AfD-Hetze gegen Christkind "Ich habe das nicht für so relevant gehalten"

Ignorieren oder kontern? Der Wirbel ums Nürnberger Christkind Benigna Munsi zeigt das Dilemma der Politik, auf krude AfD-Postings angemessen zu antworten. Die angegriffene Schülerin bleibt gelassen.

Benigna Munsi bleibt trotz der Attacken ziemlich cool
Nicolas Armer/ dpa

Benigna Munsi bleibt trotz der Attacken ziemlich cool

Von , Nürnberg


Es ist ein skurriler Termin am Sonntagnachmittag im Nürnberger Rathaus. Draußen flanieren die Touristen durch die Straßen der Altstadt, sie steigen hinauf zur Burg oder essen eine Bratwurst. Drinnen in einem Besprechungsraum sitzt ein zierliches Mädchen mit schwarzen Locken, Hornbrille und fröhlichem Lachen vor den Kameras und Mikrofonen. Benigna Munsi wird flankiert von ihren Eltern und dem Oberbürgermeister.

Mit der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz antworte man gezwungenermaßen auf ein "paar bescheuerte Reaktionen" im Internet, erklärt der SPD-Politiker Ulrich Maly. Ein Internet-Eintrag eines AfD-Ortsverbandes, den er nicht noch einmal referieren wolle.

Andererseits: Die Zeit sei vorbei, als man solche Kommentare einfach habe passieren lassen. Die rassistische Konnotation sei neu. "Man könnte heulen über so viel Menschenfeindlichkeit", sagt Maly. Seine Botschaft: "Das Nürnberger Christkind ist das Nürnberger Christkind. Und das ist weder eine Staatsangehörigkeitsfrage noch eine ethnische Frage."

Dann spricht die 17-jährige Schülerin Munsi ein paar Worte. "An sich geht es mir gut", sagt sie. Sie erhalte viele Kopf-hoch-Nachrichten von Freunden. Was in den sozialen Medien sonst noch so geschrieben werde, versuche sie zu ignorieren. "Ich habe das nicht für so relevant gehalten."

Attacke nach bewährten AfD-Mustern

Munsi wurde vergangene Woche aus mehreren Bewerberinnen zwischen 16 und 19 Jahren als neues Nürnberger Christkind gewählt. Sie wird Ende November vom Balkon der Frauenkirche mit einer kurzen Ansprache den berühmten Nürnberger Christkindlesmarkt eröffnen und danach in der Adventszeit über 150 Termine wahrnehmen, vor allem um in diversen Einrichtungen Alte und Kranke zu erfreuen.

Das wohltätige Amt ist eine Institution in der fränkischen Stadt und existiert seit fast 50 Jahren. Ausgewählt werden besonders geeignete Jugendliche, sie müssen den Text ihres Vortrags und ein Gedicht aufsagen und Fragen der Jury beantworten. Benigna überzeugte die Juroren mit ihrer Fröhlichkeit und Offenheit.

Munsi besucht ein Nürnberger Gymnasium. Sie spielt Oboe, singt im Kinder- und Jugendchor der Kirchengemeinde St. Bonifaz und engagiert sich seit Langem als Ministrantin. Nach der Schule wolle sie Schauspiel studieren, schrieb sie in ihrer Bewerbung.

Der Lebenslauf interessierte jedoch den AfD-Kreisverband München-Land nicht. Der verbreitete auf Facebook ein Foto von Munsi und dazu folgenden schwurbelig-rassistischen Text: "Nürnberg hat ein neues Christkind. Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen."

Die Attacke folgte bewährten AfD-Mustern: Unter Bezug auf christliche Symbole oder Feste, unter Bemühung von Kita-Speiseplänen oder Familiennamen wird suggeriert, den Deutschen und ihren Bräuchen drohe die Auslöschung.

Meist folgt dann irgendwann eine halbgare Entschuldigung.

Inzwischen ist der Eintrag gelöscht. Auf der AfD-Seite heißt es dazu, der Redakteur habe zunächst die Wahl kritisiert, "weil er sich aus der Gewohnheit heraus das Christkind anders vorgestellt hatte". Und weiter: "Dieser Post entspricht nicht den Werten der AfD." Der Redakteur habe niemanden beleidigen wollen "und ist umgehend zurückgetreten".

Die volle Wucht des Candystorms

Doch parallel explodierte der Candystorm im Internet, also das Gegenteil des berüchtigten Shitstorms. Sie habe den Begriff auch erst kennenlernen müssen, erzählt die Schülerin auf der Pressekonferenz. Politiker bekundeten im Netz ihre Solidarität. "Diese Hetze dürfen wir nicht zulassen", schrieb Bayerns Ministerpräsident Markus Söder auf Twitter. Sein Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verlautete: "Hier begegnet uns die hämische Fratze des Rassismus, den die AfD als ihre Geisteshaltung immer gerne leugnen möchte."

Das sind sicher gerechtfertigte Aussagen, die jedoch wie auch die mediale Berichterstattung an die ursprüngliche Diskriminierung erinnern und die normale Lebenswelt einer normalen Schülerin zu überprägen drohen.

Munsis Vater, der ursprünglich aus Indien stammt, erzählt von seiner erfolgreichen Integrationsgeschichte. Er studierte Elektrotechnik in Deutschland, lernte dort seine Frau kennen und gründete mit ihr eine Familie. "Ich bin mit offenen Armen empfangen worden", sagt Vater Munsi. Er arbeitet inzwischen beim BAMF und hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Er vertraue auf die "Stärke der Demokratie", so Munsi.

Seine Tochter freut sich erst einmal auf die Normalität in der Schule nach den Herbstferien, auf das Wiedersehen mit ihren Freundinnen. In ein paar Tagen werde sie zum ersten Mal ihren Ornat für die Eröffnung des Weihnachtsmarktes ausprobieren. Für sie gehe damit ein Traum in Erfüllung: "Ich wollte immer Christkind werden, seit ich nicht mehr ans Christkind geglaubt habe."

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