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CSD in Pirna: Angst vor der Party

Foto: Muriel Kalisch

Liberale vs. Reaktionäre beim CSD Sachsen ringt um seine Seele

In Pirna in Sachsen fand lange der kleinste Christopher Street Day Deutschlands statt. Doch inzwischen kommen mehr als 2000 Menschen - je größer er wurde, desto mehr macht die AfD Stimmung gegen Homosexuelle. Mit ersten Folgen.

Um 21:09 Uhr gibt Christian Hesse die Verantwortung ab. Was in den nächsten Stunden passieren wird, das liegt nicht mehr in seiner Hand. Stattdessen beziehen zwei Männer Stellung vor dem Rathaus in Pirna. Sie tragen schwarz und große Muskeln. Christian Hesse hätte gern mehr Sicherheitsleute, um sein Fest vor der Nacht zu schützen. Aber das kann er sich nicht leisten.

Zum achten Mal findet in Pirna ein Christopher Street Day (CSD) statt. Eine Zeit lang bewarben die Veranstalter ihn als "Kleinsten CSD in Deutschland", aber letztes Jahr kamen mehr als 2000 Besucher und seitdem stimmt das nicht mehr. Zweimal wurde er in der Nacht vor dem Fest von Unbekannten angegriffen.

Als die Organisatoren 2017 den Marktplatz am Samstagmorgen erreichten, fanden sie ihre Arbeit weitestgehend zerstört. Die Planen der Bühne aufgeschlitzt, die Regenbogenflaggen heruntergerissen. Wie versteinert habe er dort gestanden, sagt Christian Hesse.

Der Organisator entschied, dass er einen Sicherheitsdienst braucht.

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CSD in Pirna: Angst vor der Party

Foto: Muriel Kalisch

Nach der NPD kam die AfD

Hesse ist 34 Jahre alt, ein schmaler, blonder Mann, der immer wieder Zigaretten aus seiner Bauchtasche fischt. Geboren ist er in Hoyerswerda, ganz im Norden von Sachsen. Ein paar Jahre verbrachte er in Dresden, dann zog er 2012 mit seinem Freund nach Pirna. Er mag die Stadt. Hesse arbeitet als Verkäufer bei einer Drogeriekette. Die Organisation des CSD ist ein Ehrenamt. In den letzten Wochen vor dem Fest steht er um sechs Uhr auf, um vor der Arbeit noch zwei, drei Stunden "was zu schaffen".

Die S-Bahnfahrt von Dresden nach Pirna dauert 20 Minuten. Pirna ist mittelgroß und sehr schön. Wo kein Stuck die Häuser ziert, da ist er aufgemalt. Die sächsische Schweiz ist nicht weit, es kommen viele Touristen zu Besuch. An den Häusern erinnern Wassermarken an das Jahr 2002, als die Elbe über die Böschung trat und die Innenstadt unter Wasser setzte. Doch bei den letzten Regionalwahlen wurde die AfD stärkste Kraft, davor saß die NPD im Stadtrat.

Vor dem Rathaus hängen vier Flaggen: Die Flagge der Stadt, zwei Regenbogenflaggen und eine Transflagge. Sie ist blau und rosa. "Die erste Stadt in Sachsen, in der eine Transflagge am Rathaus hängen darf", sagt Hesse. Darauf ist er stolz.

"Gezielte Grenzüberschreitungen"

Martin Wunderlich arbeitet für die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) "Queeres Sachsen", ein Dachverband, unter dem sich Initiativen für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) sammeln. Er beklagt "gezielte Grenzüberschreitungen" durch die AfD. Die Partei postet aus den Haushaltsverhandlungen auf Facebook: "Sachsen will Unsummen für Frühsexualisierung ausgeben". "Frühsexualisierung, das ist so ein politischer Kampfbegriff", sagt Wunderlich. Ein anderer sei die "Verschwulung unserer Kinder". Die Methode der AfD sei es, die Förderung von LGBT-Projekten mit ideologischer Indoktrinierung gleichzusetzen.

Im letzten Jahr gab es bereits einen Sicherheitsdienst. Doch in der Nacht stürmte eine Gruppe Jugendlicher den Pirnaer Marktplatz, die zwei Männer konnten nichts ausrichten. Sie trugen zehn blaue Müllsäcke gefüllt mit Papierschnipseln. Auf denen stand: "Fuck Homos", "Scheiß CSD" und "Verschwindet aus Pirna". Es war eine windige Nacht. Als Christian Hesse den Marktplatz erreichte, da hatten sich die Zettel schon in der ganzen Stadt verteilt.

Christian Hesse kümmert sich. Um die Deko, um seine Helfer, um die Nachtwächter. Mit dem CSD will er besonders jungen LGBT einen Raum geben, in dem sie sich wohlfühlen. Einen, an dem sie ihre Partner küssen können, ohne etwas befürchten zu müssen. Die Angriffe auf ihre Feier waren für Hesse auch Angriffe auf ihre Art zu leben.

Von Beleidigungen bis hin zu schwerer Körperverletzung

Hesse vermutet, dass es rechte Täter gewesen sind. Aber die Polizei hat die Schuldigen nicht finden können.

Die LAG "Queeres Sachsen" hat in diesem Jahr eine Studie durchgeführt, wie oft LGBT Opfer von Gewalt werden, die sich gegen ihre sexuelle Identität richtet. Die Studie ist nicht repräsentativ, aber sie ist die erste auf diesem Gebiet. Zwischen 2001 und 2017 zählte der Kriminalpolizeiliche Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität bei "Hasskriminalität" unter "Sexuelle Orientierung" 55 Fälle in Sachsen. Die LAG Queeres Sachsen zählte 1672 Fälle in den letzten fünf Jahren.

Die Hälfte waren Beleidigungen, die anderen Fälle reichten von Drohungen bis hin zu schwerer Körperverletzung.

"Ich wurde als Schwuler, Arschficker etc. beschimpft, der nach Auschwitz abgeschoben gehört", schreibt einer; eine Andere gibt an: "Meine Freundin und ich wurden in der Straßenbahn bedroht, beleidigt und beschimpft. Wir mussten ein paar Haltestellen früher aussteigen. Keine Person in der Bahn kam uns zu Hilfe. Die Täter verabschiedeten uns mit dem Hitlergruß."

Ringen um die Seele des Freistaats

Nur elf Prozent der Straftaten aus der Studie wurden zur Anzeige gebracht. Die Menschen sprechen nicht gern darüber, was ihnen widerfahren ist, sagt Wunderlich. Sie haben Angst bei der Polizei nicht ernst genommen zu werden oder haben auch dort bereits negative Erfahrungen gemacht.

Zwei große Konzerte finden diese Woche in der Region statt. "Wir bleiben mehr" in Chemnitz feiert ein weltoffenes Sachsen, in Themar treffen sich Neonazis. "Es findet ein Ringen um die Seele des Freistaats Sachsen statt", sagt Martin Wunderlich. Es passiere beides gleichzeitig: Auf der einen Seite würde die Region immer liberaler. "Aber es gibt auch einen Backlash: Reaktionäre Kräfte, die den Fortschritt gern rückgängig machen würden".

Angst ist ein mächtiges Gefühl

"Wir beobachten die politische Situation vor den Landtagswahlen sehr genau", sagt Wunderlich. Seine Filterblase sei voll von Übergriffen und Beleidigungen gegenüber LGBT. Sein Facebookfeed ist ein Brennglas für die Probleme von Menschen, die etwas anders leben als der Durchschnitt.

In Wurzen, einer kleinen Stadt nahe Leipzig, rief eine rechte Gruppe über Soziale Medien dazu auf "Schwule zu klatschen". Passiert ist nichts. Die Meisten versteckten sich hinter der Anonymität des Internets, weiß Wunderlich.

Viele LGBT fürchten, dass sich das nach den Landtagswahlen ändern könnte. Dass die Gewinne einer Partei, die Stimmung gegen Minderheiten macht, dazu führen, dass bestehender Hass offener zutage trete. So weit ist es nicht. Aber Angst ist ein mächtiges Gefühl.

Um halb eins ist der Marktplatz in Pirna still. Die Cafés und Restaurants sind schon seit Stunden geschlossen. Ein Mann überquert den Platz. Er bleibt vor der Bühne stehen und beäugt sie skeptisch. "Was soll das denn sein?", fragt er. Christopher Street Day, das sagt ihm nichts. Kurze Erklärung. Der Mann sagt: "Ah, wie schön". Dann geht er wieder. Die beiden Sicherheitsmänner tauschen Blicke aus. Es wird eine ruhige Nacht werden, da sind sie sich einig. Sie sollen recht behalten.

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