etwa den Gegenwert von einem halben Rind, das ist in Burma ein Vermögen".

In den kommenden 20 Jahren, so schätzt Lafforgue, werden die letzten Frauen mit Gesichtstattoos in Burma gestorben sein. Dann wird man sich bloß noch Geschichten darüber erzählen können, wie sie sich mit Dornen oder Bambusspießchen eine Mischung aus Rindergalle, Ruß, Pflanzen und Schweinefett unter die Haut stechen ließen.

Zur Person
  • Lam Hua
    Eric Lafforgue studierte in Toulouse ein paar Semester Wirtschaft. Er arbeitete für französische Radio- und TV-Sender, später entwickelte er Spiele und Klingeltöne für Handys. Seit 2006 arbeitet Lafforgue als Fotograf. Er lebt in Toulouse, ist aber 20 Wochen im Jahr in Ländern wie Äthiopien, Indien, Eritrea, Somalia und Saudi-Arabien unterwegs.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Heiko Meyer 16.03.2015
1. Tagesausflüge zu den Chin
Schöne Bilder von einem sehr interessanten Volk. Ganz so unzugänglich wie in diesem Bericht geschildert, ist das Gebiet der Chin aber nicht. So lassen sich schon seit einigen Jahren von Mrauk U aus mehrere Chin-Dörfer bequem per Tagesausflug mit einem Boot erreichen. Hier ein Bericht von solch einer Tour: http://www.wo-der-pfeffer-waechst.de/chin-myanmar-spinnennetzfrauen-tattoo/ Einige dieser so genannten Spinnennetzfrauen sind auch in Ihrer Bilderstrecke zu sehen.
Heiko Meyer 16.03.2015
2. Tagesausflüge zu den Chin
Schöne Bilder von einem sehr interessanten Volk. Ganz so unzugänglich wie in diesem Bericht geschildert, ist das Gebiet der Chin aber nicht. So lassen sich schon seit einigen Jahren von Mrauk U aus mehrere Chin-Dörfer bequem per Tagesausflug mit einem Boot erreichen. Hier ein Bericht von solch einer Tour: http://www.wo-der-pfeffer-waechst.de/chin-myanmar-spinnennetzfrauen-tattoo/ Einige dieser so genannten Spinnennetzfrauen sind auch in Ihrer Bilderstrecke zu sehen.
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