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19. August 2008, 10:11 Uhr

Chinas Olympia-Debakel

KP drängt tragischen Hürden-Star zu mehr Härte

Von , Peking

Liu Xiangs Goldmedaille sollte die Krönung der Spiele werden. Doch dann verletzte sich der chinesische Hürdenläufer, der Traum war geplatzt. Jetzt machen die Potentaten klar: Liu muss wieder siegen.

"Wir unterstützen dich, du bist immer noch der Beste." "Du hast alles versucht. Du bist der Meister." "Ich hoffe, es geht dir bald besser." Sympathie und Mitleid, wie diese Beileidsbekundungen aus dem Internet zeigen, wogen der tragischen Figur Olympias entgegen: Liu Xiang, der gescheiterte chinesische Hürdenläufer, der am gestrigen Montag vor dem ersten Qualifikationslauf verletzt von der Bahn humpelte.

Er war die große Hoffnung der Chinesen auf eine Goldmedaille im Pekinger Nationalstadion. Obwohl ihre Sportler schon so viele gewonnen haben und in der Gesamtwertung von den USA nicht mehr einzuholen sind: Liu Xiangs Sieg im 110-Meter-Hürdenlauf sollte der Höhepunkt dieser Spiele werden, der endgültige Beweis, dass sein Sieg in Athen kein Zufall war, der Beleg, dass China in der Leichtathletik angekommen ist, die Krönung einer aufregenden Athletenkarriere.

Der sympathische junge Mann ist neben dem eckigen Basketballer Yao Ming und der schönen Turmspringerin Guo Jingjing ungemein populär in China. Er ist vielfacher Millionär und im Alltag seiner Landsleute allgegenwärtig - auf riesigen Reklametafeln, in der TV-Werbung. Liu Xiang schaut auf jeden und wird von jedem bewundert.

Nun trauert die Nation. Im Stadion flossen Tränen, sogar zwei Polizistinnen weinten. Die "Pekinger Jugendzeitung" titelte am Dienstagmorgen: "Bruder, gute Genesung." Das populäre Blatt veröffentlicht zwei Extraseiten, die, ganz in Rot gehalten, nur ein Thema haben: Das Drama um Liu Xiang.

Auf einer ist der unglückliche Sportler mit schmerzverzerrtem Gesicht zu sehen. Überschrift: "Liu Xiang - Gute Besserung!" Auf der anderen steht er mit trotzig erhobener Faust. "Kopf hoch!", ruft die Zeitung ihm zu.

Für die entscheidenden Fragen scheint es in dieser Phase der Kollektivverzweiflung noch zu früh. War der Druck der Nation vielleicht doch zu groß? Warum wurden die Probleme so lange geheim gehalten? Musste Liu Xiang in den Startblock, um Sponsorenverträge einzuhalten? Und: Warum konnten Trainer und Ärzte den Läufer, der schon lange an Verletzungen laborierte, nicht im entscheidenden Moment fit bekommen?

Eine Antwort ist womöglich im Kommentar des Tischtennis-Cheftrainers Liu Guoliang zu finden, der kurz nach dem Sieg seines Teams über die Deutschen um Timo Boll erklärte: "Wir trauern mit Liu Xiang." Seine Mannschaft, fügte er hinzu, werde aus dem Schicksal des Sprinters lernen: "Wir sollten Verletzungen früh erkennen und die Athleten rechtzeitig und adäquat behandeln."

Sogar das KP-Politbüro blieb vom Unglück Lius nicht unberührt. Chinas Vizepräsident Xi Jinping, politischer Verantwortlicher für die Spiele, schickte ein Telegramm an die "Generalverwaltung des Sports": "Wir alle verstehen, dass Liu wegen einer Verletzung ausgeschieden ist. Wir hoffen, dass er sich erholt und sich auf seine Genesung konzentriert. Wir hoffen, dass er seine Form wiedergewinnt, dass er weiter trainiert und noch härter für den Ruhm der Nation kämpft." Ein bemerkenswertes Schreiben: In ihm nehmen die Spitzenfunktionäre den Shanghaier indirekt in die Pflicht weiterzumachen. Und für die Sportkader ist es ein Signal, dass mehr Siege von Liu erwartet werden.

Bestürzend aber ist: Sie haben es nicht an Liu persönlich geschickt, sondern an seine Vorgesetzten. Chinas Kaiser richten das Wort nicht direkt an einen unglücklichen Sportler.

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