Christopher Street Day "Sodom und Gomorrha" auf Kölns Straßen

Die Piusbrüder zürnen über den "Zuchtlosen-Umzug" - doch Deutschlands Schwulenhauptstadt lässt sich das Feiern nicht madig machen. 700.000 Kölner gingen zum Christopher Street Day auf die Straße, zeigten Lack, Leder und viel Lust an der Party. Umstritten dabei: Wie viel Haut darf's denn sein?

Es ist wie Karneval, nur viel heißer - sofern das Wetter mitspielt. Und an diesem sonnigen Sonntag spielt es prächtig mit. Ausgelassenheit liegt in der Luft, es wird getanzt, flaniert, geflirtet. Das ist so üblich beim Christopher Street Day (CSD) in Köln, und diesmal gibt es einen Grund mehr: das Jubiläum.

"Unsere Freiheit hat Geschichte. 40 Jahre CSD", heißt das Motto und erinnert an die Geburtsstunde der homosexuellen Emanzipations- und Bürgerrechtsbewegung. Seinen Ursprung hat der CSD in New York: Im Stadtteil Manhattan rebellierten 1969 Homosexuelle gegen schikanöse Polizeirazzien. Als es im Juni '69 erneut zu einer Polizeiaktion in der Szenekneipe "Stonewall Inn" in der Christopher Street kam, setzten sich die Schwulen zum ersten Mal gemeinsam und erfolgreich zur Wehr.

Der "Summer of 69" ist lange her, der CSD hat längst ein Eigenleben entfaltet. Und das farbenprächtige Spektakel am Rhein hat in der Szene einen besonderen Ruf. "D'r rosa Zoch kütt!", sagt man in Köln. 700.000 Feiernde sind diesmal dabei. Walter, 35, und Markus, 25, sind extra aus Österreich angereist und haben sich den ganzen Körper mit Gold- oder Silberfarbe bemalt. Alle zwei Meter müssen sie stehenbleiben und für Fotos posieren. "In Köln sind die Leute aufgeschlossener", findet Walter. Wo man sich auch umhört: Die meisten Paradeteilnehmer halten die rheinischen Frohnaturen für besonders tolerant und locker.

Eigentlich ist für Schwule und Lesben die Welt in Ordnung in Köln. Aber wie weit soll die Lockerheit gehen? In der Szene ist das durchaus umstritten. War die Parade früher Teil des Kampfes um Gleichstellung, verkam sie zuletzt in den Augen ihrer Kritiker zum kommerziellen Partyspektakel. 2006 gab es erstmals Streit, als ein Kölner Bordell einen Wagen anmeldete. Einige Schwule meinten damals, das sei doch kein Problem. So manche Lesbe wollte da den Solidarpakt mit den Männern aufkündigen.

Szenestreit um Freizügigkeit und "Spießertum"

Und jetzt ist da diese Charta . Als CSD-Veranstalter hatte der Kölner Lesben- und Schwulentag (KLuST) bereits im Januar einen Verhaltenskodex beschlossen. Die Parade sei "die gemeinsame Demonstration von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender" sowie deren Freunden und Unterstützern, heißt es in der Präambel. Und dann folgen einige Regeln: kein Platz für frauenverachtende, rassistische und gewaltverherrlichende Darstellungen. Keine Drogen. Nur ein Minimum an Werbung. Keine "sexuellen Handlungen in der Öffentlichkeit". Ja zu einem "gewissen Maß an Freizügigkeit", aber auch zu "Taktgefühl" - und Nein zu "maßloser Provokation".

"Wir wollen immer wieder deutlich machen, dass der CSD eine politische Demonstration ist", sagt Sabine Arnolds vom KLuST. "Wir dachten, mit der Charta ist der Diskussionsprozess abgeschlossen." Doch die Szene protestierte. Von "Spießertum" und einem "schleimigen Hygieneakt" war die Rede, viele fühlten sich gemaßregelt.

Jetzt sind sie unterwegs durch die Kölner Straßen, darunter die Sozialpädagogin Manuela, 48: "Mehr Leute, mehr Action, mehr Zuschauer", beschreibt sie den Zug. Manuela ist blass geschminkt und trägt eine Herrenperücke, die an Mozart erinnert. Kerstin, 34, neben ihr ist in einem kunstvollen Reifrock aus verschiedenen Stoffen in silber und pink erschienen. Von einer Charta für den CSD halten Manuela und Kerstin nichts. "Leben und leben lassen. Wem das nicht gefällt, der soll wegbleiben."

"Kann gar nicht nackt genug sein!"

Ralph, 39, ruft von Wagen Nr. 9 herunter: "Kann gar nicht nackt genug sein! Es ist Blödsinn, das zu reglementieren!" Und auch Blacky, 56, werktags Angestellter im öffentlichen Dienst, findet: "Die Spießer sollen zu Hause bleiben." Sein Wagen hat das Motto "Leidenschaft ist keine Sünde". Auf einem Transparent steht: "Weg mit der 'Charta'!"

Die ließ hinreichend Freiraum zur Interpretation, vor allem die einschlägige Fetischfraktion wollte auf keckes Busenblitzen und unanständiges Hüftwackeln nicht völlig verzichten. Die meisten Szeneclubs, Freizeitgruppen und Freunde mitunter sehr spezieller Veranlagungen beschränkten sich darauf, fröhlich zu harten Discobeats zu feiern, Flyer und Kondome zu verteilen, mit rosa Puscheln zu winken.

Die Kostüme waren bunt wie immer, vom Ganzkörperanzug in schwarzem Lack über aufwendige Trachten à la Rio de Janeiro bis zum "Normalo-Outfit" in weißer Jeans und pinkfarbenem Polohemd. Derweil flanierten prächtig aufgebrezelte Dragqueens würdevoll die Paradestrecke entlang, manch wohlerzogener "Haussklave" erhielt Ausgang und wurde latexgewandet vom stolzen Besitzer durch die Menge geführt. Die japanischen Touristen entlang der Strecke wussten jedenfalls kaum, worauf sie ihre Handykameras zuerst richten sollten.

Etwas arg Provozierendes ist allerdings trotz der Hitze kaum zu entdecken, die Parade war biederer als in den Vorjahren. Hat die Charta doch Wirkung gezeigt? Oder gar die Anwürfe konservativer Katholiken?

Die ewig unverstandenen Piusbrüder

Zuerst war es die Piusbruderschaft, die den CSD in ihrem Mitteilungsblatt attackierte. Mit einem höchst sonderbaren Text inklusive NS-Vergleich: "Wie stolz sind wir, wenn wir in einem Geschichtsbuch lesen, dass es im Dritten Reich mutige Katholiken gab, die sagten: 'Wir machen diesen Wahnsinn nicht mit!'. Ebenso muss es heute wieder mutige Katholiken geben!", heißt es darin. Und weiter: "Wehrt euch, solange es noch möglich ist. Stellt euch auf die Straßen und ruft: Wir wollen nicht, dass unsere Heimat ein Sodom und Gomorrha wird!"

Von einer "perversen Veranstaltung" und einer "offenen Propagierung der sodomistischen Sünde" sprachen die Piusbrüder - was ihnen prompt eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung eintrug, die Veranstalter des CSD Stuttgart bei der dortigen Staatsanwaltschaft stellten. Zudem protestierte Volker Beck von den Grünen gegen die "unchristliche und menschenverachtende Hetze", der Zentralrat der Juden gegen die "Absurdität" des Vergleichs.

Am Samstag erklärte dann ein Sprecher der Bruderschaft, dass "unsere Erwähnung des NS-Unrechts vollkommen falsch verstanden" worden sei. Katholiken seien immer aufgefordert, ihre Stimme zu erheben, "nicht erst dann, wenn totalitäre Regime die Menschenwürde systematisch missachten, sondern auch dann, wenn Interessengruppen öffentlich gegen die sittliche Ordnung aufstehen". Darüber hinaus erinnerten die Piusbrüder am Wochenende daran, dass 2006 orthodoxe Juden durch ihr "mutiges Auftreten" eine Parade von Homosexuellen durch Jerusalem verhindert hätten. Das sechste Gebot laute: "Du sollst nicht Unzucht treiben!" Und die Gebote Gottes seien orthodoxen Juden und überzeugten Christen gleichermaßen heilig.

"Mit nackten Hintern bekommt man keine Solidarität"

Mit scharfen Worten wetterte auch der katholische Kurienkardinal Walter Kasper gegen die "Christopher Street Day"-Umzüge. Der "Rheinischen Post" sagte er, die Position der Kirche sei völlig klar: "Respekt vor dem Einzelnen, aber wenig Verständnis für das Zurschaustellen, diese Propaganda bei den 'Christopher Street Days' und wohl im Einklang mit der Mehrheit der Bevölkerung - Nein zur Forderung nach Gleichstellung homosexueller Gemeinschaften mit der Ehe."

Die Kölner Partymeute dürfte die Kritik konservativer Katholiken kaum beeindrucken. Man hat Erfahrung mit sauertöpfischen Würdenträgern, das wird locker weggesteckt. Die Leute sind zum Feiern hier. Peter, 52, trägt eine Art schwarz-beigefarbenen Lack-Smoking, seine Begleiterin Petra, 48, das passende Kleid mit roter Korsage und Hut. Beide gehören "mehr zur SM-Fraktion". Sie freuen sich, dass auch diesmal wieder so viele Zuschauer gekommen sind: "Das ist die Bühne schlechthin, davon träumt ja jeder Schauspieler", findet Peter.

Marcos Schlüter alias René Gligée ist "Ende 30", trägt einen bordeauxroten Overall mit passender Perücke und eine große Brille. Auch der Comedian und Schauspieler ist ein großer Fan des Kölner CSD. Obwohl die verschiedenen Gruppen innerhalb der Szene sich untereinander "nicht immer grün" seien, spürt er hier die geballte Energie, den Zusammenhalt zwischen ihnen. Er gehört zu den wenigen an diesem Tag, die sich für eine Charta und gegen grenzenlose Freizügigkeit aussprechen: "Mit nackten Hintern bekommt man keine Solidarität bei der öffentlichen Masse."

mit Material von dpa und ddp