Christliche US-Missionare "Kann man auch Außerirdische bekehren?"

Missionieren ist gefährlicher denn je - in einigen Ländern braucht man dafür Todesmut. Ein US-Ausbildungszentrum für Christen mit Bekehrungsdrang rekrutiert heute trotzdem fünfmal mehr Schüler als 2004. Bibeln werden im Slang der Bronx, auf Plattdeutsch und auf Klingonisch unters Volk gebracht.
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Missionarsausbildung: "Kann man auch Außerirdische bekehren?"

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Es ist Freitagmittag, halb zwölf, eine Zeit, zu der für die meisten Studenten schon das vorgezogene Wochenende beginnt, aber Raum 138 im Billy Graham Center ist bis auf den letzten Platz gefüllt.

Etwa 40 Studenten sind gekommen, Frauen und Männer Anfang zwanzig, die lernen wollen, wie man Menschen zum Christentum bekehrt. Jerry Root, der Professor, ist ein stämmiger Mann, vollbärtig, glatzköpfig, aber ausgestattet mit einer festen Stimme und voller Passion für seinen Job. Als er den Raum betritt, platzt einer seiner Schüler mit der Frage heraus: "Kann man eigentlich auch Außerirdische bekehren?"

Root lehrt "Intro to Evangelism", den Einführungskurs für künftige Missionare. Sein Institut ist eine der US-Kaderschmieden im Kampf um die Vormacht der Religionen - mit einem hochspezialisierten Ausbildungsprogramm, um den Wettbewerb mit dem Islam zu gewinnen. Es gibt dafür einen Schwerpunkt "Muslimische Mission".

Knapp 3000 Studenten sind hier eingeschrieben. Sie sollen später als Entwicklungshelfer arbeiten können und als Missionare im In- oder Ausland.

Es geht darum, das beste Marketing einzusetzen, um die Religion voranzubringen, und das bedeutet konkret, möglichst harmlos zu klingen. Bloß nicht vom Krieg der Religionen reden, vom Angriff, von der Konfrontation. "Wir wollen niemandem einen Glauben aufzwingen", sagt Root zu seinen Studenten. "Wir wollen nur allen sagen, wie gern sie der liebe Gott hat. Das funktioniert. Jeder will am Ende geliebt werden."

"Nur eine einzige Chance, einen Menschen zu bekehren"

Mission ist flexibel, es gibt Instrumente für jeden, sagt Root. Die Bibel hat unterschiedliche Techniken und Stile für alle vorgesehen, für Draufgänger und Introvertierte, für Kumpeltypen und Intellektuelle. Zwölf verschiedene Instrumente unterscheidet Root in seinem Kurs, die Konfrontation etwa, die Hilfe und das Geschenk, aber das alles war schon letzte Stunde dran. Jetzt sind sie bei Stil Nummer neun, dem Martyrium. Root scherzt: "Der Stil ist sehr unbeliebt", dann bittet er einen Studenten zum Kurzreferat.

Jeder Stil wird besprochen, auf Vor- und Nachteile geprüft, und am Ende sollen die Studenten erläutern, wie Stärken maximiert und Schwächen minimiert werden können. Ein junger Mann geht vorn ans Pult, redet über die Vor- und Nachteile des Martyriums, und am Ende sagt er: "Das Problem ist, dass, wenn man das Martyrium wählt, man nur eine einzige Chance hat, einen Menschen zu bekehren. Man kann kein Follow-up machen und die Leute fragen, ob alles in Ordnung ist." Selbst Root muss jetzt lachen, so absurd wie das klingt. Aber sofort ruft er seine Schüler wieder zur Räson. "Das ist eigentlich gar nicht zum Lachen."

Missionieren ist heute gefährlicher denn je, in einigen islamischen Ländern braucht es dafür heute Todesmut. Und doch hat sich die Zahl der Missionare nach dem Missionshandbuch des Graham Centers innerhalb von fünf Jahren verfünffacht: von 64.000 auf 346.000.

Ein Viertel aller Missionare stammt aus den USA, und viele zieht es ins sogenannte 10/40-Fenster, die Region zwischen dem 10. und 40. nördlichen Breitengrad, in die der Nahe Osten ebenso fällt wie der indische Subkontinent und weite Teile Asiens. Dort ist Überzeugungsarbeit ein hartes Geschäft. "Unser Problem ist noch, dass wir als westliche Religion wahrgenommen werden mit lockeren moralischen Standards", sagt der Dean des Graham Center, Lonnie Allison.

Die Herausforderung, den Wettlauf mit dem Islam zu bestehen

Allison ist ein freundlicher Mann mit einem Lächeln wie aus der Zahnpastawerbung. Sein Büro ist in der vierten Etage des Graham Center untergebracht, wie seine Sekretärin bemerkt, "hinter der Kalligraphie an der Wand, 2. Buch der Korinther 5:20". Er sagt, dass die christlichen Kirchen vor einer großen, strategischen Herausforderung stünden, den Wettlauf mit dem Islam zu bestehen.

In Wheaton bekehrt das Graham Center gezielt Muslime, die dann Mitglieder der sogenannten "Muslim Background Believers" (MBB) werden können - bekehrte Christen mit muslimischem Hintergrund. Das ist für Allison die Kernzelle für den Erfolg der christlichen Religion. "Wir müssen die Wahrnehmung umdrehen: Dass nicht der Westen den Rest der Welt zu Christen bekehrt, sondern der Rest der Welt uns."

Es gehört zu der Überzeugung der Missionare, dass sie nur dann erfolgreich sein werden, wenn sie sich an die speziellen Bedürfnisse der Menschen in unterschiedlichen Regionen und Kulturen anpassen, nicht umgekehrt. So wie die Bibel immer wieder angepasst wird, wie sie immer wieder neu übersetzt und gemäß einem sich stets wandelnden Jargon angepasst wurde. Kein anderes Buch in der Welt gibt es heute in einer derart reichen Vielfalt.

Ein paar Meter vom Columbus Circle entfernt, an der Südwestecke des New Yorker Central Park, hat die Amerikanische Bibelgesellschaft ihr Hauptquartier aufgeschlagen, das zwölf Stockwerke hohe Gebäude beherbergt die größte Bibelsammlung Nordamerikas.

Seit 19 Jahren ist Liana Lupas für diese Sammlung zuständig. Sie ist eine kleine, von der Archivarbeit gebückte Frau, 69 Jahre alt, mit grauen Locken und hellen Augen hinter der runden Brille. Sie kam als Doktor der Philosophie, aber das interessierte hier niemanden. Sie ging auf die Columbia Universität, absolvierte ein Studium als Bibliothekarin, und irgendwann sah sie eine Anzeige der Bibelgesellschaft, bewarb sich und bekam diesen Job als Bibliothekarin. Seitdem lebt sie hier mit den Bibeln, die sie "meine Bücher" nennt, weil nur sie diese Bücher entscheiden kann.

"Gott spricht deine Sprache, das ist die Botschaft"

Lupas hütet mehr als 45.000 Bibeln, geschrieben in 2500 Sprachen und Dialekten. Das deckt die Muttersprachen von mehr als 90 Prozent der Weltbevölkerung ab. "Gott spricht deine Sprache", sagt Lupas, "das ist die Botschaft."

Jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt eine neue Bibel erscheint, lässt sie sich ein Exemplar schicken, gibt ihr eine Nummer, trägt sie in ihrem Computer ein und gibt ihr einen Platz in einem der knapp 1673 Regale, die sich auf zwei Etagen verteilen. Auf ihrem Schreibtisch liegt gerade eine neue Bibel in Dungra Bhil, einer der mehr als hundert Sprachen, die in Indien gesprochen werden. Sie hat es im "Ethnologue" nachgeschaut, dem Weltsprachenlexikon. Es gibt 100.000 Menschen, die Dungra Bhil sprechen.

Wenn Lupas Gäste empfängt, dann muss sie immer die teuersten Bücher zeigen, die erste englischsprachige Bibel, die in den Vereinigten Staaten gedruckt wurde und heute eine Dreiviertel Millionen Dollar wert ist, und ein Bibelmanuskript aus dem Jahr 1762, das sie für immerhin eine Viertel Millionen Dollar versichern ließ. Sie mag diese Bibeln, sie nimmt sie gern heraus, aber diese Bibeln erzählen nicht die eigentliche Geschichte, sie gehören zu dem Teil ihrer Bibliothek, die sie die "Fassade" nennt, die Vorzeigefront, die man vom Museum der American Bible Society aus durch ein Glasfenster sehen kann.

Die Bibel im Slang der Bronx, auf Plattdeutsch und auf Klingonisch

Lupas ist vor Regal 48 stehen geblieben, hier stehen die Bibeln aus Papua-Neuguinea. Sie allein füllen 26 Regale. Im Regal 29D1 zieht sie eine Bibel von der Elfenbeinküste heraus. Sie ist auf Plapo geschrieben, 2003 von Wycliffe Bible Translators veröffentlicht, und dieses Plapo, sagt Lupas, werde gerade einmal von hundert Menschen gesprochen. "Was für eine Passion muss man haben", sagt Lupas, "die Bibel für weniger als hundert Menschen zu übersetzen?"

Allein auf Englisch erscheinen jedes Jahr ein bis zwei neue Übersetzungen, insgesamt sind es etwa 900. Es gibt das Neue Testament auf Inupiaq, was nur von einer Handvoll Alaska-Inuit gesprochen wird, es gibt die Bibel im Slang der Bronx, auf Plattdeutsch, und es gibt einige Teile auch auf Klingonisch, jener außerirdischen Sprache aus "Star Trek".

Es ist manchmal ein wenig zu bunt, was da angeboten wird, Bibeln in großer und kleiner Schrift, Bibeln für Frauen, für Studenten, für Kinder, ja gar für Babys mit weniger Text, bunten Bildern und Seiten aus dickem Karton, Bibeln in allen Formaten und Farben, in der "Ultraslim"-Version oder im "DeLuxe Giant Print", als "Find & Seek"-Bibel für Studenten, als "Outdoor"-Bibel für harte Frauen und Männer, als "Abenteuer"-Bibel für Jungen oder als "Prinzessinnen"-Bibel für Mädchen, die mit einem rosa Umschlag gelockt werden und einer silbernen, glitzernden Schnalle. Aber am Ende dient auch das dazu, die Bibel noch größer, noch bekannter zu machen.

In den Vereinigten Staaten werden jedes Jahr 20 Millionen Bibeln verkauft, und das obwohl jeder amerikanische Haushalt im Durchschnitt schon drei Bibeln besitzt.

Es ist ein einträgliches Geschäft mit einem Jahresumsatz von 500 Millionen Dollar, und selbst die großen, nichtchristlichen Verlagshäuser wie Penguin und HarperCollins sind ins Bibel-Business eingestiegen.

Es gibt die Bibel inzwischen in jeder Form, als Hörspielkassette, als Sammlung aus 60 CDs in einer schwarzen Tragetasche fürs Auto, die Amerikanische Bibelgesellschaft vertreibt sogar Bibel-Chips für Handys, kleine Tischlautsprecher und das DVD-Spiel für Kinder ab fünf.

Man kann Jesu' Speisung der 5000 nachspielen oder mit Maria und Josef zusammen die Ställe in Bethlehem abklappern, bis man einen Wirt findet, der ihnen einen Raum zuweist, in dem Jesus zur Welt kommen kann. Die Bible Society verspricht dazu "Pop-Up-Lessons", Lehrreiches, etwa, wie man anderen hilft.

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