Kriminologe Pfeiffer über Missbrauchsstudie "Ich habe den Kooperationspartner Kirche unterschätzt"

Die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen ist gescheitert - aber wer trägt die Schuld? KFN-Chef Pfeiffer wehrt sich im Interview gegen Kritik an seinem Vorgehen und sagt: "Es ist der größte Frust meines gesamten Wissenschaftlerlebens."
Kriminologe Pfeiffer: "Die Opfer müssen die wahren Gründe für das Scheitern erfahren"

Kriminologe Pfeiffer: "Die Opfer müssen die wahren Gründe für das Scheitern erfahren"

Foto: dapd

2010 erschütterte der Missbrauchsskandal die katholische Kirche: Immer mehr Opfer brachen ihr Schweigen, anhand immer weiterer Fälle wurde deutlich, wie die Kirche auf die Übergriffe durch Geistliche jahrelang reagiert hatte - indem sie die Kirchenleute versetzte, die Taten vertuschte. Die Glaubwürdigkeit der Kirche war ramponiert.

Gemeinsam mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) wurde im Juli 2011 ein Forschungsprojekt aufgelegt, das die Personalakten Geistlicher untersuchen sollte. Nun, rund anderthalb Jahre später, ist das Projekt gescheitert.

"Wir waren unter einem immensen Druck vor drei Jahren, als die Missbrauchsfälle bekannt wurden", sagte Bischof Stephan Ackermann vor wenigen Tagen in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE. Außerdem erhob er schwere Vorwürfe gegen den Leiter des KFN: Die Kündigung des Vertrags habe "wirklich viel mit der Person Pfeiffer zu tun".

In einem zweiten Interview äußert sich nun Kriminologe Pfeiffer zu den Gründen, aus denen das Projekt scheiterte - und den Lehren, die er persönlich aus dem Debakel zieht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Pfeiffer, warum ist die Kooperation mit der katholischen Kirche und damit die Aufarbeitung des Missbrauchs gescheitert?

Pfeiffer: Das Projekt ist an den Bedrohungsgefühlen gescheitert, die unsere Forschungspläne bei der Kirche ausgelöst haben. Auf diese Ängste reagierten viele Kirchenvertreter mit dem Wunsch nach mehr Kontrolle. Kurz vor dem Start der eigentlichen Datenerhebung wurden wir im Mai 2012 mit der Forderung konfrontiert, dass Studienergebnisse nur mit Billigung der Kirche veröffentlicht werden dürfen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das unzumutbar.

SPIEGEL ONLINE: Das Projekt ist mit viel Getöse gestartet worden, es war mit großen Hoffnungen verbunden. Haben Sie versucht, es zu retten?

Pfeiffer: Wir hatten in den ersten Monaten mit konkreten Vorbereitungsarbeiten für die Aktenanalyse und die Opferbefragung einen guten Start und konnten auch gemeinsam mit Kirchenvertretern ein sehr gutes Datenschutzkonzept entwickeln. Ausgehend von der Erzdiözese München-Freising gab es dann aber wachsende Widerstände. Zwar hat uns Bischof Ackermann noch bis Mai 2012 darin unterstützt, den geltenden Vertrag umzusetzen. Aber ab dann setzten sich in der Kirche diejenigen durch, die das Projekt durch Änderungen des Vertrags unter Kontrolle halten wollten.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen geht es vor allem um die Deutungshoheit über den Konflikt. Die Kirche geht gerichtlich gegen Sie vor.

Pfeiffer: Die Kirche hat in der Tat am 13. Januar beim Landgericht Hamburg den Erlass einer Einstweiligen Verfügung gegen mich beantragt. Ich sollte nicht mehr behaupten dürfen, dass die Kirche gegenüber dem KFN als Vorbedingung für das weitere Forschen Zensurwünsche geltend gemacht hat. Am 16. Januar ist dann bei den Gerichten unsere Schutzschrift eingegangen. Daraufhin hat die Kirche ihren Antrag auf Erlass der Einstweiligen Verfügung zurückgezogen. Sie wird nun die Kosten einschließlich unserer Anwaltsgebühren zu tragen haben. Und ich kann weiterhin ohne Maulkorb das verkünden, was ich von Beginn an als Grund des Scheiterns benannt hatte. Die Unterlassungsandrohung war reine Show.

SPIEGEL ONLINE: Ab welchem Punkt war für Sie klar, dass das Projekt nicht mehr zu retten ist?

Pfeiffer: Der Bruch kam, nachdem ich Ende Oktober mit zwei Briefen an die Bischöfe klären wollte, ob sie noch hinter dem Projekt und unserem Vertrag stehen. Die Kirche hat das als Vertrauensbruch bewertet. Ich sah keinen anderen Weg, weil ich die Bischöfe auch fragen musste, in welchem Ausmaß es bei ihnen zu Aktenvernichtungen gekommen ist. Das konnten nur sie beantworten und nicht der Verband der Diözesen Deutschlands.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende ist es wie in einer Beziehung: Es bleibt die Frage, wer Schluss gemacht hat. Haben Sie die Zusammenarbeit für beendet erklärt oder waren es die Vertreter der Kirche?

Pfeiffer: Die Kirche hat gekündigt, nachdem wir uns geweigert hatten, einen Auflösungsvertrag zu unterschreiben, der uns zum Schweigen verpflichtet hätte.

SPIEGEL ONLINE: Für die Kirche handelte es sich um ein Prestigeprojekt, dessen Umsetzung nach dem Missbrauchsskandal von großer Bedeutung war. Warum hat sie die Zusammenarbeit beendet?

Pfeiffer: Es gibt einen Moment, von dem ich rückblickend denke, dass er entscheidend war. Ich habe vor Vertretern der Kirche einen Vortrag gehalten, warum der sexuelle Missbrauch in den USA in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen ist. Die Erkenntnis der dort durchgeführten Studie war: nur 5 Prozent der Täter innerhalb der Kirche waren pädophil, 95 Prozent sogenannte Ersatzhandlungstäter, die sich an Kindern vergehen, weil der von ihnen bevorzugte Sexualpartner nicht verfügbar ist. Doch das hat sich durch die sexuelle Revolution gewandelt. Priester, die sich nicht an den Zölibat halten wollten, konnten mit ihren Wunschpartnern Beziehungen eingehen. Doch dieser Erklärungsansatz war für die Kirche eine enorme Bedrohung.

SPIEGEL ONLINE: Die Erklärung wäre doch für die Kirche eher von Vorteil gewesen.

Pfeiffer: Die Kirche hat diese Liberalisierung der Sexualmoral über Jahrzehnte bekämpft. Sollte meine Hypothese stimmen, wäre die sexuelle Revolution von Vorteil gewesen für die Kirche. Sie drohte, ihre alte Bastion zu verlieren. Auch der Zölibat war bedroht.

SPIEGEL ONLINE: Die Anwälte der Bischofskonferenz haben Ihnen unterstellt, Sie wollten die Forschungsergebnisse am liebsten in der "Gala" veröffentlichen.

Pfeiffer: Ich habe das als Provokation empfunden und gedacht: Vielleicht ist das der Versuch, uns zu einer Kündigung des Vertrags zu bewegen, damit man uns nicht kündigen muss. In den vergangenen Wochen bin ich häufig persönlich angegriffen worden. Bewusst habe ich nie entsprechend zurückgeschlagen. Wenn mir ständig vorgehalten wird, ich hätte mit meinem Zensurvorwurf die Unwahrheit gesagt, zeigt das nur: Die, die so etwas behaupten, nehmen das 8. Gebot nicht ernst. 'Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten.'

SPIEGEL ONLINE: Bischof Ackermann sagt, "die Kündigung des Vertrags hat wirklich viel mit der Person Pfeiffer zu tun".

Pfeiffer: Das sind alles Ablenkungsmanöver. Für mich ist das schlechter Stil. Die Kirche diffamiert mich, weil ihr Sachargumente fehlen.

SPIEGEL ONLINE: Die Kirche spricht von einem Vertrauensbruch. Wie ist ihr Verhältnis?

Pfeiffer: Ich bin von einigen menschlich sehr enttäuscht. Dass Pater Langendörfer die Chuzpe hat, in der "Beckmann"-Sendung zu behaupten, ich hätte die Unwahrheit gesagt, schockiert mich geradezu. Unter welchem Druck muss dieser an sich doch kluge und kultivierte Mensch stehen, dass er so vom Kurs abkommt?

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie es nicht im Interesse der Opfer schaffen müssen, friedlich auseinanderzugehen? So haben alle Schaden genommen - vor allem das Projekt selbst.

Pfeiffer: Gerade die Opfer müssen die wahren Gründe für das Scheitern des Projekts erfahren. Deswegen kam ein friedliches Auseinandergehen, bei dem sich beide Seiten zum Schweigen verpflichten, für mich nicht in Betracht.

SPIEGEL ONLINE: Man kann den Eindruck gewinnen, in diesem Streit kreisen alle Beteiligten derzeit vor allem um sich selbst. Was sagen Sie den Opfern, die große Hoffnungen in die Untersuchung gesetzt hatten - und jetzt vor allem wütend sind?

Pfeiffer: Ihre Wut ist berechtigt. Ich bitte die Opfer um Verständnis dafür, dass wir unter den Bedingungen der Kontrolle und Zensur nicht forschen können. Wir bitten die Opfer, beim KFN unseren Fragebogen anzufordern, damit sie ihn anonym ausfüllen und zurücksenden können. Wir möchten aufdecken, was sie erlebt haben und wie die Kirche mit ihnen umgegangen ist. Die Opfer haben einen Anspruch darauf, dass das geklärt wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie werten Sie persönlich den Bruch?

Pfeiffer: Es ist der größte Frust meines gesamten Wissenschaftlerlebens, dass dieses Projekt nicht realisiert werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt nach all dem Unmut etwas, dass Sie aus der Auseinandersetzung gelernt haben?

Pfeiffer: Ich habe den Kooperationspartner Kirche in seiner Komplexität unterschätzt. Ich war euphorisch. Mit den Vertragspartnern haben wir bei gutem Wein gemeinsam auf das Große angestoßen, was wir vorhatten. Doch dann war alles viel schwieriger als ich gedacht hatte. Ich war naiv.

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