Helden des Corona-Alltags Clemens von Lassaulx, 57, Sozialarbeiter, berät Lehrer und Schüler am Telefon

Das öffentliche Leben steht still, doch einige Menschen halten die Gesellschaft am Laufen. Hier kommen sie zu Wort.
Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Silke Fokken
Clemens von Lassaulx, Berater am Hamburger Sorgentelefon: "Ich rate meist, den Tag klar zu strukturieren und Lernzeiten festzulegen"

Clemens von Lassaulx, Berater am Hamburger Sorgentelefon: "Ich rate meist, den Tag klar zu strukturieren und Lernzeiten festzulegen"

Foto: privat

Mehrere Stunden am Tag hört sich Clemens von Lassaulx, 57, die Nöte von Eltern, Lehrern und Schülern in Coronazeiten an - egal, ob es um verschobene Abi-Prüfungen, Stress beim Homeschooling oder noch ganz andere Probleme geht. Er sitzt an einem Sorgentelefon, das die Hamburger Schulbehörde dafür kürzlich eingerichtet hat.

Lassaulx ist Sozialarbeiter mit therapeutischer Zusatzausbildung. Er leiht den Menschen sein Ohr, berät – und versucht über den Hörer zu trösten, wenn am anderen Ende Tränen fließen. Daneben leitet er die Regionale Beratungsstelle Hamburg Nord. Sonder- und Sozialpädagogen sowie Schulpsychologen beraten hier zu Fragen der Inklusion und anderen schulischen Themen.

"Am ersten Tag, als die drei Nummern unseres Sorgentelefons freigeschaltet wurden, habe ich fast sieben Stunden lang den Hörer nicht aus der Hand gelegt. 30 bis 40 Menschen haben uns angerufen, mit ganz verschiedenen Sorgen. Inzwischen sind es etwas weniger Anrufe.

Eine Mutter war zum Beispiel verzweifelt, weil sie dachte, an der Schule ihres Kindes gebe es keine Notbetreuung. Gleichzeitig machte ihre Chefin Druck, sie müsse zur Arbeit kommen. Ich konnte helfen, indem ich bei der Schule nachgefragt habe. Es stellte sich heraus: Es gab nur deshalb keine Notbetreuung, weil noch niemand danach gefragt hatte.

So erreichen Sie das Sorgentelefon für Eltern, Schüler und Lehrer

Das Hamburger Sorgentelefon in der Coronakrise für Eltern, Schüler und Lehrer ist von montags bis freitags unter folgenden Nummern zu erreichen: 040 428 12 8209; 040 428 12 8219; 040 428 12 8050.

Es haben sich auch Lehrer gemeldet, weil sie nicht wussten, wie sie nun Kontakt zu ihren Schülern halten sollen. Sie dachten, sie dürften sie aus Datenschutzgründen nicht anrufen. Natürlich dürfen sie das.

Das große Thema aber ist Homeschooling. Eltern wenden sich an uns, etwa weil die technischen Voraussetzungen fehlen, weil ihr Kind sich inhaltlich überfordert fühlt oder nur schwer zu motivieren ist. Die sagen dann: 'Mein Sohn will einfach nicht". Manchmal ist das Kind der kleine Prinz in der Familie, die Eltern sind nicht darin geübt, Regeln aufzustellen. Ich rate meist, den Tag klar zu strukturieren und Lernzeiten festzulegen. Die Ausrede 'Das mache ich später' gilt nicht.

Gleichzeitig sollten Eltern nicht zum verlängerten Arm der Lehrer  werden, dauernd auf ihr Kind einschimpfen und Druck machen. Dann fühlt es sich irgendwann von allen Seiten abgelehnt. Man darf nicht vergessen, dass dieser Shutdown auch Kinder und Jugendliche belastet.

Heldinnen und Helden des Corona-Alltags

In der aktuellen Zeit braucht es Leute, die im Großen und im Kleinen mit anpacken, damit unsere Gesellschaft weiter funktioniert - sei es durch ihr berufliches oder privates Engagement. Wir stellen vor: Die Heldinnen und Helden des Corona-Alltags.

Es findet kein Unterricht statt, aber es sind auch keine Ferien. Die Lehrkräfte sind angehalten, mit dem Lehrplan weiterzumachen. Da muten einige ihren Schülern sehr viel an Stoff und Aufgaben zu, teilweise vielleicht zu viel. Eltern können das nicht auffangen. Das Wichtigste ist deshalb, dass Eltern einen guten Kontakt zu ihren Kindern behalten und immer mal wieder etwas Schönes zusammen machen.

Wenn Mütter und Väter hier deprimiert anrufen und glauben, alle anderen bekämen das mit dem Homeschooling bestens geregelt, nur sie selbst scheiterten, entlastet es sehr, wenn ich denen sage: 'Sie sind heute schon der zehnte Anrufer mit diesem Problem.' Ich rate oft, das Problem bei den Lehrern freundlich anzusprechen, dann zeigen die meisten doch Verständnis.

Besonders viele Gedanken mache ich mir aber derzeit um die Menschen, die nicht bei uns anrufen. Familien, die in schwierigen Verhältnissen leben, die wir aus unserer alltäglichen Arbeit in der Regionalen Beratungsstelle kennen. Ich weiß: Da sitzen nun viele Kinder dauernd vorm Fernseher oder der Playstation. Und den Eltern fehlt das Problembewusstsein. Familien, die uns bekannt sind, rufen wir von uns aus an und fragen nach, wie es so läuft.

Ich versuche, all diese Gedanken im Büro zu lassen. Ich wohne drei Kilometer von der Arbeit entfernt. Zurzeit laufe ich diese Strecke meistens. Wenn ich nach diesem Spaziergang zu Hause ankomme, habe ich den Kopf halbwegs frei."

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